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Der Fetus profitiert von einer prädiabetischen Stoffwechsellage der Mutter.
 
Diabetologie 21. August 2014

Wo Prädiabetes Sinn macht

Hyperglykämie in der Schwangerschaft und bei pubertierenden Mädchen muss nicht pathologisch sein.

Vorgänge, die noch vor kurzem als pathologisch eingestuft wurden, müssen neu interpretiert werden, meint der Gynäkologe und Hormonspezialist Prof. DDr. Johannes Huber, Wien.

So dient die prädiabetische Stoffwechsellage der Schwangeren der vermehrten Insulin- und Glukoseversorgung des Fetus, die dieser für die Entwicklung des Großhirnes benötigt. Auch eine passagere Insulinresistenz in der Pubertät ist – vom evolutionären Standpunkt aus betrachtet – durchaus sinnvoll.

Ultraschalluntersuchung gibt Aufschluss

In der Schwangerschaft ist eine vorübergehende Insulinresistenz nicht a priori als pathologisch einzustufen, meint Huber. Die Hyperglykämie der werdenden Mutter sei für das Kind von Vorteil: „Der Fetus profitiert von der prädiabetischen Stoffwechsellage der Mutter, indem er besser mit Insulin und Glukose versorgt wird, was er für die Entwicklung des Großhirns benötigt.“

Erhöhte Blutzuckerwerte in der Schwangerschaft müssen deshalb auch nicht prinzipiell behandelt werden, denn die maternale Hyperglykämie führt nicht unweigerlich auch zur fetalen Hyperglykämie. „Ob das Kind bereits gefährdet ist, kann man in einer speziellen Ultraschalluntersuchung erkennen, was derzeit von Frau Prof. Chalubinski an der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde untersucht wird“, so Huber. „Kardiale und venöse Strömungsveränderungen zeigen, dass der Fetus schon ein Problem hat und die Hyperglykämie der Mutter behandelt werden sollte. In diesem Fall kommt es zu einer Zunahme des retrograden Blutflusses im venösen System; es zeigen sich pathologische Rückströme in den großen Venen (Ductus venosus, Vena cava interior, Vena hepatica). Diese Veränderungen – die man in einem herkömmlichen Doppler-Ultraschall noch nicht sehen kann – sind erste Warnzeichen einer beginnenden Schädigung des Fetus.

Insulinresistenz und PCO in der Pubertät

Auch die häufig beobachtete passagere Insulinresistenz bei jungen Mädchen, die für die Entwicklung des Polycystischen Ovars (PCO) verantwortlich gemacht wird, ist laut Huber keine Pathologie, sondern „ein Meisterwerk der Evolution“. Für eine Schwangerschaft plus einer Stillzeit von drei Monaten benötigt der weibliche Körper etwa 140.000 zusätzliche Kilokalorien. „In der Pubertät werden die Adipozyten des Mädchens darauf vorbereitet, sich zu füllen“, so Huber. „Vorübergehende Insulinresistenz und polycystisches Ovar sind in dieser Zeit also natürliche Vorgänge, die nur dann als pathologisch einzustufen sind, wenn sie persisitieren.“

Fazit

„Der zum Diabetes neigende Stoffwechsel verringert Energieverluste“, sagt Huber. „Menschen, aber auch andere Säugetiere, hatten dadurch – vom evolutionären Standpunkt aus betrachtet – einen Vorteil.“ Vorübergehende Hyperglykämien bei jungen Mädchen und schwangeren Frauen sollten deshalb nicht sofort behandelt werden. Man sollte sie aber beobachten, um eine Chronifizierung und pathologische Entwicklung rechtzeitig zu erkennen.

Quelle: „Symposium für den endokrinen Kreis“, Wien, 23. bis 25. Mai 2014

Christine Lindengrün, Ärzte Woche 29/34/2014

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