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Diabetologie 28. Oktober 2013

Ruckzuck-Training für Muskeln von Typ-2-Diabetespatienten?

Elektrostimulation des Quadrizeps verbessert die Insulinsensitivität.

Körperliche Aktivität in Form von Alltagsbewegung oder Sportausübung ist die beste Methode, um die Blutzuckerkontrolle bei Diabetes mellitus Typ 2 zu verbessern. Wenn es mit der Motivation oder Befähigung aber hapert, wie es auch wegen Folgekomplikationen der Erkrankung vorkommt, könnte eine Elektrostimulation von Muskeln zumindest ein Hoffnungsschimmer sein. In einer Pilotstudie wurde nun gezeigt, dass die Insulinsensitivität bei einem Teil der Patienten mittels Elektrostimulation gesteigert werden kann.

Nach einmaligem körperlichem Training steigt die Glukoseaufnahme in die Muskulatur anhaltend über Stunden an. Die Insulinsensitivität kann nach einer sechswöchigen Trainingsphase um bis zu 40 Prozent gesteigert werden, was unter anderem mit einer Verbesserung der Insulinanflutung über neu gebildete Kapillaren und einer verstärkten NO-vermittelten Vasodilatation sowie einer besseren oxidativen Kapazität der Muskeln erklärbar ist, wie Dr. Michael Joubert von der Universitätsklinik Caen in Frankreich bei der EASD-Jahrestagung in Barcelona ausführte.

Strukturierte Bewegungsprogramme können den HbA1c-Wert um bis zu fast 0,9 Prozentpunkte senken, weshalb die Leitlinien der ADA/EASD 150 Minuten moderates körperliches Training für Typ-2-Diabetiker empfehlen.

Leider ist nur allzu gut bekannt, wie selten das umgesetzt wird. Außerdem ist ein Teil der Patienten durch Folgekomplikationen wie Charcot-Fuß oder Herzerkrankungen kaum in der Lage, dieses Bewegungspensum zu absolvieren. Die Suche nach einer Alternative brachte Joubert und seine Kollegen auf die Idee, die Effekte einer neuromuskulären Elektrostimulation, wie sie in der Rehabilitation nach Schlaganfall, Frakturen oder bei Herzinsuffizienz eingesetzt wird, bei Patienten mit Typ-2-Diabetes zu erproben (ELEKTRODIAB-Studie).

Tägliche Elektrostimulation über 25 Minuten

Für die prospektive Pilotstudie wurden 18 oral antidiabetisch behandelte langjährige Patietnen mit Typ-2-Diabetes (Alter im Mittel etwa 60 Jahre) mit einem BMI über 25 kg/m2 und einem HbA1c-Wert zwischen 6 und 9 Prozent rekrutiert, die ihre Quadriceps-Oberschenkelmuskulatur beidseits mithilfe von Hochfrequenzstrom (100–150 Hz) über Klebeelektroden maximal tolerierbar stimulieren sollten. Eine Stimulationsperiode umfasste 25 Minuten. In der Beobachtungsphase wurde die normale körperliche Aktivität, die keine größere Anstrengung enthalten sollte, mit einem Körpermonitoring-System überwacht und die Patienten führten Ernährungsprotokolle. Jeder der Teilnehmer wurde dreimal einem euglykämischen hyperinsulinämischen Clamp unterzogen, und zwar zu Beginn der Studie, eine Stunde nach der ersten Stimulation und nach einer Woche täglicher Stimulation daheim. Außerdem wurde während der ersten Stimulation mit indirekter Kalorimetrie der Energieverbrauch des Körpers festgestellt.

Die Resultate: Zwei Patienten wurden wegen zu großer Schwankungen in ihrer körperlichen Aktivität ausgeschlossen. Bei den übrigen wurde im Mittel eine Erhöhung der Insulinsensitivität um 25 Prozent nach einer Woche Stimulationsprogramm festgestellt, auch nach der Per-Protocol-Analyse. Entgegen den Erwartungen stieg der Energieverbrauch während der Stimulation aber nur um zwei Prozent. Diese Diskrepanz ließe auf die Beteiligung von endokrinen Mechanismen bei der Erhöhung der Insulinsensitivität schließen, so Joupert.

Mehr Insulinresistenz – mehr Effekt

Offenbar sprechen aber nicht alle Menschen gleich gut auf die Stimulation an, denn die Variation der sogenannten M-Values, die als Maß für die Insulinsensitivität herangezogen wurden, war groß. Sie reichte bei den zehn Teilnehmern, die als Responder identifiziert wurden, von etwas über zehn bis 50 Prozent.

Bei näherer Betrachtung der Begleitfaktoren der Patienten stellte sich heraus, dass Responder zu Beginn der Studie eine signifikant niedrigere Insulinsensitivität hatten als Non-Responder. „Insulinresistentere Patienten sind besser für die neuromuskuläre Stimulation geeignet“, sagte Joupert.

Als Nebenwirkungen traten bei acht Patienten moderate Schmerzen an der Haut oder in der Muskulatur auf. Dennoch wollten 16 Patienten die Stimulation gern fortsetzen, 13 sogar ausgedehnt auf weitere Muskelgruppen. Die Effekte der neuromuskulären Stimulation auf die glykämische Kontrolle sollen nun in der Studie ELECTRODIAB zwei über sechs Wochen weiter untersucht werden.

 

Quelle:
EASD 2013, Oral Presentation und Diabetologia 2013, 2013;56 (Suppl 1):Seite 32

springermedizin.de, Ärzte Woche 44/2013

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