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Fotos (3):  Nanut/Regal
Die primäre Nebennierenatrophie ist die häufigste Ursache des Morbus Addison. Feuchtpräparat aus dem Pathologisch-Anatomischen Bundesmuseum.
 
Endokrinologie 26. März 2009

Wunderdroge Cortison

Von der geheimnisvollen Substanz der Nebennierenrinde zum Hormon.

Die anatomische Existenz der Nebenniere wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwar nicht mehr bestritten, doch über ihre Funktion wusste man nach wie vor rein gar nichts. Hatte doch gerade erst der Würzburger Anatom Albert von Koellicker (1817–1905) am Beginn der 1850er- Jahre an der Drüse erstmals ei- ne hellere gelbe Rinde und ein braungelbes dunkleres Mark unterschieden. Er vermutete zwar schon, dass Rinde und Mark unterschiedliche Funktionen hätten, aber es dauerte noch fast ein Jahrhundert, bis die Nebennieren ihre Geheimnisse preisgaben.

 

Thomas Addison (1793–1860), Arzt und Forscher am Londoner Guy´s Hospital, hatte bereits 1855 präzise das Krankheitsbild einer tödlich verlaufenden Nebennierenerkrankung beschrieben. In seiner Monographie On the Constitutional and Local Effects of Disease of the Supra-Renal Capsules schilderte er anhand von elf Patienten das typische Erscheinungsbild einer Nebenniereninsuffizienz. Addison beobachtete, dass der Symptomenkomplex bestehend aus Braunfärbung der Haut, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Hypotonie und Anämie stets mit Veränderungen oder Zerstörung der Nebennieren einherging.

Was Addison hier genial genau beobachtete und beschrieb, sind die bis heute gültigen Symptome der klassischen Nebennierenrindeninsuffizienz. Verursacher der Drüsenzerstörung waren damals in erster Linie Tuberkulose und Tumore. Er selbst nannte die Krankheit „Bronzehauterkrankung“. Ein Jahr später erhielt sie die Bezeichnung „Morbus Addisonii“ oder „Addisonsche Erkrankung“. Addison hatte die Krankheit zwar beschrieben und mehr oder weniger auch bewiesen, dass die Nebenniere ein lebenswichtiges Organ ist, aber über die Funktion der Drüse war nach wie vor nicht das Geringste bekannt.

Versuche mit Haifischen

Die bis dahin umstrittene lebenswichtige Bedeutung der Nebennieren bewies erst der Wiener Pathologe Artur Biedl (1869–1933) um die Jahrhundertwende. Durch seine Untersuchungen an Haifischen – bei Knochenfischen sind Nebennierenmark und -rinde getrennt angelegt – erkannte er, dass nur die Rinde das lebenswichtige Organ ist. In geschickt aufgebauten Tierversuchen konnte er nachweisen, dass nicht das damals neu entdeckte Adrenalin, sondern eine bisher unbekannte Substanz der Nebennierenrinde das lebensnotwendige Hormon sein musste.

Erst Biedls Forschungen und Erkenntnisse führten in der Folge zu intensiven Bemühungen, die Nebennierenrinde zu erforschen. Nicht nur auf Universitäten, sondern auch in den Laboratorien der Pharmaindustrie, die natürlich nicht nur die Aufklärung der Nebennierenfunktion im Sinn hatte, sondern vor allem nach neuen Medikamenten mit ökonomischem Gewinn suchte. Ab 1930 kamen dann mehrere Extrakte aus Nebennierenrinden auf den Markt. Das weitgehend adrenalinfreie „Cortin“ der Arbeitsgruppe um Frank A. Hartmann (1883–1971) an der Universität Buffalo blieb bis in die 1940er Jahre das Muster einer Nebennierenrindensubstanz. Sie war auch bei Behandlungsversuchen an Addisonpatienten erfolgreich.

Der Zufall stand Pate

Als Vater des Cortisons gilt heute aber der Amerikaner Edward C. Kendall (1886–1972), der seit 1914 das neu gegründete biochemische Labor der Mayo-Klinik in Rochester leitete. Sein erklärtes Ziel war die Isolierung der Wirksubstanz aus der Nebennierenrinde und danach seine synthetische Herstellung.

Fast gleichzeitig und unabhängig voneinander isolierten um die Mitte der 1930er Jahre neben der Gruppe um Kendall auch andere Arbeitsgruppen – Tadeusz Reichstein (1897–1996) in Basel und der in Bruck an der Mur geborene Oskar Wintersteiner (1898–1971) in New York – die später „Cortison“ genannte Substanz.

Die Extraktion von Cortison aus Nebennieren von Rindern war aber extrem mühsam und wenig ergiebig. Aus einer Tonne tierischer Nebennieren konnten auf diese Art nur etwa 600 mg Cortison gewonnen werden. An eine groß angelegte klinische Erprobung der Substanz war da nicht zu denken. Da kam Kendall ein Zufall zu Hilfe. Der amerikanische Geheimdienst hatte 1941 gemeldet, dass die Deutschen ein ähnliches Hormon entwickelt hätten und es den deutschen Fliegern damit möglich wäre, problemlos Höhen von 10.000 Meter zu erreichen. Da dann die deutsche Luftwaffe ihre Angriffe in für die Abwehr unerreichbarer Höhe fliegen könnte, erhielt die Weiterentwicklung der von Kendall gefundenen Substanz – er nannte sie „compound E“ – in den Vereinigten Staaten eine höhere Priorität als das Penicillin. Als zwei Jahre später bekannt wurde, dass das Ganze nur ein unbegründetes Gerücht war, stellte die Regierung die Unterstützung sofort ein. In den zwei Jahren hatten die Forscher aber bereits beträchtliche Fortschritte gemacht. Trotzdem konnte erst 1948 mit der klinischen Erprobung begonnen werden. Bis dahin galt Cortison als Substanz zur Behandlung von Addison-Patienten.

Der ebenfalls an der Mayo-Klinik arbeitende Rheumatologe Philip S. Hench (1896–1965) – er hatte schon länger vor, die Substanz bei rheumatischer Arthritis zu versuchen – begann am 21. September 1948 bei der heute berühmten „Mrs. G“ – einer jungen bettlägerigen Rheumatikerin, deren Gelenke geschwollen, steif und nur unter höllischen Schmerzen bewegt werden konnten – eine Therapie mit zweimal 50 mg „compound E“ intramuskulär. Am 28. September ging sie für drei Stunden in die Stadt bummeln. Diese spektakuläre therapeutische Wirkung des Cortisons sorgte nach der öffentlichen Vorstellung am 13. April 1949 für weltweite Schlagzeilen und erregte unglaubliches öffentliches Aufsehen.

Bereits 1950 erhielten Edward C. Kendall, Tadeusz Reichstein und Philip S. Hench für ihre „Entdeckung hinsichtlich der Hormone in der Nebenniere“ den Nobelpreis für Medizin. Die Cortisonära hatte begonnen.

Fotos (3):  Nanut/Regal

Die primäre Nebennierenatrophie ist die häufigste Ursache des Morbus Addison. Feuchtpräparat aus dem Pathologisch-Anatomischen Bundesmuseum.

Die Zerstörung großer Teile der Nebenniere durch eine Blutung kann ebenfalls zu einem akuten Mangel an Cortison führen.

Bereits 1855 beschrieb Thomas Addison die bis heute gültigen Symptome der Nebennierenrindeninsuffizienz.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 13/2009

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