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Welcher Test für die DiabetesDiagnose zum Einsatz kommt, kann im Einzelfall durchaus relevant sein.
 
Diabetologie 4. September 2015

Hohes HbA1c ohne Diabetes

Laborergebnisse sind immer im Zusammenhang mit dem klinischen Bild zu interpretieren.

Die Hochdruck-Flüssigkeitschromatografie gilt als der Goldstandard der HbA1c-Messung. Hersteller werben mit der hohen Qualität und Zuverlässigkeit ihrer Systeme. Dass so ein Kit aber auch völlig danebenliegen kann, zeigt der folgende Fall.

Eine 66 Jahre alte Frau war vom Hausarzt an den Diabetologen überwiesen worden; ihr Typ-2-Diabetes ließ sich partout nicht einstellen. Der Hausarzt hatte es mit Metformin versucht und schließlich auch mit Insulin glargin. Es half alles nichts, der HbA1c-Wert hielt sich hartnäckig bei Werten zwischen 10,8 und 11,2 %. Was den Arzt hätte stutzig werden lassen sollen, war, dass die Frau bei Diagnosestellung völlig normale Nüchternglukosewerte zeigte und auch keinerlei Symptome eines zu hohen Blutzuckers. Erst unter der Therapie wurde die Patientin symptomatisch: Sie geriet in einen Unterzucker.

Klinik und Labor passen nicht zusammen

Bei der Diagnose hatte sich der Hausarzt auf die HbA1c-Messung seines Labors verlassen. Dieses hatte ein System im Einsatz, das auf der Flüssigkeitschromatografie beruht. Dem Diabetologen kam es seltsam vor, dass Klinik und Laborwerte bei der vermeintlichen Diabetespatientin so gar nicht zusammenpassten. Er wiederholte daher die Messung – allerdings mit einem anderen Gerätetypus, der mit dem Immunoassay-Verfahren arbeitet. Das Ergebnis: ein wunderbar normaler HbA1c von 5,2 %.

Mutation im Hämoglobin

Die Erklärung für die unterschiedlichen Messergebnisse mit den beiden Tests liefern Elona Turley und Kollegen von der University of Alberta im kanadischen Edmonton: Die Patientin besitzt, wie sich in einer weiteren Untersuchung herausstellte, eine Mutation in der α-Globin-Kette des Hämoglobins, bekannt als Hämoglobinopathie vom Typ Wayne. Generell besteht das Hämoglobin aus vier Aminosäureketten, zwei α- und zwei β-Ketten. Träger der genannten Genmutation sind klinisch völlig unauffällig und haben im Großen und Ganzen normale Blutwerte. Allerdings liegen hier zwei besondere Isoformen des Hämoglobins vor, Hb Wayne I und Hb Wayne II. Während Ersteres in der Chromatografie mit dem HbA1c herausgewaschen wird, trifft dies für Letzteres nicht zu. Da der Immunoassay Antikörper nutzt, die auch die Struktur der β-N-terminalen glykierten Aminosäure erkennt, fällt seine Messung des HbA1c genauer aus.

Die kanadische Praxisleitlinie sieht für asymptomatische Patienten mit erhöhtem HbA1c eine Wiederholung des Tests vor. Es ist aber nicht die Rede davon, dass dabei ein anderes Verfahren als beim ersten Mal zum Einsatz kommen soll. Wenn es um spezielle Fälle geht, reichen Leitlinienempfehlungen eben manchmal nicht aus, so Turley und Kollegen. Ergebnisse von Laboruntersuchungen seien daher immer im Zusammenhang mit dem klinischen Bild zu interpretieren; dieses sollte im Zweifelsfall den Ausschlag für die Diagnose geben.

Bei der 66-jährigen Frau wurde nach einem Telefonat mit dem Hausarzt die Diabetestherapie gestoppt. Daraufhin verschwanden die hypoglykämischen Symptome, der Blutzucker blieb weiterhin normal.

 

Originalpublikation: Turley E et al. Erroneous Diabetes Diagnosis: A Case of HbA1c Interference. Diabetes Care 2015; online 20. August; DOI: 10.2337/dc15-0733

springermedizin.de, Ärzte Woche 37/2015

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