zur Navigation zum Inhalt
 
Diabetologie 25. Jänner 2016

Symptomkontrolle gefragt

Bei älteren Diabetikern sollten Mobilität, Ernährung, Kognition und Psyche strukturiert beurteilt werden.

Je hilfsbedürftiger Senioren sind, desto mehr stehen die reine Prävention diabetesbedingter Symptome und die Vermeidung von Hypoglykämien im Fokus. Besonderes Augenmerk sollte bei Älteren auch auf die Komorbidität und das Interaktionsrisiko bei Polypharmazie gelegt werden.

Ältere Diabetiker sind eine besonders uneinheitliche Patientengruppe, betonte Dr. Alexander Friedl, Ärztlicher Leiter des geriatrischen Zentrums Stuttgart, bei der DDG-Herbsttagung in Düsseldorf. Es gebe fitte, nicht geriatrische Patienten, bei denen ähnlich wie bei jüngeren eine leitliniengerechte Diabetestherapie mit primär- und sekundärpräventivem Ansatz erfolgen sollte. Haben die Patienten leichte Handicaps und sind sie hilfsbedürftig, sind die wichtigsten Therapieziele Erhalt oder Steigerung der Selbstständigkeit und Lebensqualität.

Haben sie schwere Handicaps und sind im Alltag weitgehend hilflos, sollten unter Einbeziehung der individuellen Patientenwünsche vor allem die Symptome kontrolliert werden. Der HbA1c-Wert sollte jedoch auch bei Älteren einen Wert von 8,0 Prozent nicht überschreiten, sagte Friedl, die Untergrenze liege bei 6,5 Prozent. Sinke bei Älteren der HbA1c zu tief, sollte eine mögliche Anämie abgeklärt werden, so Friedl. Denn bei anämischen Patienten würden falsch-niedrige HbA1c-Werte gemessen.

Hohes Sturz- und Frakturrisiko

Bei allen älteren Diabetikern sollten zur Abklärung häufiger geriatrischer Syndrome unter anderem Mobilität, Ernährung, Kognition und Psyche strukturiert beurteilt werden, so Friedl. Gang- und Sehstörungen, Schwindel und Exsikkosen tragen häufig zum hohen Sturz- und Frakturrisiko bei. Das strikte Vermeiden von Hypoglykämien ist vor allem prognostisch relevant, aber in der Praxis nicht einfach. „Unterzuckerungen sind bei Älteren schwieriger zu erkennen, weil sie weniger Symptome haben“, sagt Friedl.

Aber: Hypoglykämien korrelieren mit einer erhöhten Mortalität, wie in Studien etwa mit Sulfonylharnstoffen belegt worden ist. Zudem erhöht sich das Demenzrisiko, sagte die Pharmazeutin Mag. Martina Anditsch vom AKH Wien.

Problematisch: Arzneicocktails

Problematisch sind oft die Medikamentencocktails bei multimorbiden Diabetikern. Anditsch warnte etwa vor der Kombination von Chinolonen mit Sulfonylharnstoffen, bei der das Hypoglykämie-Risiko deutlich erhöht sei. Denn Chinolone führen über einen verstärkten Kalziumeinstrom zu einer Insulinfreisetzung, die bei Diabetikern nicht kompensatorisch gegenreguliert werden könne. Auch viele weitere eingesetzten Arzneien wie das Gichtmittel Allopurinol fördern Hypoglykämien. Umgekehrt schwächen andere Medikamente die Wirkung von Antidiabetika ab, sodass die Gefahr von Hyperglykämien verstärkt wird. Eine Langzeittherapie mit Metformin ist nach Angaben der Pharmazeutin öfter mit einem Vitamin B12-Mangel verbunden, einem Risikofaktor für Polyneuropathien. Das Antidiabetikum hemme vermutlich die Resorption eines Enzyms. Geachtet werden sollte bei multimorbiden Patienten auch auf Elektrolytstörungen wie Hyperkaliämien und Hyponatriämien.

Bei Diabetikern sei die Aufnahme von Kalium in die Zelle verringert und viele Medikamente wie RAS-Hemmer, Betablocker und Heparine erhöhen Kaliumspiegel, andere wie NSAR verringern die renale Kaliumausscheidung. Eine Hyperkaliämie sei die Folge, die zu Herzrhythmusstörungen, Synkopen und zum akuten Nierenversagen bis zur Dialyse führen könne, so Anditsch. Eine Hyponatriämie droht u. a. bei Diuretikatherapie, vor allem mit Thiaziden und Schleifendiuretika, auch bei medikamentöser Beeinträchtigung der ADH-Sekretion, etwa durch Antipsychotika, Antidepressiva und Benzodiazepine. Auch SGLT2-Hemmer erhöhen die Natriumausscheidung und sollten daher bei Patienten unter Diuretika sehr vorsichtig eingesetzt werden, sagte Anditsch.

Bei einer Polypharmazie gibt es häufig Interaktionen über Cytochrom-P450-3A4, über das etwa Gliptine, Kalzium-Antagonisten und Statine verstoffwechselt werden. Generell sollte laut Anditsch von Grapefruitsaft, einem CYP3A4-Hemmer, abgeraten werden.

Zu Hemmstoffen des Enzyms zählen zudem Pilzmittel und Makrolid-Antibiotika, zu Induktoren, die zum Wirkverlust der Substrate führen, unter anderem Barbiturate, Johanniskraut und Rifampicin.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben