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© mangostock / iStockphoto.com
Nur eine Therapie, die Lebensumstände und Besonderheiten eines Patienten berücksichtigt, ist individuell.
 
Diabetologie 15. November 2012

Defizite bei individueller Diabetestherapie

Die Lebensumstände der Patienten werden zu selten im Arztgespräch thematisiert.

Eine individuelle Therapie bei Typ-2-Diabetes wird inzwischen vielfach empfohlen. Betrachtet man aber, inwieweit die persönlichen Umstände von Patienten im Arzt-Patienten-Gespräch erörtert werden, sind Defizite erkennbar, wie eine Umfrage von Ärzten und Diabetikern ergeben hat.

In der kürzlich publizierten Stellungnahme der Amerikanischen und die Europäischen Diabetesfachgesellschaften ADA und EASD wird eine Empfehlung zur individualisierten Therapie bei Typ-2-Diabetes gegeben*. Aber nur, wenn eine Therapie die Lebensumstände und Besonderheiten eines Patienten berücksichtigt, ist sie individuell. Was also besprechen die Ärzte beim Erstgespräch und in den Routine-Check-ups mit ihren Patienten?

Online-Umfrage in acht Ländern

Um hierzu Informationen zu erhalten, wurde im Rahmen des vom Unternehmen MSD initiierten Programms „Living Diabetes: Journey for Control“ eine Online-Umfrage in acht Ländern gestartet, darunter Deutschland, Großbritannien und Saudi Arabien. Sie fand Ende Juni bis Mitte August 2012 statt. Insgesamt konnten 807 Interviews bei diabetologisch und endokrinologisch tätigen Klinikärzten und Hausärzten erhoben werden sowie bei 899 mit oralen Antidiabetika behandelten Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes. Die Ergebnisse aus Ärztesicht trug Dr. Khalid Al-Rubeaan aus Riad, Saudi Arabien, bei der EASD-Jahrestagung in Berlin vor.

„Zunächst einmal sind wir sehr froh darüber, dass sich mit etwa 95 Prozent fast alle Ärzte darüber im Klaren sind, wie wichtig die körperliche Aktivität und die Ernährungsgewohnheiten eines Patienten für das Diabetesmanagement sind“, so Al-Rubeaan. Auch die Bedeutung der Blutdruck- und Lipid-Einstellung sei meist klar. Allerdings sehe das bei der Frage nach den beruflichen Aktivitäten und den kulturellen Gegebenheiten schon anders aus. Das Thema „Diabetesmanagement in Fastenzeiten“ werde von den Ärzten in manchen Ländern zu selten angesprochen. Eher ungünstig fielen die Ergebnisse etwa in Deutschland aus: Fast 70 Prozent der Ärzte gaben an, ihre Patienten nicht oder nur manchmal auf das religiöse Fasten hin anzusprechen. Da die Therapie oft nicht angepasst werde, hätten viele Patienten nach der Fastenperiode die Blutzuckerkontrolle verloren oder kämen mit Komplikationen, bedauerte Al-Rubeaan. Er machte darauf aufmerksam, dass Fastenzeiten auch außerhalb des Islam praktiziert werden, und dass die Angaben zu Therapieempfehlungen für diese Zeiten international sehr unterschiedlich sind. Al-Rubeaan sprach sich für eine modifizierte Medikation und den Gebrauch von Protokollen mit Regeln für Fastenzeiten aus, vor allem um Hypoglykämien zu vermeiden.

Patienten wünschen sich mehr Infos zu Hypoglykämien

Weitere wichtige Ergebnisse der Befragung aus Patientensicht stellte Dr. Rosario Arechavaleta aus Guadelajara, Mexiko, vor: 53 Prozent der Patienten gaben an, schon mindestens einmal Hypoglykämiesymptome empfunden zu haben, aber nur 37 Prozent, dass sie das Thema in einem Routinegespräch mit ihrem Arzt angesprochen hätten. In 44 Prozent der Fälle waren die Hypoglykämien in ihrer Arbeitszeit aufgetreten. Allerdings hatten 76 Prozent nie mit ihrem Arzt über ihre Arbeitsbedingungen gesprochen. 31 Prozent gaben zudem an, ihr Arzt hätte nie erwähnt, wie sie ihr Hypoglykämierisiko senken könnten.

Arechavaleta leitete daraus folgende Schlüsse ab: Es ist nötig, die Therapie individueller zu gestalten. Ärzte und Patienten müssten dazu alle wichtigen Lebensumstände erörtern, die das Blutzuckermanagement beeinflussen könnten. Die Medikationsoptionen werden mit den Patienten nicht immer besprochen und viele wünschen sich mehr Informationen inklusive Vermeidung von Hypoglykämien. Als Hilfe für Patienten gibt es eine Lifestyle-Checkliste mit allen Informationen, die beim Arzt angesprochen werden sollten. Die Checkliste kann über das Unternehmen MSD angefordert werden.

Literatur:

* Inzucchi SE, Bergenstal RM, Buse JB et al. Diabetes Care 2012; 35(6):1364–79

Quelle: www.springermedizin.de

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