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Bei Atemwegsinfekten in den ersten sechs Lebensmonaten war das Diabetesrisiko 17 Prozent erhöht.
 
Diabetologie 6. Juni 2016

Diabetes als Infektionskrankheit

Auf Atemwegsinfekten in den ersten sechs Monaten folgt oft Typ-1-Diabetes.

Neue Daten stützen die Hypothese, dass Viren an der Diabetes-Pathogenese beteiligt sind. Demnach sind vor allem Atemwegsinfekte in den ersten Lebensmonaten entscheidend.

Auf welcher Grundlage ein Typ-1-Diabetes (T1D) im Kindesalter entsteht, ist immer noch unklar. Außer genetischen und diätetischen Faktoren werden Virusinfektionen als mögliche Ursache diskutiert; dabei stehen nicht nur Enteroviren, sondern auch Erreger von Atemwegsinfektionen unter Verdacht. Forscher vom Münchner Helmholtz-Zentrum haben nun ein Zeitfenster gefunden, in dem eine vom Arzt diagnostizierte Atemwegsinfektion bei Kleinkindern möglicherweise die Entwicklung eines T1D fördern könnte. Demnach sind vor allem wiederkehrende Infektionen innerhalb der ersten sechs Lebensmonate mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einer T1D-Erkrankung bis zum achten Lebensjahr assoziiert (JAMA 2016; 315: 1899).

Die Studie von PD Andreas Beyerlein und Kollegen beruht auf Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern von 295.420 Kindern der Jahrgänge 2005 bis 2007. Innerhalb eines im Mittel 8,5-jährigen Follow-up (7,5 bis 9,3 Jahre) war bei 720 Kindern die Diagnose T1D gestellt worden; das entspricht einer jährlichen Inzidenz von 29 Fällen pro 100.000 Kindern. 93 Prozent aller Kinder hatten in den ersten beiden Lebensjahren mindestens eine Infektion gehabt (virale, bakterielle oder Pilzinfektionen der Atemwege, der Haut oder des Gastrointestinaltrakts).

Bei den T1D-Patienten waren es 97 Prozent. Atemwegsinfektionen wurden bei 87 Prozent registriert; bei 84 Prozent aller Infektionen handelte es sich um ein Virus. Das T1D-Risiko bei Kindern mit einer Atemwegsinfektion in den ersten sechs Lebensmonaten war danach um 17 Prozent erhöht, im Vergleich zu den Kindern, die in den ersten Lebensmonaten keine Atemwegsinfektion gehabt hatten. Beschränkte man sich auf virale Infektionen, betrug die Risikoerhöhung 19 Prozent. Von den Kindern, die bis Studienende an T1D erkrankt waren, wiesen 34 Prozent eine oder mehrere Virusinfektionen in den ersten Lebensmonaten in der Vorgeschichte auf. Von denen, die stoffwechselgesund blieben, waren es 29 Prozent.

Es fehlt eine Familienanamnese

Die Forscher hatten verschiedene Zeitintervalle verglichen: Auffällig waren vor allem die Intervalle von der Geburt bis zum Alter von 2,9 Monaten und von drei bis 5,9 Monate. Wie sich herausstellte, war das Risiko einer späteren T1D-Erkrankung besonders hoch bei Kindern, die in diesen beiden Intervallen jeweils mindestens einmal an einer viralen Atemwegsinfektion erkrankt waren: Das kumulative Risiko, innerhalb von fünf Jahren an T1D zu erkranken, lag bei 270 von 100.000 für Infektionen in beiden Intervallen, bei 145 von 100.000 bei Infektion(en) nur in einem Intervall und bei 120 von 100.000, wenn in diesem Zeitraum keine Atemwegsinfektion stattgefunden hatte; diese Unterschiede sind signifikant.

Ob eine verstärkte Virusexposition eine Ursache für diese Assoziation ist, oder ob gehäufte T1D-Erkrankungen mit einer gestörten Immunabwehr zusammenhingen, lässt sich auf der Grundlage der retrospektiven Kohortenstudie nicht feststellen. Auch mögliche Einflüsse wie T1D-Erkrankungen in der Familie oder der Geburtsweg – spontan oder per Kaiserschnitt – konnten nicht eruiert werden. Die Assoziation zwischen frühen Atemwegsinfektionen und der Häufung von T1D-Fällen ist allerdings konsistent mit dem, was man bereits in kleineren Studien gefunden hat: dass die ersten sechs Monate offenbar entscheidend für die Entwicklung des Immunsystems und speziell der Autoimmunität sind.

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