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Diabetologie 21. August 2014

Erst Trauma, dann Diabetes

Eine Posttraumatische Belastungsstörung scheint ein unabhängiger Risikofaktor für Diabetes Typ 2 zu sein.

Sie haben Schreckliches erlebt – und damit nicht genug: Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung nach kritischen Lebensereignissen haben ein erhöhtes Risiko für Diabetes, das Aufmerksamkeit fordert.

Als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) wird eine Anpassungsstörung bezeichnet, die durch drei Hauptsymptome gekennzeichnet ist: Intrusion (wiederholtes Erleben des Traumas, etwa in Flashbacks und Albträumen), Avoidance (Gleichgültigkeit, Teilnahmslosigkeit, Freudlosigkeit und Vermeidungsverhalten) sowie Startle (erhöhte Schreckhaftigkeit mit Vigilanzsteigerung und Schlafstörungen).

Zwar erleben erschreckend viele Menschen im Lauf ihres Lebens traumatische Ereignisse – Untersuchungen in den USA ergaben einen Prozentsatz von 60 bis 90 Prozent der Allgemeinbevölkerung – aber glücklicherweise entwickelt nur ein kleiner Teil das Vollbild der PTBS, wie Prof. Karl-Heinz Ladwig, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie bei der DDG-Jahrestagung im Mai in Berlin berichtete. Diese seien dann aber schwer krank und schwierig zu behandeln.

Großes Spektrum möglicher Traumata

Das Spektrum der Traumata reicht von eigenen lebensgefährdenden Erkrankungen oder Unfällen, Tod naher Angehöriger, kriminellen Übergriffen oder Kriegserlebnissen bis zu Ereignissen bei belastenden Berufen wie dem Rettungsdienst. In einer 2012 zunächst online publizierten Untersuchung unter Mitwirkung Ladwigs auf der Basis der KORA-(Cooperative Health Research in the Region of Augsburg)-F4-Kohorten-Studie konnte bei 41 Prozent der Teilnehmer ein Trauma dokumentiert werden, was aber nur in 1,7 Prozent der Fälle zum Vollbild der PTBS und in 8,8 Prozent zu dessen partieller Ausbildung führte (Lukaschek et al.: Soc Psychiatry Psyhiatr Epidemiol 2013).

Dennoch sollte das Problem nicht unterschätzt werden. Denn das PTBS ist ein unabhängiger signifikanter Risikofaktor für Diabetes Typ 2, wie eine kürzlich publizierte Studie ergeben hat. In der ebenfalls unter Beteiligung Ladwigs erfolgten Analyse im Kollektiv der KORA-Studie mit fast 3.000 Patienten ergab sich eine signifikante Assoziation mit einer Odds Ratio von fast 4 (Lukaschek et al.: J Psychosomatic Res 2013).

Außerdem gebe es Hinweise, dass auch bei partieller PTBS eine, wenn auch abgeschwächte, Assoziation vorliegt. Und: „Was wir bei den klinischen Symptomen sehen, das können wir auch in der Biologie sehen.“ Ladwig spielt damit auf epigenetische Veränderungen an, die ebenfalls bereits dokumentiert wurden.

Mögliche Gründe für die Assoziation

Wie erklärt man sich diese Assoziation zwischen PTBS und Typ-2-Diabetes? Es gibt eine Reihe von plausiblen Gründen. So rauchen PTBS-Patienten häufiger als die Allgemeinbevölkerung. In einer Metaanalyse mit 45 Studien aus dem Jahr 2007 etwa lag die Raucherquote dieser Patienten bei bis zu 85 Prozent mit einer Odds Ratio von 2–4 für Nikotinabhängigkeit, zitierte Ladwig (Fu et al.: Nicotine and Tobacco Research 2007).

Unabhängig vom Geschlecht sind diese Patienten erwiesenermaßen auch häufiger adipös, sie haben häufiger ein metabolisches Syndrom oder Bluthochdruck als die Normalbevölkerung. All dies hängt mit erhöhtem psychischem Stress und konsekutiven hormonellen Veränderungen, Inflammation, Insulinresistenz und dem Lebenswandel mit sozialem Rückzug, Einsamkeit, Bewegungsmangel und Schlafstörungen zusammen. Hinzu kommen mangelnde Adhärenz und allgemeine Selbstvernachlässigung.

Nicht zu vergessen ist wie bei Schizophrenie und Depression auch das erhöhte Risiko für Adipositas durch Psychopharmaka (z. B. trizyklische Antidepressiva). „Der Zusammenhang zwischen all diesen Faktoren ist zumindest plausibel. Allerdings gibt es derzeit keine prospektiven Studien, sondern nur eine Cross-Sectional-Evidenz zur Assoziation von PTBS und Diabetes“, so Ladwig.

Risiko bei Asylanten

Welche Schlüsse lassen sich aus den bisherigen Erkenntnissen ziehen? Bei Asylanten mit Gewalterfahrung scheint das Risiko für eine zumindest partielle PTBS hoch. „Eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Problematik ist sicher schon hilfreich“, so Ladwig. Regelmäßiges Erfragen des Leidensdrucks und das Überwachen von Stoffwechselparametern bei Patienten mit bekannter Traumabelastung können helfen, den Zeitpunkt für eine Überweisung zum Spezialisten nicht zu verpassen. Gerade bei Migranten ist das Auffinden eines muttersprachlichen Therapeuten allerdings nicht immer einfach. Bei der türkischsprachigen Bevölkerung gebe es aber gute Ansätze durch entsprechende Netzwerkbildung, so Ladwig.

springermedizin.de, Ärzte Woche 29/34/2014

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