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Diabetologie 3. April 2008

Richtlinien bedürfen der Neubewertung

Eine Studie zum Zusammenhang zwischen Diabetes mellitus und der damit häufig einhergehenden Retinopathie deutet an, dass die Richtlinien zur Diagnose eines Diabetes einer Neufestlegung bedürfen, so die Folgerungen eines aktuellen Fach-Artikels (Lancet 2008; 371: 736). Diabetes wird nach Schätzungen im Jahr 2025 etwa 380 Millionen Menschen betreffen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bestimmt Diabetes über den Nüchternblutzucker (NBZ) einer Person – Werte von 7,0 Millimol pro Liter oder mehr werden als diabetisch eingestuft. Die Retinopathie, eine Schädigung kleiner Blutgefäße des Auges, ist eine verbreitete Komplikation der Diabeteserkrankung. Drei wichtige Studien der 1990er Jahre zeigten, dass Anzeichen einer Retinopathie unter dem NBZ-Schwellenwert von 7,0 Millimol pro Liter nur selten vorkommen, oberhalb dieses Wertes jedoch wesentlich häufiger werden. Allerdings bewertete eine dieser Studien die Retinopathie mittels Ophthalmoskopie, und die beiden anderen anhand einer Aufnahme der Netzhaut. Keine Studie nutzte die gegenwärtige Referenzmethode in klinischen Untersuchungen: die 7-Felder-Fundus-Farbfotografie. Darüber hinaus deuten frühere Berichte aus dem „Diabetes Prevention Programme“ an, dass viele Personen Symptome einer Retinopathie auch unter einem NBZ-Schwellenwert von 7,0 Millimol pro Liter aufweisen.
Prof. Dr. Tien Wong und Kollegen vom Centre for Eye Research Australia an der University of Melbourne begutachteten drei weitere Studien, die Mehrfeld-Fundus-Fotografien zur Definition einer Retinopathie heranzogen: die Blue Mountains Eye Study (BMES, Australien, 3.162 Personen), die Australien Diabetes, Obesity, and Lifestyle Study (AusDiab, Australien, 2.182 Personen) sowie die Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis (MESA, USA, 6.079 Personen).
Die Forscher stellten fest, dass die Gesamtverbreitung der Retinopathie in der allgemeinen Bevölkerung zwischen 9,6 Prozent und 15,8 Prozent betrug. Über alle Bevölkerungsgruppen hinweg gab es keine Hinweise auf einen deutlichen und übereinstimmenden NBZ-Schwellenwert für das Vorhandensein oder das Auftreten einer Retinopathie. Tatsächlich wurden mehr als 60 Prozent der Retinopathien auf Grund des weithin verwendeten Grenzwerts von 7,0 Millimol pro Liter übersehen – denn diese Patienten hatten einen Nüchternblutzuckerwert unterhalb dieser Grenze.
Die Autoren meinen: „Wir fanden keinen einheitlichen NBZ-Schwellenwert für Retinopathien quer durch verschiedene Bevölkerungen. Die Aussagekraft der gegenwärtigen NBZ-Grenzwerte zur Abtrennung einzelner Patienten mit oder ohne Retinopathien erwies sich als unzureichend. Dies liegt weitgehend an der größeren Verbreitung von Retinopathien bei niedrigeren Nüchternblutzuckerwerten, als es in früheren Studien dargestellt wurde.“
Die Forscher folgern: „Diese Ergebnisse könnten dazu beitragen, bisherige Vorstellungen von Komplikationsrisiken bei Diabetes unter einen Hut zu bringen, da sie andeuten, dass sowohl makrovaskuläre als auch mikrovaskuläre Komplikationen keinen Blutzucker-Schwellenwert aufweisen. Außerdem stellen die Ergebnisse den Wert der gegenwärtigen Methoden der WHO und der American Diabetes Association in Frage, aus einer Retinopathie NBZ-Schwellenwerte zur Diagnose eines Diabetes herzuleiten. Und sie verdeutlichen die Notwendigkeit, gegenwärtige Diagnosekriterien für Diabetes zu überdenken.“

Lancet

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