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Hormone zur Leistungssteigerung sind auch für Amateursportler erhältlich. Ärzte sollten gesundheitsgefährdende Praktiken im Kraftsport stoppen.
Foto: Claudio Lercher

Dr. Piero Lercher

Sportarzt, Präventiv-, Umwelt- und Arbeitsmediziner und Lehrbeauftragter der MedUni Wien

 
Endokrinologie 2. Februar 2011

Bewegung verändert den Cocktail

Hormone im Sport – nicht nur „performance-enhancing drugs“.

Wenn im Sport von Hormonen die Rede ist, wird sofort an deren zweifelhafte Rolle als „performance-enhancing drugs“ im Sinne von Doping gedacht. De facto dienen sie – gemeinsam mit dem autonomen Nervensystem – der Regulation und Koordination von Körperfunktionen. In der sportmedizinischen Praxis ist es wichtig, über die wesentlichsten Zusammenhänge der doch oftmals als komplex bewerteten und hierarchisch strukturierten Hormonkreisläufe Bescheid zu wissen.

 

Hormone sind lebenswichtige, physiologische Wirkstoffe, die in histologisch definierten Strukturen des Organismus, sogenannten endokrinen Organen, gebildet werden, in diverse Regulationsmechanismen involviert sind und als chemische Informationsüberträger fungieren. Sie sind für die Kommunikation der Zellen untereinander verantwortlich und übertragen lebenswichtige Signale. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Hormonsekretion auch in „nicht traditionellen“ Organen wie Herz, Niere oder Leber, aber auch in Geweben wie beispielsweise im Fettgewebe erfolgt.

Hormonelle Veränderungen durch Ausdauersport

Hormonelle Veränderungen treten prinzipiell bei beiden Geschlechtern in allen Sportarten auf. Besonders charakteristisch sind sie bei Ausdauersportlern. So ist beispielsweise die Amenorrhoe bei Frauen eine lang bekannte und auch häufig publizierte Erscheinung. Die zyklusabhängigen Effekte auf die Leistungsfähigkeit unterliegen generell individuellen Schwankungen und sind auch vom individuellen Hormonmuster abhängig.

Bei Männern wurde bei extremen Ausdauerbelastungen ein hypogonadotroper Hypogonadismus (exercise-hypogonadal male condition) beobachtet, wobei hier primär die laborchemischen Veränderungen auffallen, die klinischen Symptome jedoch eher selten vorhanden sind.

Die Gesundheit gefährdenden Praktiken im Kraftsport stoppen

Untersuchungen haben gezeigt, dass auch im Kraftsport die körperliche Leistungsfähigkeit von einer Vielzahl von endogenen und zirkadianen Faktoren abhängig ist. Kraftsportlern wird geraten, die Trainingszeiten mit den Performance-Zeiten im Sinne einer Übereinstimmung zu koordinieren. Es gibt zwar Hinweise, dass Personen den größten Hypertrophie- und Kraftzuwachs erfahren, wenn die Trainingsprotokolle der individuellen Testosteron-Antwort angepasst werden.

In Sportlerkreisen und Internetforen kursieren diverse, teilweise sich widersprechende Theorien, wann, wie und welches Hormon zur optimalen Muskelbildung herangezogen werden kann, wobei selbst von einer exogenen Hormonzufuhr nicht zurückgescheut wird. Die große Herausforderung einer diesbezüglichen sportärztlichen Betreuung besteht insbesondere darin, die teilweise gesundheitsgefährdenden Praktiken aufzudecken und zu stoppen und den mitunter auch illegalen Substanzdschungel zu durchforsten. Besondere Unvernunft scheint insbesondere im Amateurbereich zu herrschen, da hier die Kontrollen und die sportmedizinischen Betreuungsinteraktionen am geringsten sind. Zudem existiert ein undurchschaubarer und schwer zu kontrollierender Markt an Bezugsquellen von hormonhaltigen Produkten.

Wesentliche Grundsäule der Diabetes-mellitus-Therapie

In trainingstherapeutischer Hinsicht wird bereits seit dem Jahr 1935 körperliche Bewegung als eine der wesentlichen Grundsäulen der Therapie des Diabetes mellitus neben Insulingabe, diätetischen Maßnahmen und Medikamenten propagiert. Eine Kombination von extensiv aerobem Ausdauertraining und Krafttraining führt zum Absinken des Plasmainsulinspiegels und zu einer Steigerung der Sensitivität der Insulinrezeptoren. Unverständlich ist, dass konkrete Trainingsempfehlungen und „Dosierungen“ in den meisten Diabetes-Richtlinien bis dato noch keine Aufnahme gefunden haben, sondern, wenn überhaupt, nur allgemein und oberflächlich Lebensstilmaßnahmen im Sinne von „mehr Bewegung“ propagiert werden.

Hormonmetabolismus

Der physiologische Hormonmetabolismus ist dadurch gekennzeichnet, dass sowohl bei Frauen als auch Männern mit zunehmendem Alter die Produktion fast aller Hormone nachlässt. Insbesondere bei folgenden Botenstoffen ist eine stark abfallende Tendenz zu beobachten:

  • Östrogen
  • Testosteron
  • Progesteron
  • Dihydroepiandrosteron (DHEA)
  • Insulin
  • Adrenalin
  • Melatonin
  • Wachstumshormon

Bei Frauen kommt es mit zunehmendem Alter außerdem zu einer Steigerung des Follikelstimulierenden-Hormons (FSH) und des Gelbkörperhormons (LH).

Unterschreitet oder überschreitet die Hormonkonzentration eine bestimmte Schwelle, so kann es zu physischen und psychischen Symptomen kommen, wie beispielsweise nachlassender körperlicher und psychischer Leistungsfähigkeit, Gewichtszunahme, Verminderung von Libido beziehungsweise Potenz und psychischen Affektionen im Sinne von depressiven Verstimmungen. Hormonkonzentrationsschwankungen können auch durch externe Faktoren wie falsche Ernährung oder durch physiologische Prozesse wie Schwangerschaft oder Menopause verursacht werden.

Künstliche Hormone – Umwelt

Umweltmedizinisch betrachtet verdient die Tatsache eine verstärkte Aufmerksamkeit, dass Hormone von den Kläranlagen nicht aus dem Trinkwasser zu beseitigen sind, dadurch zunehmend in die Umwelt eingetragen werden und über die pflanzliche und tierische Nahrungskette in ungünstiger und unkontrollierter Dosierung vom Menschen wieder aufgenommen werden.

Vertiefte Kenntnisse im Bereich der Hormondiagnostik sind im Sinne des immer wichtiger werdenden Fehlermanagements in der Medizin wichtig, denn so kann beispielsweise die Brain-natriuretic peptide (BNP)-Konzentration (ein Hormon zur Differentialdiagnose der Herzinsuffizienz) auch bei gesunden ausdauertrainierenden Personen um bis zu hundert Prozent ansteigen.

Hormonstörungen und Sport

Sportinduzierte hormonelle Veränderungen betreffen generell auch die Hypophysen-, Nebennieren-, Pankreas- und Schilddrüsenhormone sowie die gastrointestinalen Hormone und beeinflussen dadurch auch die Indikation und Kontraindikation einer Sportausübung. Absolute Sportverbote bei Hormonstörungen sind unbedingt erst nach streng diagnostischen Kriterien beispielsweise bei florider akuter oder subakuter Thyreoiditis oder einer chronischen Nebennierenrinden-Insuffizienz auszusprechen. Bei einem Cushing Syndrom ist die körperliche Leistungsfähigkeit eingeschränkt und eine Sportbefreiung nur bei Schulkindern empfohlen. Hinsichtlich des adrenogenitalen Syndroms sind Kinder nicht für den Leistungssport geeignet, diese können jedoch unproblematisch alltagssportlichen Aktivitäten nachgehen.

Noch viele Unbekannte

Der Zusammenhang zwischen Sport und Hormonen bedarf unbedingt noch weiterführender Forschungen, denn so ist beispielsweise über den Einfluss von Dauertraining auf Hormone, wie Sekretin, Pankreatisches Polypeptid und Vasoaktives intestinales Polypeptid (VIP) bis dato nichts Sicheres bekannt. Zudem können viele Studien nicht miteinander verglichen werden, da die körperlichen Belastungen oder Trainingshäufigkeit, -umfang und –intensitäten nicht spezifiziert oder genannt werden. „Körperlich aktiv“ zu sein oder „zu trainieren“ kann ja vieles bedeuten …

 

 www.gesundinschoenbrunn.at

Kasten 1
Hormone
Hormone sind körpereigene, biochemische Botenstoffe, die von spezialisierten Zellen produziert und abgegeben werden, um spezifische Wirkungen an den Zellen der Erfolgsorgane zu verrichten. Gemeinsam mit dem autonomen Nervensystem dienen sie der Regulation und Koordination von Körperfunktionen.
Der Begriff „Hormon“ wurde im Jahr 1905 durch den Physiologen Ernest Starling (1866-1927) geprägt, der den Anstieg dieser Stoffe bei körperlicher Anstrengung beobachtete.

Biochemisch betrachtet gibt es zwei Arten von Hormonen:
1. Peptidhormone: diese sind nicht fettlöslich und können daher die Zellmembran nicht einfach durchdringen. Sie wirken meist über Membranrezeptoren, wobei das Enzymsystem der Adenylylcyklase aktiviert wird, das die Umwandlung von ATP in cAMP katalysiert.Peptidhormone sind z. B.: Schilddrüsen-, Nebennierenmark-, Hypothalamus- und Hypophysenhormone.

2. Steroidhormone: diese können durch die Zellmembran diffundieren und wirken erst im Zellinneren über Zytosol- oder Nuklear-Rezeptoren. Dort entfalten sie ihre Wirkung, indem sie die Transkription der DNA beeinflussen bzw. die Synthese spezifischer Proteine oder Enzyme anregen. Steroidhormone sind z. B.: Gestagene, Androgene, Östrogene, Glucocorticoide und Mineralcorticoide.

Dr. Piero Lercher, Ärzte Woche 5 /2011

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