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Foto: Fotostudio Sissi Furgler | Mediendienst.com
Prim. Dr. Heinrich Leskowschek Vorstand der Abteilung für Innere Medizin, LKH Wagna
 
Gastroenterologie 9. Juli 2009

Reflux: Nicht nur sauer, auch heiser?

Für den Hausarzt wichtig: Auch bei atypischem Beschwerdebild an den Reflux denken!

Neben klassischen Zeichen wie saurem Aufstoßen oder Sodbrennen kann Reflux mit atypischen Symptomen wie Heiserkeit, Thoraxschmerz oder Globusgefühl manifest werden. Durch den Vormarsch der Adipositas gewinnt das bereits an sich häufige Phänomen Reflux noch weiter an Verbreitung.

 

Neben einer Modifikation des Lebensstils sind Protonenpumpenblocker eine wirksame Maßnahme bei Refluxerkrankungen. Prim. Dr. Heinrich Leskowschek, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin, LKH Wagna, sprach mit der Ärzte Woche über das Management bei Reflux.

 

Können Sie das Problem Reflux epidemiologisch umreißen? Wer ist betroffen?

Leskowschek: Erste Berichte über Reflux und antike Therapieoptionen stammen aus der Römerzeit, als das Lutschen von Kieselsteinen bei Sodbrennen empfohlen wurde. Die Zehnerregel gibt einen groben Überblick über die heutige Verbreitung von Reflux. Rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung leiden täglich unter Refluxbeschwerden. Von ihnen entwickeln etwa zehn Prozent eine Ösophagitis, davon wiederum zehn Prozent einen sogenannten Barrettösophagus und davon zehn Prozent ein Karzinom. In den USA wurden 2002 mehr als acht Milliarden Dollar für refluxassoziierte Erkrankungen ausgegeben. Zahlen aus Österreich belegen den Trend: die Ausgaben für Protonenpumpenblocker (PPI) stiegen 2008 gegenüber 2007 von 155 auf 170 Millionen Euro an. Wichtigster gesicherter Risikofaktor und zugleich Promotor der epidemiologischen Ausbreitung ist die Adipositas.

 

Was macht den Reflux zur Krankheit? Welche Entitäten sind im Detail definiert?

Leskowschek: Gastro-ösophagealer Reflux ist per se ein Phänomen, das fast jeder kennt und schon selbst erlebt hat. Durch die Regurgitation von saurem Mageninhalt kommen H+-Ionen (Protonen) in die Intrazellulärspalten der Ösophagusschleimhaut. Säurewirkung und Dehnung verursachen den typischen Schmerz. Von einer Refluxerkrankung spricht man, wenn regelmäßig Beschwerden vorliegen. Endoskopisch kann die Nicht Erosive Refluxerkrankung NERD (Non Erosive Reflux Disease) von GERD (Gastro Esophageal Reflux Disease), der erosiven Refluxerkrankung mit manifesten Läsionen, unterschieden werden. Das endoskopische Bild bei GERD reicht von Rötungen über Flecken und Streifen bis hin zu Ulzerationen. Heute sind verschiedene konkurrierende Klassifikationssysteme etabliert, welche den Schweregrad der Läsionen einteilen.

 

Wann besteht eine Indikation zur Therapie?

Leskowschek: Anhaltende Refluxbeschwerden müssen behandelt werden. Bei Personen unter 40 Jahren ohne zusätzliche Alarmzeichen wie Gewichtsverlust oder Anämie ist eine Probetherapie mit einem PPI indiziert. Menschen über 40 Jahre und mit den genannten Symptomen sollen einer umgehenden Endoskopie zugeführt werden. In deren Anschluss ist die Therapie zu planen.

 

Wie lange wird behandelt?

Leskowschek: Die Therapiedauer orientiert sich am Schweregrad der Störung. NERD und leichtgradige Formen der erosiven Refluxerkrankung sollten bis eine Woche über das Abklingen der Beschwerden behandelt werden. GERD mit höhergradigen erosiven Veränderungen werden nach vier bis acht Wochen unter laufender Therapie endoskopisch kontrolliert.

 

Was leisten PPI und wie wirken sie? Worauf muss bei der Anwendung geachtet werden?

Leskowschek: Durch spezifische Hemmung der Protonenpumpen in den Parietalzellen unterdrücken PPI potent die Säureproduktion im Magen. Klinisch tritt bereits nach Stunden eine Linderung der Beschwerden ein. Ihre volle Wirkung entfalten PPI aber erst nach einigen Tagen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die am Markt befindlichen Wirkstoffe an jeweils unterschiedlichen molekularen Strukturen ansetzen. Das bedeutet, dass bei einem Präparatewechsel neuerlich Zeit vergeht, bis alle Pumpen gehemmt sind und die volle Wirkung eintritt. Gehemmt können Protonenpumpen übrigens nur dann werden, wenn sie zuvor durch Nahrungszufuhr stimuliert wurden. Die Einnahmeempfehlung eine halbe Stunde vor dem Essen macht also Sinn.

Sind die am Markt befindlichen Wirkstoffe vergleichbar? Was ist bei der Dosierung zu beachten?

Leskowschek: Grundsätzlich sind alle am Markt befindlichen PPI gut für die Therapie der Refluxerkrankung geeignet. Einzelne Studien zeigen tendenziell einen schnelleren Wirkungseintritt bei Esomeprazol. PPI gelten als sichere, aber sehr potente Medikamente und sollten daher nicht unreflektiert eingesetzt werden. Der Facharzt für Gastroenterologie und Hepatologie wird sich in der Zusammenschau der Medikation eines Patienten für das hinsichtlich Interaktionen am besten geeignete Präparat entscheiden. Im Krankenhaus kommen mit Esomeprazol und Pantoprazol auch zwei parenteral verfügbare PPI zum Einsatz. Die aus den Dosierungen der einzelnen PPI abgeleiteten Wirkstärken können anhand von Äquivalenten abgeschätzt werden: So liegt die Wirkstärke von 20 mg Omeprazol, 20 mg Esomeprazol, 20 mg Rabeprazol, 30 mg Lansoprazol und 40 mg Pantoprazol etwa auf gleicher Höhe. PPI werden in einer Morgendosis begonnen – tritt keine ausreichende Besserung ein, kommt eine Abenddosis dazu. Beim „nächtlichen Säuredurchbruch“, dem Auftreten von Beschwerden in der Nacht trotz PPI, eignen sich H2-Blocker wie Famotidin als Ergänzung.

 

Welche Lebensstilfaktoren sollten Betroffenen abgesehen von Maßnahmen gegen Übergewicht empfohlen werden?

Leskowschek: Mit dem Reflux verhält es sich nicht anders als bei der Prävention anderer Wohlstandserkrankungen. Eine ausgewogene Diät ohne schwere oder blähende Nahrungsmittel ist ebenso sinnvoll wie keine oder kleine Portionen am Abend. Eine besondere Rolle spielen Süßspeisen: Sie begünstigen den Reflux über eine Entspannung des Ösophagussphinkters. Eine einfache, aber hilfreiche Maßnahme ist die Hochlagerung des Oberkörpers im Schlaf. So wirkt die Schwerkraft dem Aufstoßen entgegen. Für den Hausarzt bleibt wichtig: Auch bei atypischem Beschwerdebild an den Reflux denken!

 

Das Gespräch führte Dr. Alexander Lindemeier

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