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Der Taillenumfang auf der Höhe des Nabels liefert einen wichtigen Hinweis auf das Diabetes-Risiko.
 
Diabetologie 25. Jänner 2016

Acht Fragen helfen bei der Früherkennung

Mit einer Änderung des Lebensstils lässt sich Diabetes oft hinauszögern oder verhindern.

Die Instrumente, um die Erkrankung an Diabetes von Million hintanzuhalten, sind längst vorhanden. Notwendig sind ein gezieltes Screening und 10.000 Schritte pro Tag.

Man kann es gar nicht oft genug wiederholen: Ein sich anbahnender Typ-2-Diabetes lässt sich abwenden, sein Ausbruch sehr oft unterbinden. Aus den bislang bekannten Primärpräventionsstudien geht hervor, dass selbst noch im Frühstadium einer Diabetes-Erkrankung die Diagnose bei bis zu 75 Prozent der betroffenen Menschen verhindert oder hinausgezögert werden kann. Womit? Mit Änderungen des Lebensstils. Nichts ist effektiver als gesunde Ernährung, Gewichtsreduktion und 150 Minuten körperliche Aktivität pro Woche. Es braucht daher vor allem zwei Dinge, um die fortschreitende Diabetes-Epidemie einzudämmen: Menschen mit Diabetesrisiko müssen früh erkannt und diese zu einer Umstellung ihres Lebensstils gebracht werden.

Werte sind ungeeignet

Der Nüchternglukose-Wert wäre ein praktisches Screening-Instrument, ist dafür aber völlig ungeeignet. „Ein erhöhter Nüchternglukosespiegel spricht sehr stark für das Vorliegen eines Diabetes mellitus“, erläutert Prof. Dr. Peter Schwarz, Medizinische Klinik III, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus der TU Dresden, in einem Beitrag zu den Möglichkeiten des Diabetesscreenings und der Diabetesvorsorge in Der Internist 2015; 56: 1124-1133. Denn pathophysiologisch ist es in der allmählichen Entwicklung eines Diabetes so, dass zuerst postprandiale Glukosespitzen auftreten, später hohe Werte im Zweistunden-Bereich nach dem Essen. Und schließlich sei dann auch die Nüchternglukose erhöht, sagt Schwarz.

Risiko wird zu spät erkannt

Mit dem oralen Glukosetoleranztest (oGTT) kommt man allerdings ebenfalls zu spät. Wenn der Zweistunden-Wert erhöht sei, habe bereits ein Drittel der insulinproduzierenden Beta-Zellen versagt, so der Diabetologe. Den standardisierten, zeitaufwendigen oGTT im Alltag einer Hausarztpraxis umzusetzen, sei schwierig. Vor allem ist damit bei noch normoglykämen Patienten kein Diabetes-Risikostadium diagnostizierbar. Helfen könnten Insulinwerte nüchtern und postprandial, dafür aber gibt es keine allgemeingültigen Referenzwerte.

HbA1c-Wert? – Um diesen wird seit Jahren eine heftige Kontroverse zwischen Befürwortern und Gegnern geführt. Die Argumente sollen hier nicht ausgebreitet werden. Schwarz meint, dass für Länder mit guter medizinischer Versorgung ein HbA1c-Screening ein Rückschritt wäre, denn der Parameter ist zu wenig sensitiv und lässt ebenfalls erst sehr spät ein Risiko erkennen.

Möchte man also nicht erst nach Zwölf die (Alarm-) Glocke schlagen, sondern deutlich früher, kommt man an der guten alten Anamnese und der körperlichen Untersuchung nicht vorbei, gegebenenfalls kombiniert mit Laborwerten.

„Finde das Risiko“ – so lässt sich das Akronym FINDRISK übersetzen, das eigentlich für Finnish Diabetes Risk Score steht. Acht Fragen sind es, mit denen in FINDRISK der Verdacht auf einen beginnenden Typ-2-Diabetes erhärtet werden kann:

• Wie alt sind Sie?

• Wurde bei Mitgliedern Ihrer Blutsverwandtschaft Diabetes diagnostiziert?

• Welchen Taillenumfang messen Sie auf der Höhe des Nabels?

• Haben Sie täglich mindestens 30 Minuten körperliche Bewegung?

• Wie oft essen Sie Gemüse, Obst oder dunkles Brot?

• Wurden Ihnen schon einmal Medikamente gegen Bluthochdruck verordnet?

• Hatten Sie bei ärztlichen Untersuchungen schon einmal zu hohe Blutzuckerwerte (zum Beispiel während einer Krankheit oder während der Schwangerschaft)?

• Wie ist bei Ihnen das Verhältnis von Größe zu Gewicht (BMI)?

Die anzukreuzenden Antworten in diesem validierten Score sind mit Punktwerten unterlegt. Sieben bis elf Punkte bedeuten ein leicht erhöhtes Risiko, mehr als 20 Punkte ein hohes Risiko, in den kommenden zehn Jahren an Diabetes mellitus zu erkranken. Großer Vorteil des Fragebogens ist, dass er sich ohne ärztliches Zutun ausfüllen und auswerten lässt. Natürlich gibt es auch viele andere Fragebögen zum Diabetes-Screening.

Schwarz macht darauf aufmerksam, dass der im FINDRISK enthaltene Taillenumfang ein Surrogat für das viszerale Fettdepot ist. Dieses sezerniert mehr als 200 Hormone. Viele davon lösen direkt eine Insulinresistenz aus. Allein der Taillenumfang sagt also schon etwas über das Diabetesrisiko aus. Zudem ist er ein ideales Feedback bei Lebensstil-Interventionen – besser als etwa die Messung des Körpergewichts.

Nichtinvasiver Glukose-Test

Mit der EZSCAN™-Methode scheint es zudem jetzt ein nichtinvasives Verfahren zur Bestimmung der Glukose oder der Insulinresistenz zu geben. Über zwei Fuß- und zwei Handelektroden wird eine geringe Gleichstromspannung angelegt und in Millivoltschritten gesteigert. Mithilfe eines mathematischen Algorithmus und basierend auf der reversen Iontophorese wird der eingeschränkte Funktionsgrad autonomer Nervenfasern bestimmt. Dieser korreliert direkt mit der Insulinresistenz und einer gegebenenfalls vorhandenen Neuropathie. Die Wahrscheinlichkeit einer metabolischen Störung lässt sich in vier Gruppen von keinem Risiko bis zu einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit eines Diabetes mellitus angeben.

Laut Schwarz, der selbst an der Evaluation der Methode beteiligt gewesen ist, kann der Test jederzeit und ohne spezifische Vorbereitungen sowie unabhängig von der Nahrungsaufnahme erfolgen. Er liefere innerhalb von zwei bis drei Minuten ein Ergebnis. Die Resultate klinischer Studien in Deutschland, Indien und den USA seien nahezu identisch. Das Gerät ist u. a. in Europa, Nordamerika und Australien zugelassen und wird für Screenings, etwa in den Niederlanden, genutzt.

Mehr körperliche Bewegung

Die im Vergleich zur Detektion von Risikopatienten noch anspruchsvollere Aufgabe ist die Diabetesvorsorge mit Veränderungen des Lebensstils. „Eine grundsätzliche Prävention des Diabetes mellitus besteht in der Verbesserung der Insulinsensitivität“, so Schwarz. Heißt, es müssen mehr Zellen mit mehr Insulinrezeptoren entstehen, also Muskelzellen, die die Glukose verstoffwechseln. Erreicht werden kann das mit körperlicher Bewegung.

Schwarz: „Es ist tatsächlich so, dass Alltagsaktivität im Vergleich zu allen anderen getesteten Mechanismen die erfolgreichste Maßnahme darstellt.“ 10.000 Schritte pro Tag oder etwa 20 Minuten Hausarbeit oder Spazierengehen nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit, erhöhen die Zahl von Insulinrezeptoren auf Muskelzellen, und zwar viel mehr und nachhaltiger als etwa zweimal intensiver Sport pro Woche. „Das Ziel ist damit klar, die Umsetzung einfach, lebensnah und realistisch.“

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