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Foto: Univ.-Klinik f- Innere Med., Graz
Schwere Gebwebeschäden durch diabetesbedingte chronische Wunden sind durch Prävention und optimale Versorgung vermeidbar.
Foto: medcommunications

Dr. Gerd Köhler
Universitätsklinik für Innere Medizin, MedUni Graz

Foto: IntMedCom

Prof. Dr. Gerald Zöch
Generalsekretär der Austrian Wound Association, AWA

Foto: medcommunications

Prof. Dr. Franz Trautinger
Präsident der AWA, LKH St. Pölten

 
Diabetologie 17. April 2012

Diabetischer Fuß: Die ignorierte Komplikation

Experten fordern Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Versorgungssituation beim diabetischen Fußsyndrom.

Alle 30 Sekunden verliert weltweit ein Diabetiker ein Bein. Zwei von drei Amputierten in Österreich leiden an Diabetes mellitus, was bedeutet, dass in diesem Kollektiv jährlich zwischen 2.000 und 2.500 Amputationen durchgeführt werden. Die perioperative Sterblichkeit liegt bei bis zu 25 Prozent und nach fünf Jahren sind nur noch 27 Prozent der Patienten am Leben. Neben dem persönlichen Leid der Betroffenen verursacht der diabetische Fuß in Österreich jährlich Kosten von 150 Millionen Euro. Im Rahmen des Kongresses der „European Wound Management Association“ (EWMA) wird der „Österreichische Diabetes-Fuß-Tag“ ein zentrales Element sein.

 

Die Grundlage des Diabetischen Fuß-Syndroms (DFS) ist das Auftreten einer Polyneuropathie (PNP). 30 Prozent der Betroffenen leiden bereits bei der Erstdiagnose des Diabetes daran. Sie führt zur Gefühllosigkeit der Füße, womit jeglicher Schmerzreiz in Bezug auf Verletzungen oder Druckstellen durch Schuhe ausfällt. „Es erfolgt quasi eine Entkoppelung der Füße vom Kopf beziehungsweise vom Gehirn“, erklärt Dr. Gerd Köhler von der Universitätsklinik für Innere Medizin, Graz. Die Abwesenheit des Warnsignals Schmerz führt dazu, dass Betroffene oft erst viel zu spät oder gar nicht zum Arzt gehen beziehungsweise oberflächliche Wunden nicht ernst nehmen. Das ist auch der Grund für eine enorme Dunkelziffer an Fällen.

Krankheit ohne Warnsignale

„Die Tatsache, dass es sich um ein Krankheitsbild handelt, das keinerlei Warnung aussendet, ist für die Patienten eine erhebliche psychologische Herausforderung. Sie sollen auf ihre Füße achten, obwohl die ihnen im landläufigen Sinn keine Beschwerden machen. Das ist einfach sehr schwer zu denken“, so Köhler. Wird die notwendige Sorgfalt vernachlässigt, kommt es zu den typischen Verletzungen, die zu chronischen Wunden führen und letztlich in einer Amputation ihren Endpunkt finden können.

Das Optimum in der Prävention des DFS bei bestehender PNP wären eine professionelle Fußpflege, regelmäßige Kontrollen des Fußes durch Patient und Arzt sowie geeignetes Schuhwerk. Und hier beginnt für Köhler das Versorgungsdesaster. Es gäbe zwar geeignete Schuhe mit entsprechender Ausstattung wie Weichbettungseinlagen, aber sie würden von den Krankenkassen meist nicht zur Gänze bezahlt.

In der Akutversorgung eines Fußulkus ist die völlige Ruhigstellung zum Beispiel mit einem Gips die Methode der Wahl. Eine gleichermaßen effiziente wie zeitaufwändige Methode. Weiters stehen industriell gefertigte Entlastungsschuhe als Alternative zur Verfügung, wobei auch hier nur die Kosten für den Vorfußentlastungsschuh von der Sozialversicherung refundiert werden, der darüberhinaus insbesondere für ältere Patienten mit PNP-bedingter Gangunsicherheit ungeeignet ist.

Krankheit ohne Lobby

Die Aspekte und Ursachen der mangelnden Versorgungslage sind vielfältig. Die Behandlung des DFS erfolgt mehr oder weniger im Verborgenen. Das lässt sich schon daran erkennen, dass ein bundesweites Netz von Spezialambulanzen fehlt. Eine Ausnahme bildet die Steiermark mit ihren fünf diabetischen Fußambulanzen. Ebenfalls symptomatisch ist die Tatsache, dass etwa seitens der Österreichischen Diabetes Gesellschaft das DFS in den Leitlinien nur kurz erwähnt wird. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft verfügt hingegen über eine eigene Leitlinie und eine Arbeitsgruppe zum diabetischen Fuß.

Von den Sozialversicherungen werden zeitintensive Wundbehandlungen durch niedergelassene Ärzte nicht in entsprechendem Ausmaß honoriert. Damit ist diese Indikation automatisch im Spitalsbereich angesiedelt. Im Vergleich dazu gibt es in Deutschland gezieltes Disease-Management mit spezialisierten Diabetes-Schwerpunktpraxen, die sich unter anderem speziell mit der Wundthematik beschäftigen.

Vorbild könnte hier die diabetische Fußambulanz an der Grazer Universitätsklinik für Innere Medizin sein, die seit 1996 stetig wächst. Sie ist Teil der Diabetesambulanz und umfasst zusätzlich zur Diabetesbehandlung auch die Versorgung des diabetischen Fußes. Sobald eine Wunde bei Diabetikern nicht mehr oberflächlich ist oder Heilungsprobleme zeigt, ist das ein Fall für eine interdisziplinäre Betreuung, die entsprechend koordiniert werden muss.

AWA fordert Sofortmaßnahmen

Vor dem Hintergrund der mangelhaften Versorgungssituation legt die Austrian Wound Association (AWA) einen Forderungskatalog vor:

 

  • Erfassung des Ist-Zustands in einem Amputationsregister, angesiedelt beim ÖBIG, Erfassung mit MEL-Codierung bei der Abrechnung durch die Krankenanstalten
  • Neuropathie-Screening bei Risikogruppen – Prävention bedeutet auch eine Kostenersparnis
  • Errichtung flächendeckender interdisziplinärer Fußambulanzen in Spitälern mit Therapiefortführung durch die niedergelassene Ärzteschaft
  • Verpflichtende intensive Schulung von Ärzten und Pflegepersonal als Teil der Ausbildung

 

„Ohne ein solch energisches Maßnahmenpaket werden die Kosten in diesem Bereich durch immer jüngere Diabetiker und die steigende Lebenserwartung der Bevölkerung weiterhin stark anwachsen“, so Prof. Dr. Gerald Zöch, Facharzt für Plastische Chirurgie und Generalsekretär der AWA.

Zertifikat „Ärztliche Wundbehandlung“

Das DFS wir auch eines der großen Themen im Rahmen des EWMA-Kongresses sein. Insgesamt werden mehr als 3.000 Teilnehmer aus den Bereichen Medizin und Pflege von dem Gastgeber, der AWA, erwartet. „Über die Veranstaltung dieses großen Kongresses hinaus geht es der Austrian Wound Association vor allem um eine deutliche Verbesserung des Wissens der Allgemeinmediziner in der niedergelassenen Praxis zu den Themen der Wundbehandlung“, sagt Prof. Dr. Franz Trautinger, Leiter der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten am LKH St. Pölten und Präsident der AWA. Seit vergangenem Jahr gibt es in einer Kooperation zwischen AWA und der Österreichischen Akademie der Ärzte ein neu geschaffenes Zertifikat der Österreichischen Ärztekammer für „Ärztliche Wundbehandlung“, dessen Qualitätskontrolle in Tautingers Verantwortung liegt.

Auch Trautinger ortet in Österreich noch Verbesserungspotenzial in Sachen Wundversorgung. „Besonders wünschenswert wäre die Einrichtung von interdisziplinären Ambulanzen, deren Aufgabe es sein sollte, an einer Anlaufstelle kompetente Analysen und Therapiekonzepte zu erstellen, um den Betroffenen dann eine gezielte Weiterbehandlung bei Hausärzten, Fachärzten oder entsprechenden Fachabteilungen zu ermöglichen“, so der AWA-Präsident. Darüber hinaus wünscht Trautinger – ähnlich wie bei der Entwicklung von Arzneimitteln – gemeinsame Bestrebungen von Herstellern, akademischen Institutionen, Anwendern und nicht zuletzt auch dem Gesetzgeber, um die Wirkungsweise und Wirksamkeit von Produkten zur Wundbehandlung durch zeitgemäße wissenschaftliche Forschung zu belegen.

 

Quelle: „Zuckersüße Füße ...“, Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Wundbehandlung (AWA), 28. 3. 2012, Wien

Von H. Leitner , Ärzte Woche 16 /2012

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