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Endokrinologie 7. Dezember 2010

An den Genen ansetzen

Neues therapeutisches Verfahren an Stammzellen hilft weltweit zum ersten Mal Kindern mit der seltenen erblichen Immunkrankheit Wiskott-Aldrich-Syndrom.

In einer klinischen Studie ist es gelungen, mit Hilfe eines Gentherapeutikums mit Stammzellen die Symptome der Krankheit des Immunsystems zu beseitigen: Die an der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie der Medizinischen Hochschule Hannover behandelten Kinder zeigten bis zu vier Jahre nach dem Eingriff keine Krankheitszeichen mehr und führen ein normales Leben.

 

Das Wiskott-Aldrich-Syndrom beruht auf einer Genmutation, die die Bildung des WAS-Proteins beeinträchtigt, das die Funktion des Zytoskeletts der Zelle beeinflusst und damit notwendig für die Reifung und Aktivierung der an der Immunabwehr beteiligten Leukozyten und Thrombozyten ist.

Tödliche Erbkrankheit

Die ersten Symptome des Syndroms, schwere wiederkehrende Infektionen und Lungenentzündungen, Blutungen sowie Hautausschläge, kommen im frühen Kindesalter. Die Patienten haben ein hohes Risiko für Autoimmunerkrankungen, Leukämien oder Lymphome. Unbehandelt führt der Immundefekt schon im Kindesalter zum Tod. Bislang konnten betroffene Kinder nur mit Hilfe einer Transplantation von Blutstammzellen eines Spenders gerettet werden.

Der Gendefekt wird auf dem X-Chromosom vererbt und betrifft ausschließlich Buben. Bei der Gentherapie wurden zunächst die körpereigenen Blutstammzellen (hämatopoetische Stammzellen) entnommen, gereinigt und mithilfe eines retroviralen Vektors eine gesunde Kopie des WAS-Gens in die Erbinformation der Stammzellen eingeschleust. Anschließend wurden die Zellen wieder in die Blutbahn der behandelten Patienten eingebracht. Nach der Transplantation der korrigierten Blutstammzellen normalisierten sich innerhalb eines Jahres die Zahl und Funktion der verschiedenen Blutzellen. Die Korrektur des Erbmaterials in den Stammzellen zeigte sich bei acht von zehn Kindern in allen Blutzellen stabil. Die Symptome klangen vollständig ab. Im Idealfall wird eine solche Gentherapie einmalig angewendet und erspart dem Patienten unter Umständen sogar die lebenslange Einnahme von Medikamenten. Ein Patient konnte nicht genug korrigierte Zellen erhalten, ein weiterer entwickelte als Nebenwirkung eine Leukämie. Erste Ergebnisse der beiden am längsten erfolgreich behandelten Patienten wurden nun im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Trotz der einfachen Grundidee ist die Gentherapie eine komplexe medizinische Behandlung, die Entwicklungspotenzial, aber auch Risiken aufweist. Die Sicherheit des Patienten hat neben der Aussicht auf Heilung höchste Priorität. Mögliche Nebenwirkungen der Gentherapie sind unerwünschte Genaktivierungen in einzelnen Zellen, sogenannte Insertionsmutagenesen, die im ungünstigsten Fall eine Krebserkrankung auslösen können. Eine engmaschige Kontrolle der transplantierten Patienten ist darum überaus wichtig. Prof. Dr. Christof von Kalle vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) am DKFZ in Heidelberg ist ein international renommierter Spezialist auf dem Gebiet der Sicherheit von Gentherapiestudien. Sein Team untersucht in regelmäßigen Abständen die korrigierten Blutstammzellen der Patienten auf krebsauslösende Faktoren. „Wenn auch bei den ersten WAS-Patienten zunächst keine Anzeichen einer Gefährdung durch Wachstum einzelner Klone beobachtet werden konnten, so sind mögliche Rückschläge nicht auszuschließen“, stellt der Heidelberger Experte für Gentherapie fest. So deuten erste Untersuchungen darauf hin, dass die Leukämie bei einem der Patienten durch die Insertion der retroviralen Vektoren mit ausgelöst wurde, ähnlich wie bei vorausgegangenen Gentherapiestudien in Paris und London.

„Für unsere Kinder mit Wiskott-Aldrich-Syndrom, für die sich keine passenden Blutstammzellspender finden, bietet die Gentherapie eine Chance auf eine Rückkehr in ein normales Leben“, erklärt Prof. Dr. Christoph Klein, Direktor der MHH-Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, an dem die Gentherapie erfolgreich durchgeführt worden ist.

 

Pressemeldung MMH/IS, Ärzte Woche 49 /2010

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