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© ttz Bremerhaven
Verliebte Köche neigen zum Versalzen, das ist nun wissenschaftlich erwiesen.
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In den Kabinen des ttz-Sensoriklabors fand der Schwellentest statt.

 
Endokrinologie 22. Februar 2013

Hormonstatus auf Wolke sieben

Gänseblümchen war gestern – heute verraten biochemische Analysen, ob jemand verliebt ist oder nicht.

Das Forschungsinstitut des Technologie-Transfer-Zentrums (ttz) Bremerhaven untersuchte den Einfluss des Hormonspiegels auf die Geschmackseindrücke von Probanden und deren Konsumverhalten.

Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich … Frisch Verliebte befinden sich in einem Ausnahmezustand. Ihre Körper setzen eine ganze Reihe molekularer Botenstoffe frei, die sie auf Wolke sieben entführen. Das ttz Bremerhaven hat sich gefragt, wie dieses emotionale Feuerwerk den Geschmack und das Konsumverhalten beeinflusst und ob ein Zusammenhang mit dem Hormonspiegel besteht. „Hintergrund unserer Studie ist die Verknüpfung von sozialwissenschaftlichen Methoden wie der Geschmackssensorik mit ’harten‘ biochemischen Befunden“, erklärt Werner Mlodzianowski, Geschäftsführer des ttz Bremerhaven.

Versuchsaufbau: Bitte nicht küssen!

Die Studie hat zwei methodische Ansätze: Einerseits die Betrachtung der Geschmackseindrücke von Probanden, zusammen mit einem Fragebogen. Andererseits hormonelle Tests, die anhand von Speichelproben durchgeführt wurden. Mit dem Speichel der Teilnehmer bestimmte das ttz-Institut für Biologische Informationssysteme (BIBIS) deren Hormonspiegel bzw. die Biomarker Testosteron und Oxytocin.

An der Studie nahmen insgesamt 46 Konsumenten im Alter von 20 bis 40 Jahren teil, davon 19 Männer und 27 Frauen. In einem Auswahlverfahren wurden frisch verliebte Personen rekrutiert. Als Kontrollgruppen dienten Menschen in längeren Paarbeziehungen sowie Singles.

Da Botenstoffe mit dem Speichel übertragen werden, war Küssen vor der Probenentnahme nicht erwünscht. Gleiches galt für Geschlechtsverkehr, weil dabei hohe Mengen an Oxytocin gebildet und übertragen werden. Wichtig für unverfälschte Ergebnisse war außerdem, dass die Studienteilnehmer eine Stunde vor Testbeginn keinen Kaffee getrunken und nichts gegessen hatten.

In den Kabinen des ttz-Sensoriklabors fand ein so genannter Schwellentest statt. Dabei sollten die Testpersonen verschiedene Konzentrationen der Grundgeschmacksarten süß, sauer, bitter und salzig verkosten und angeben, ab welcher Konzentration sie den Geschmack erkennen. Im ttz-Institut für Biologische Informationssysteme wurden im Anschluss die Speichelproben untersucht.

Langzeitpaare schmecken besser

Die Ergebnisse des Geschmackstests zeigen, dass die Gruppe der frisch Verliebten eine eher hohe Salzschwelle im Vergleich zu den Singles und den Personen, die schon länger in einer Beziehung leben, besitzen. Der „verliebte Koch“, der die Suppe versalzt, ist also jetzt wissenschaftlich belegt. Auffällig ist, dass die Männer und Frauen, die schon länger in einer Partnerschaft leben, die Grundgeschmacksarten süß, sauer, bitter und salzig sehr gut erkannt haben. Offensichtlich wirken sich stabile Partnerschaften günstig auf das Riech- und Geschmackssystem des Menschen aus. Andere Studien unterstreichen die positiven Gesundheitseffekte des Lebensstils von Verheirateten im Vergleich zu Singles.

Anspruchsvolle Frauen

Im Anschluss an die Geschmackstests gaben die Probanden Auskunft über ihr Konsumverhalten zum Valentinstag. Alle Probanden entschieden sich eher für ein gemeinsames Erlebnis wie Restaurant- oder Kinobesuch als für „klassische“ Valentinstagspräsente wie Blumen oder Schokolade. Frisch Verliebte geben durchschnittlich mehr Geld für das Valentinstagsgeschenk ihres Partners aus als Paare in einer Langzeitbeziehung. Und sie glauben, dass ihr Partner den gleichen Betrag oder sogar mehr in das Geschenk investieren würde.

Die Preisabfrage zum Valentinstaggeschenk ergab ebenfalls, dass Frauen im Durchschnitt weniger für das Geschenk ausgeben als Männer. Sie erwarten aber umgekehrt, dass der Mann für ihr Geschenk mehr ausgibt. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass der emotionale Ausnahmezustand der Verliebtheit nicht nur den Geschmack, sondern auch das Konsumverhalten einer Person beeinflusst.

Wie beeinflussen Hormone den Geschmack?

Interessanterweise ist bei verliebten Männern der Testosteronspiegel heruntergefahren und bei Frauen erhöht. Anders beim Oxytocin, dem sogenannten Bindungshormon: Es steht für eher feminine Eigenschaften, erhöht die Zuneigung und wird vermehrt bei der Entbindung oder beim Stillen gebildet. Bei Verliebten ist der Oxytocinspiegel generell erhöht, auch bei Männern. Hierzu sagt Prof. Carsten Harms, Leiter des BIBIS: „Hormone steuern sämtliche Stoffwechselwege unseres Körpers und somit auch unser Verhalten. Daher ist eine Korrelation der Hormone, die bei einem Ausnahmezustand wie Liebe ausgeschüttet werden, ein wichtiges Instrument zur Bewertung des Geschmacksempfindens.“

Testosteron gleicht sich bei Verliebten an

Bei den Testosteronwerten der Frauen ist auffällig, dass diejenigen, die in Beziehungen leben, einen niedrigeren Testosteronwert im Speichel aufweisen als Singles und frisch Verliebte. Das kann ein Indiz für eine ruhige und ausgeglichene Lebenssituation sein. Bei den verliebten Männern hingegen fällt der Testosteronwert signifikant im Vergleich zu den Singles und den Beziehungsmännern.

Das bekräftigt die These, dass verliebte Männer durch verminderte Testosteronwerte (in Verbindung mit einem erhöhten Oxytocinwert) ihre Bindungsfähigkeit erhöhen und auf die potenzielle Partnerin sympathischer wirken.

Der Testosteronspiegel bei Männern und Frauen ist unter „Normalbedingungen“ sehr unterschiedlich. Männer haben einen eher hohen Spiegel und Frauen einen eher niedrigen. Bei verliebten Männern und Frauen ist der Testosteronspiegel allerdings in etwa gleich hoch.

Kuschelhormon Oxytocin

Grundsätzlich haben Frauen einen höheren Oxytocinspiegel im Speichel als Männer. Er ist bei Frauen in Beziehungen höher als bei Singles. Bei verliebten Frauen steigt der Wert dann nochmals an.

Single-Männer haben einen sehr niedrigen Oxytocinwert im Speichel. Männer in Beziehungen haben einen in etwa gleichen Oxytocinspiegel wie die Frauen in Beziehungen. Die Wissenschaft vermutet, dass ein hoher Oxytocinwert insbesondere bei Männern, die Bereitschaft zur Bindungsfähigkeit und zur Sorge um den Nachwuchs erhöht.

Wissenschaftliche Veröffentlichung folgt

Durch die Korrelation der Biomarker mit der sensorischen Befragung konnte eine zuverlässige Interpretation der Geschmacksergebnisse erreicht werden. So zeichneten die Auswahl und die Ergebnisse der Befragung ein Bild der sozialen Bedeutung des Verliebtseins, das mit den hormonellen Statusdaten eine Zuordnung zum Verhalten zuließ. Erste Korrelationen zeigen eine schlechtere Geschmackswahrnehmung bei Personen mit hohem Testosteron. Weitere Aussagen sollen in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung folgen.

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