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Diabetologie 2. August 2012

Diabetestherapie 2012: Zwischen Ideal und Wirklichkeit

Ergebnisse der Frühjahrstagung der Österreichischen Diabetes Gesellschaft von 1. bis 2. Juni in Wien.

Seit es vor 90 Jahren gelungen ist, tierisches Insulin zu isolieren und damit eine Insulinbehandlung bei Diabetes zu ermöglichen, hat die Therapie des Diabetes große Fortschritte gemacht. Heute steht in der individuell abgestimmten modernen Therapie des Diabetes sowohl bei oralen Antidiabetika als auch in der Insulintherapie eine Reihe von unterschiedlichen Präparaten und Konzepten zur Verfügung. Diese und andere große Erfolge und ­Innovationen in der Diabetes­therapie und der Diabetologie wurden bei der Frühjahrstagung 2012 der Österreichischen Dia­betes Gesellschaft (ÖDG) unter dem Leitthema „Diabetestherapie 2012 zwischen Ideal und Wirklichkeit“ von 1. bis 2. Juni 2012 in Wien beleuchtet.

Hauptthemen waren Sicherheit und Effektivität der Diabetestherapie in Zusammenschau mit den Leitlinien der ÖDG. Brandaktuelle Themen wie Probiotika und Metabolomics mit Praxisbezug waren weitere Schwerpunkte. Die besonderen Herausforderungen durch „Mismatches“ in der Diabetologie für Experten und Generalisten wie die Behandlung von ­PatientInnen mit Migrationshintergrund und von PatientInnen mit Mehrfachbehinderungen sowie geschlechtsspezifische und psychosoziale Aspekte in der Diabetesbehandlung wurden dabei ebenso beleuchtet und diskutiert.

Neue Blutzucker-Grenzwerte zur Früherkennung

Der Anstieg von Übergewicht und Diabetes – oftmals einhergehend mit dem metabolischen Syndrom (das bezeichnende englische Schlagwort lautet „diabesity“) – bringt in der Folge auch einen Anstieg an Krebserkrankungen, koronarer Herzkrankheit, Demenz sowie insgesamt eine Abnahme an Lebensqualität und Lebenserwartung. Es gibt jedoch beachtliche Fortschritte in Früherkennung und Therapie des Diabetes: So wurden etwa die Blutzucker-Grenzwerte zur Diagnose des Diabetes mellitus niedriger angesetzt als früher. Auch für den Gestationsdiabetes bei Schwangeren wurden aufgrund aktueller Forschungsergebnisse neue Grenzwerte gesetzt. Neue Marker und Risiko-Scores, neue Techniken und Hilfsmittel, sowie verbesserte Medikamente, die das Risiko von Unterzuckerung und Gewichtszunahme umgehen können, stehen heute für Diagnose und Behandlung der Zuckerkrankheit zur Verfügung. Dabei ist die individuelle Therapiewahl mit Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Komorbiditäten ­wesentlich.

So ist es zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Prognose sowie einer Abnahme von Komplikationen für diabetische PatientInnen gekommen. Auch die Lebenserwartung von DiabetikerInnen ist zwar besser als noch vor zehn Jahren, ist aber gegenüber der nicht-diabetischen Bevölkerung noch immer deutlich verringert: bei Frauen um sieben bis acht Jahre, bei Männern um etwas mehr als sechs Jahre. Die Zahl von Infarkt­patientInnen mit unerkanntem Diabetes ist nach wie vor sehr hoch. Insgesamt wird eine hohe Dunkelziffer von Menschen, die an Vorstufen des Diabetes oder manifestem Diabetes leiden, vermutet. Zudem ist die Lebensqualität deutlich eingeschränkt und das Risiko für Behinderung sowie psychische Erkrankungen stark erhöht. Es ist ein erklärtes Ziel der WHO, bis zum Jahr 2025 die Sterbe­rate bei nichtübertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Adipositas und Hypertonie um 25 Prozent zu senken. Das soll vor allem durch Maßnahmen gegen das Rauchen, gegen Alkoholmissbrauch und Bewegungsmangel und für gesündere Ernährung erreicht werden.

Schwangere sind wichtige Risikogruppe

„Es gibt also noch viel zu tun: Ein wichtiges Ziel ist die Früherkennung von RisikopatientInnen bzw. überhaupt die Prävention von Diabetes. Eine möglichst frühzeitige Therapie kann Komplikationen weiter senken. Eine wichtige Gruppe hierbei sind Schwangere“, so Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Fachärztin für Innere Medizin, Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Klinische Abteilung für Endokrinologie & Stoffwechsel, erste Professorin für Gender Medizin in Österreich und wissenschaftliche Leiterin der Frühjahrstagung 2012. Die Prävention von Schwangerschaftsdiabetes kann den betroffenen Müttern als Spätfolge einen ­Diabetes mellitus Typ 2 und koronare Herzkrankheit ersparen, aber auch die Kinder und somit die nächste ­Generation profitieren davon, denn Diabetes in der Schwangerschaft hat eine fetale Stoffwechselprogrammierung des Ungeborenen zur Folge, die das Risiko des Kindes für damit verbundene Erkrankungen in seinem weiteren Leben erhöht. Der öster­reichische Mutter-Kind-Pass sieht bereits seit kurzem eine Untersuchung auf Schwangerschaftsdiabetes bei allen Schwangeren zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche vor. Ein österreichweites Register zur Erfassung des Gestationsdiabetes ist bereits in Entwicklung. Nachsorgeprogramme sollen die gesamte ­Familie zu gesünderer Lebensweise ­motivieren.

Individualisierte Diabetes-Therapie gewinnt an Bedeutung

Bei der Frühjahrstagung wurden einander auch neue Therapien und neue Leitlinien kritisch gegenübergestellt. Dr. Heidemarie Abrahamian, Fachärztin für Innere Medizin, Internistisches Zentrum, Otto-Wagner-Spital, und wissenschaftliche Leiterin der Frühjahrstagung 2012: „Die in­dividualisierte Therapie rückt auch für diabetische Patienten in den Vordergrund. Das bedeutet, dass die ­realen Lebensbedingungen jedes ­Betroffenen in die Therapieent­scheidungen einbezogen werden. Vermehrt Augenmerk wird beson­deren Gruppen geschenkt, wie PatientInnen mit Migrationshintergrund und psychisch kranken PatientInnen mit Diabetes mellitus. Um eine akzeptable Therapieumsetzung zu erreichen, sind besondere Betreuungsprogramme mit erhöhtem Aufwand erforderlich.“

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