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Endokrinologie 3. November 2014

Es ist nicht alles Gicht, was sticht

Hinter Schmerzen in der Großzehe kann auch Monoarthritis stecken.

Hyperurikämie mit oder ohne Symptomen nimmt in den westlichen Industrienationen stetig zu. Meist wird sie bei einem Gichtanfall am Großzehengrundgelenk diagnostiziert. Aber nicht in jedem Fall ist die Kristallarthropathie die Ursache.

Darauf wies Prof. Dr. Dr. Frédéric Lioté vom Krankenhaus Lariboisière der Universität Paris Diderot beim Deutschen Rheumatologenkongress (DGRh 2014) hin. Üblicherweise verlaufe das Kontinuum der Gicht von der Ablagerung der Harnsäurekristalle im Stadium der Hyperurikämie über die Bildung von im Ultraschall darstellbaren Mikrotophi und die Tophusbildung mit Gelenkbeteiligung hin zu akuten Gichtanfällen und schließlich einer chronischen Arthropathie.

Typische Attacken

Typische Symptome der akuten kristallinduzierten Entzündung seien der plötzliche Beginn, meist nachts, mit maximaler Ausprägung von Schmerzen und Entzündung nach 24 Stunden, begleitet von Rötung und Schwellung. Betroffen sei meistens das erste Metatarsophalangealgelenk, der Fuß oder Knöchel. Charakteristischerweise klinge die Gichtattacke von allein ab und wiederhole sich in unregelmäßigen Abständen.

Aufgrund dieser bekannten Symptomatik werde reflexhaft an Podagra gedacht. Dies sei aber nicht immer die korrekte Diagnose, mahnte Lioté aufgrund einer aktuellen Studie von Kienhorst et al. (Joint Bone Spine 2014; 81 (4): 342-346).

Von den 159 Patienten mit vermuteter Gichtattacke wiesen 114 Harnsäurekristalle auf. Bei 77 Prozent konnte die Diagnose Gicht bestätigt werden, bei immerhin 23 Prozent verbarg sich eine andere Diagnose hinter der Großzehengrundgelenksproblematik, in den allermeisten Fälle eine unspezifische Monoarthritis.

Typisch für den Harnsäure-positiven, aber Gicht-negativen Phänotyp waren laut univariater Analyse die Faktoren:

• männlich

• vorangegangene Arthritis

• vom Patienten berichtete Gicht

• Einnahme von Diuretika, kardiovaskulären oder antihypertensiven Medikamenten, Hypertonie und/oder kardiovaskuläre Erkrankung

• Bierkonsum

• BMI > 25 kg/m2

• Harnsäurespiegel > 349,7 µmol/l

• Serumkreatinin > 105 µmol/l

• eGFR < 60 ml/min

• C-reaktives Protein > 1 mg/dl

Liotés Fazit: „Podagra sind nicht gichtspezifisch und Harnsäure-Deposition im Grundgelenk ist, anders als bisher angenommen, bei einem Teil der Patienten (hier 8–10 %) auch bei einem Spiegel von 380–420 µmol/l möglich.

Atypische Manifestationen

Andersherum gibt es ungewöhnliche Manifestationen einer Gicht, an die man denken sollte, berichtete Lioté. Dazu zählen eine Enthesitis bei Patienten ohne Spondylarthritis sowie Knochenerosionen am Sehnenansatz, eine Patellarsehnenruptur, Nerven- und Spinalkanalkompressionssyndrome, eine Diszitis mit erosiver Diskopathie sowie atypische Knochenläsionen im Sinne eines Pseudotumors oder einer tophösen Fraktur. Frakturen am Ort eines Tophus werden selten diagnostiziert. Sie treten ohne oder bei geringem Trauma auf und betreffen vor allem die Patella, gelegentlich die distale Tibia oder Fibula.

springermedizin.de, Ärzte Woche 45/2014

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