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Der Genuss von Paradeisern kann die Werte bei der Bestimmung von 5-Hydroxiindolessigsäure im 24-Stunden-Harn verfälschen. Denn dieses Gemüse enthält Serotonin, ebenso wie Avocado, Kiwi, Zwetschgen, Melanzani, Ananas, Walnüsse, oder manche Medikamente.
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Dr. Christian Bieglmayer Klinisches Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik, Allgemeines Krankenhaus Wien

 
Endokrinologie 22. Juni 2010

Neuroendokrine Tumormarker mit Tücken

Einflüsse von Synthese, Krankheiten und Medikamenten auf die Messergebnisse.

Lebensmittel wie Medikamente können bei Markern für Neuroendokrine Tumoren sowohl zu falsch-positiven wie auch zu falsch-negativen Ergebnissen führen. Diese Tatsache muss bei der Interpretation der Werte berücksichtigt werden, um Fehldiagnosen zu vermeiden.

Neuroendokrine Zellen bilden kleine Drüsen, definierte Zellanhäufungen („Inseln“) oder sind in verschiedenen Organen diffus verteilt. Als spezifische Marker schütten sie Hormone und Neuropeptide aus, und als unspezifische Marker synthetisieren sie charakteristische Proteine, wie Somatostatinrezeptoren und Granine.

Neuroendokrine Tumore (NET) machen nur 0,1 Prozent aller Malignome aus. Biologisch aktive NET sind durch eine Hypersekretion von Hormonen gekennzeichnet; die damit verbundenen spezifischen Beschwerden erleichtern eine frühe Diagnose. Bei den nicht funktionellen Tumoren tritt keine endokrine Symptomatik auf; die unspezifischen Beschwerden erschweren aber oft eine rechtzeitige Diagnose.

Im Idealfall sollte eine Proportionalität zwischen Tumorausbreitung und den zirkulierenden Tumormarkern bestehen. Real können solche Zusammenhänge durch eine atypische Marker-Synthese, Begleiterkrankungen, Medikamente und durch Nahrungs- oder Genussmittel erheblich gestört werden.

Hunger als diagnostisches Mittel

Der Hungerversuch ist Goldstandard beim Verdacht auf ein Insulinom. Ein episodischer Insulin (INS)-Anstieg in Begleitung mit einem Glukoseabfall sind beweisend, ein paralleler Anstieg von C-Peptid dokumentiert die endogene Natur der INS- Ausschüttung. Manche Insulinome sezernieren hauptsächlich das unreife Pro-INS, dessen diagnostische Sensitivität mit 90 bis 100 Prozent angegeben wird.

GAST-Bestimmung

Gastrin (GAST) ist der Leitmarker des Gastrinoms, darf jedoch nur in Kombination mit einer Magensäurebestimmung beurteilt werden. Bei einem pH<2 ist GAST >1000 pg/ml beweisend. Allerdings gibt es Erkrankungen, die ebenfalls mit einer Hypergastrinämie und einem pH<2 einhergehen (antrale Helicobacter pylori Gastritis, Pylorusstenose, Nierenversagen, Magenresektion Billroth Typ 2). Andere Formen der Hypergasträmie treten bei geringerem Säuregehalt auf (pH >2): Chronisch atrophe Gastritis, autoimmun Gastritis, perniziöse Anämie, chronische Helicobacter pylori Infektion, kolorektales Karzinom oder Morbus Crohn.

Ein besonderes Problem stellt die Therapie mit Protonenpumpeninhibitoren (PPI) oder H2-Rezeptor-Antagonisten (H2RA) dar, weil sie, bei einem pH >2, ein Gastrinom überdecken können. Diese Präparate müssen ein bis drei Wochen vorher abgesetzt und die GAST-Bestimmung wiederholt werden. Bei pH <2 und GAST <1000pg/ml sind zur endgültigen Diagnose Funktionsteste nötig. Der Sekretintest weist eine Sensitivität von rund 80 Prozent auf; unter PPI oder H2RA kann der Test falsch positiv sein. Bei negativem Sekretintest sollte noch ein Ca-Stimulationstest durchgeführt werden. Bei Vorliegen eines Gastrinoms muss auch die Möglichkeit einer multiplen endokrinen Neoplasie Typ 1 untersucht werden.

Viele Ursachen für verfälschte Messwerte

Die Bestimmung des Serotonin-Metaboliten 5-Hydroxyindolessigsäure im 24-Stunden-Harn ist bei Verdacht auf gastro-entero-pankreatischen NET des Dünndarms angezeigt. Bereits Tage vor und während der Harnsammlung dürfen Serotonin enthaltende Nahrungsmittel (Avocado, Paradeiser, Kiwi, Zwetschgen, Melanzani, Ananas, Bananen, Walnüsse, Schokolade) und bestimmte Medikamente nicht verwendet werden (falsch hoch unter Paracetamol, Cumarin, Mephenesin, Phenobarbital, Ephedrin, Methamphetamin, Phentolamin, Methocarbamol, Fluorouracil, Naproxen, weiters Koffein und Nikotin. Falsch nieder durch Levodopa, Methyldopa, Aspirin, Phenothiazine, Isoniazid, Hexamethylentetramin, Streptozotocin und Chlorpromacin).

Die Katecholamin-Ausscheidung im 24-Stunden-Harn ist ein praktikabler Marker für das Phäochromozytom. Falsch erhöhte Spiegel treten unter Nitroglycerin, Natriumnitroprussid, Ca-Antagonisten (akut), Theophyllin, Methyldopa, L-Dopa, trizyklische Antidepressiva, b-Blocker, MAO-Hemmer, Paracetamol, Tetrazyklinen und Phenothiazinen auf. Bei Vorliegen eines Phäochromozytoms ist Metoclopramid kontraindiziert, es kann Ursache für Bluthochdruckkrisen sein. Falsch erniedrigt sind Katecholamine unter a-Agonisten, Ca-Antagonisten (chronisch), ACE-Hemmern, Methyltyrosin, Reserpin, Guanethidin. Alkohol, Kaffee und körperliche Anstrengungen sind während der Harnsammlung zu meiden.

Störende Einflüsse

Bei funktionalen und nicht-funktionalen NET ist Chromogranin A (CGA) ein empfindlicher, aber unspezifischer Marker. Während der kontrollierten Exozytose werden Granine zusammen mit Katecholaminen oder Peptidhormonen freigesetzt. Kommerzielle Teste sind hinsichtlich Eichung, Einheit, analytischem Verfahren und Ergebnis nicht vergleichbar, dennoch korrelieren sie gut. Einschränkungen der Nierenfunktion und Hypergastrinämie jedweder Ursache können den CGA-Spiegel massiv erhöhen, Lebererkrankungen haben dagegen wenig Einfluss. Leicht erhöhtes CGA findet man bei Hypertonie.

Die Nichtbeachtung der beschriebenen störenden Einflüsse auf Marker für NET kann zu Fehldiagnosen führen, weil diese Marker nicht nur der Verlaufskontrolle dienen, sondern auch für die Diagnosestellung eingesetzt werden.

Von Dr. Christian Bieglmayer , Ärzte Woche 25 /2010

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