zur Navigation zum Inhalt
© Dmitry Lobanov / fotolia.com
 
Diabetologie 21. August 2013

Langfristig bessere Prognose

Erhebliche Vorteile der intensivierten Insulintherapie bei Typ-1-Diabetes sind auch noch nach 30 Jahren messbar.

Eine frühzeitige gute Stoffwechselkontrolle verringert bei Diabetes mellitus Typ 1 auch auf lange Sicht die Risiken für Herz-, Augen- oder Nierenkomplikationen um 50 bis 60 Prozent. Die makrovaskulären prognostischen Vorteile treten erst nach weit über zehn Jahren zutage und dauern auch noch nach 30 Jahren an.

Vor nunmehr 30 Jahren wurde mit Geldern der amerikanischen National Institutes of Health (NIH) die Diabetes Control and Complications Trial (DCCT-Studie) gestartet, eine der bedeutendsten klinischen Diabetes-Studien, die je durchgeführt worden sind.

30-jähriges Jubiläum einer der bedeutendsten Diabetes-Studien

Anlässlich dieses Jubiläums veranstaltete die American Diabetes Association (ADA) auf ihrer Jahrestagung 2013 in Chicago ein Jubiläumssymposium, bei dem die Ergebnisse und Konsequenzen sowie neue Daten umfassend gewürdigt wurden.

DCCT randomisierte 1.441 Patienten mit kurz zuvor diagnostiziertem Typ-1-Diabetes auf zwei Therapiearme: Die einen erhielten eine intensivierte Insulintherapie (einschließlich regelmäßiger Blutzuckerselbstkontrollen) und erzielten dadurch einen durchschnittlichen HbA1c-Wert von 7,0 Prozent. Die Kontrollen wurden konventionell behandelt und lebten mit HbA1c-Werten von im Schnitt 9,0 Prozent. Im Median wurden die Patienten 6,5 Jahre lang entsprechend behandelt.

Mikrovaskuläre Vorteile nach zehn Jahren

Nach zehn Jahren (1993) wurden Ergebnisse publiziert: Die gute Stoffwechselführung reduzierte das Risiko für frühe Stadien von diabetischen Augen-, Nieren- und Nervenkomplikationen um bis zu 76 Prozent. Die intensivierte Insulintherapie wurde daraufhin weltweit Standardtherapie des Typ-1-Diabetes, erklärte Prof. David Nathan, Direktor des General Hospital Diabetes Center in Boston.

Makrovaskuläre Vorteile nach über 20 Jahren

Doch war nach zehn Jahren unklar, ob die gute Stoffwechselführung auch Nierenversagen, Blindheit, Fußamputationen und Herzinfarkte verhindern kann. Aus diesem Grund wurde eine offene Langzeitbeobachtung der Patienten angeschlossen, die EDIC-Studie. Deren Ergebnisse wurden weitere zwölf Jahre später (2005) veröffentlicht.

Mehr als 20 Jahre nach Studienbeginn zeigte sich, dass die bessere Stoffwechselkontrolle in den ersten 6,5 Studienjahren langfristig das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse erheblich reduzierte. Diese war mit einer 57-prozentigen Senkung des Risikos für Herzinfarkt, Schlaganfälle und Herzkreislauftod verbunden, hieß es in der Publikation im New England Journal of Medicine ( The DCCT/EDIC Study Research Group; N Engl J Med 2005; 353: 2643–53 ).

Insgesamt waren 46 Ereignisse bei 31 Patienten der Interventionsgruppe sowie 98 Ereignisse bei 52 Patienten der Kontrollgruppe aufgetreten. Und weiter: Die Differenz der kardiovaskulären Ereignisse konnte fast komplett auf die Differenz in der Blutzuckereinstellung zurückgeführt werden!

Makrovaskuläre Komplikationen: 50- bis 60-%ige Risikoreduktion

Auch bis heute, 30 Jahre nach Beginn der Studie, werden weiterhin die Daten von 95 Prozent der überlebenden Studienpatienten verfolgt. Und diese zeigen, dass die makrovaskulären Vorteile der intensivierten Therapie weiterhin persistieren.

Die Risikoreduktion von Herzinfarkten und Schlaganfällen liegt weiterhin im Bereich von knapp 60 Prozent, berichtete Dr. John Lachin von der George Washington University. In Kürze wird auch die Veröffentlichung der Mortalitätsdaten aus der Untersuchung erwartet.

Auch die Risikosenkung für die diabetische Nephropathie liegt aktuell bei 50 Prozent, so Dr. Ian deBoer, von der University of Washington. Schwere, das Augenlicht bedrohende diabetische Augenkomplikationen sowie die Notwendigkeit von Augenoperationen werden ebenfalls bis heute in der Gruppe, die initial intensiv behandelt wurde, nur halb so oft beobachtet, erklärte Dr. Lloyd Aiello, Joslin Diabetes Center in Lanham.

Zwei Drittel der Patienten entwickeln eine „Diabeteshand“

Eine weitere, bis dato offenbar noch viel zu wenig beachtete Diabetes-Komplikation ist die Cheiroarthropathie. Wie Dr. Mary Larkin, Massachusetts General Hospital in Boston berichtete, leiden heute zwei Drittel der DCCT-Patienten an Beweglichkeits- und Flexiblitäts-Einschränkungen im Bereich der oberen Extremität, wozu unter anderem die „frozen shoulder“, das Karpaltunnelsyndrom sowie krankhafte Veränderungen an Hand- und Fingergelenken gehören. Auch hier zeigt sich: Die Ursache ist die schlechte Stoffwechseleinstellung. Bei guter Stoffwechselführung sinkt das Risiko, so Larkin.

Diabetes-Therapie braucht langen Atem

Insgesamt bestätigen die Langzeitdaten die Notwendigkeit einer möglichst frühen, möglichst guten und Norm-nahen Stoffwechselführung, resümierte der renommierte amerikanische Diabetologe David Nathan. Bei Typ-1-Diabetes ist es nie zu spät, den Patienten gut zu behandeln. Doch ist es zweifellos mit erheblichen prognostischen Vorteilen verbunden, möglichst von Anfang an damit zu beginnen und Gefäßen sowie Endorganen den schädlichen Einfluss hoher Blutzuckerspiegel zu ersparen.

Darüber hinaus zeigt die DCCT/EDIC-Studie sehr deutlich, dass es lange dauert, bis sich die Vorteile einer guten Stoffwechseleinstellung zeigen. In dieser Studie machte sich die um zwei HbA1c-Prozentpunkte bessere Blutzuckerkontrolle erst nach 20 Jahren bezüglich makrovaskulärer Ereignisse bezahlt. Dies unterstreicht das Dilemma, bei modernen antidiabetischen Therapien heute in relativ kurzer Zeit einen kardiovaskulären Nutzen aufzeigen zu müssen, um bei Gesundheitsbehörden nicht in Ungnade zu fallen.

American Diabetes Association, 73rd scientific sessions, 21.–25.6.2013 in Chicago

springermedizin.de/de/IS, Ärzte Woche 34/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben