zur Navigation zum Inhalt
© AIT Austrian Institute of Techno

DI Peter Kastner MBA,DiabMemory-Projektleiter und Senior Engineer an der Austrian Institute of Technology GmbH, AITAIT Austrian Institute of Technology

 
Diabetologie 5. Oktober 2012

Therapieren statt dokumentieren: Gesundheitsdialog Diabetes

Wie man Diabetes langfristig mit Telemonitoring in den Griff bekommt und die Lebensqualität steigert. Ein Beispiel der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau gemeinsam mit dem AIT.

Chronische Erkrankungen bleiben bestehen und können nicht geheilt werden. Sie bedürfen einer hohen Selbstdisziplin in der Therapie und greifen stark in das Leben des Patienten ein. In den vergangenen Jahren explodierte der Markt für E-Health- und Telemonitoring-Lösungen sowie für mobile Gesundheits-Apps. In Pilotprojekten ausprobiert, hochgejubelt und oft auch wieder verworfen. „Zu viel Hype?“ mag man sich fragen, oder „Wo ist der Sinn?“ Ein Projekt der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau (VAEB) zeigt, wie es funktionieren kann.

Alleine für Diabetes gibt es weit über 400 Apps und Telemonitoringlösungen, die alle so ziemlich das Gleiche tun – sie zeichnen die täglichen Werte auf. Doch ohne Feedback, ohne Motivation von betreuenden Ärzten ist die langfristige Benutzung wohl nur eine Sache für sehr willensstarke Menschen. Dass es anders geht, zeigt der „Gesundheitsdialog Diabetes mellitus – DiabMemory“, ein Diabetes Telemonitoring System initiiert von der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau (VAEB).

Im Sommer 2010 wurde das Programm in Zusammenarbeit mit der Austrian Institute of Technology GmbH (AIT) gestartet . Ein Pilotprojekt mit derzeit rund 415 Patienten und 72 betreuenden Ärzten im gesamten Bundesgebiet.

„Der Gesundheitsdialog stellt ein modernes Instrument dar, das den Umgang und die Behandlung der chronischen Krankheit Diabetes maßgeblich unterstützt“, so Helmuth Badjura, OE stellvertretender Leiter Gesundheit und Service, Geschäftsbereich Gesundheit und Innovationen, VAEB, „Die Vision hinter diesem Projekt ist, dass das Zusammenspiel „Technik“ (Telemedizin) und „Präventionskonzept“ (Bewegung, Ernährung, Leitlinien) die Autonomie der Patienten nachhaltig stärkt und das Gesundheitsverhalten positiv beeinflusst“.

Einstieg in DiabMemory

In der VAEB-eigenen Sonderkrankenanstalt in Breitenstein wird das Programm potenziellen Nutzern vorgestellt. Die Teilnahme ist freiwillig und kann während des dreiwöchigen Kuraufenthalts unverbindlich erprobt werden. Im Zuge der Einschulung erhält der Patient ein Blutzuckermessgerät, eine Kitbox zur Übertragung der Daten, ein Mobiltelefon mit eigener App zur Eingabe zusätzlicher Daten und ein Blutdruckmessgerät sowie seinen persönlichen Zugang zur Webapplikation, die von jedem internetfähigen Gerät aufrufbar ist.

Die Akzeptanz ist hoch, nehmen doch bis zu 44 Prozent der Patienten dieses Angebot an. Nur ganz wenige Patienten entscheiden sich nach der dreiwöchigen Testphase in Breitenstein gegen eine Teilnahme. Es sind meist ältere Menschen, die kein Handy nutzen.

„Es ist alles ganz einfach“, schildert Peter Hönigschnabl, ein Patient und Teilnehmer am Programm, dem 2010 die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 gestellt wurde. „Ich führe meine Messungen durch, halte die Karte ans Messgerät und dann ans Handy. Ich brauche keine endlosen Aufzeichnungen auf Papier machen“. Gefragt nach Interaktionen und weiteren Möglichkeiten wird klar: Es ist nicht nur eine Übertragung der Daten, sondern viel mehr. Neben dem Eintrag von sportlichen Aktivitäten, Broteinheiten und der allgemeinen Gemütslage wird ein direkter Dialog zwischen Arzt und Patient ermöglicht. Erkennt der Arzt medizinisch relevante Abweichungen vom Therapieplan, kann er Feedback geben. Umgekehrt hat auch der Patient die Möglichkeit dem Arzt über die Webapplikation direkt Fragen zu stellen.

Drehscheibe Daten und Dialog

Arzt und Patient haben über die Webapplikation Zugang zu denselben Daten, können interagieren wann und wo auch immer sie sich gerade befinden, ein wichtiger Motivationsfaktor in der Behandlung chronischer Erkrankungen. Als zusätzliche Sicherheit wird der Patient via SMS auf ein neues Feedback des Arztes hingewiesen.

„Alle Daten kann ich sowohl mit meinem Handy als auch direkt im Internet eintragen, egal wo ich gerade bin“, freut sich Hönigschnabl. Er sieht aber auch Verbesserungsmöglichkeiten: „Es sollten mehr als 30 Daten auf der Karte gespeichert werden können, gerade wenn man längere Zeit im Ausland auf Urlaub ist.“ Die Auswertungen sind kinderleicht und anpassbar und sowohl von Arzt als auch Patient durchführbar. Mit ein paar Klicks wird eine pdf-Datei über den gewünschten Zeitraum und mit den gewünschten Inhalten erstellt.

Schnittstelle Arzt / Patient

Als betreuender Arzt ist sowohl eine Einschulung als auch eine finanzielle Vergütung der wöchentlich aufgewendeten virtuellen Betreuungszeit seitens der VAEB gegeben und vertraglich geregelt. Der Arzt benötigt nur eine Internetanbindung, keine zusätzliche Software. Er verpflichtet sich, mindestens einmal pro Woche die Daten seines Patienten zu überprüfen und gegebenenfalls zu reagieren. „Die Einschulung hat mich genau 15 Minuten gekostet, der wöchentliche Aufwand hält sich in Grenzen. Ich kann die wöchentliche Kontrolle meines Patienten auch von zu Hause aus durchführen“, so Dr. Winfried Koller, teilnehmender Arzt. Er habe von seinem Patienten vom Gesundheitsdialog erfahren und war nach unverbindlicher Zusendung der Unterlagen durch die VAEB sofort bereit, am Telemonitoringprogramm für seinen Patienten teilzunehmen.

Die Technik dahinter

„So einfach wie möglich, besonders für ältere Menschen“ so erklärt DI Peter Kastner MBA, DiabMemory-Projektleiter und Senior Engineer am AIT. Die Keep-in-Touch- (KIT) Technologie wurde am AIT entwickelt und basiert auf NFC-Technologie (near field communication).

Sie ermöglicht es, Daten aus medizinischen Geräten auf kurze Distanz zu übertragen, ohne dass der Benutzer sich um die Technik dahinter kümmert, anders als bei Bluetooth, wo beide Geräte aktiv eingebunden werden müssen. Die Technik tritt immer mehr in den Hintergrund und ist bereits sehr ausgereift. Ein Umstand, dem eine hohe Benutzerfreundlichkeit in der Bedienung zu verdanken ist.

Schwierigkeiten gäbe es manchmal bei der Datenübertragung über Handynetze, wenn die Netzabdeckung nicht ausreichend gegeben ist, betont Kastner. Die in diesem Projekt verwendete NFC-Technologie erklärt auch die Beschränkung auf ein bestimmtes Blutzuckermessgerät und einige Handymodelle, doch es kommen immer mehr NFC-fähige Geräte auf den Markt. Ausbaufähig seien Schnittstellen etwa zu Praxissoftware, durch den zunehmenden Einsatz von Standards sei ein integrierter Datenaustausch jedoch in Sichtweite.

Der Nutzen des Gesundheitsdialogs Diabetes liegt auf der Hand: Ärzte können sich darauf konzentrieren zu therapieren, anstatt zu dokumentieren und Patienten können ihr Leben aktiv leben, ohne zu viel dokumentieren zu müssen.

Eine nachhaltig hohe Compliance und dauerhaft individuelle Betreuung ist so keine Zukunftsmusik mehr. „Ich kann auf einen Blick erkennen, wenn sich meine Daten verbessern, und bin viel motivierter, weil ich ja weiß, dass mein Arzt immer auch ein Auge darauf hat“, so Hönigschnabl. Koller: „Der Gesundheitsdialog Diabetes mellitus ist für Patienten höchst motivierend und auch richtungsweisend für die Zukunft“.

Der Gesundheitsdialog Diabetes wurde mit dem E.T. Award 2011 ausgezeichnet.

M. Endemann, Ärzte Woche 40/2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben