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Foto: Deutsches Diabeteszentrum

Prof. Dr. Michael Roden Direktor des Deutschen Diabetes Zentrums (DDZ)

 
Diabetologie 13. April 2011

Unterschätzte Risikofaktoren für Diabetes

Umweltschadstoffe können die Entstehung eines Typ-2-Diabetes begünstigen.

Gibt es neben den „klassischen“ Risikofaktoren für Diabetes mellitus Typ 2 wie genetische Disposition, fettreiche Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen, Bluthochdruck und höheres Alter noch andere? Neuere Studien deuten darauf hin.

 

In den vergangenen Jahren beschäftigten sich Studien in zunehmendem Maß mit der Frage, ob Umweltschadstoffe Typ-2-Diabets (mit)verursachen können. „Es gibt Hinweise darauf, dass durch Schadstoffe Entzündungsvorgänge in Gang gesetzt werden, die letztlich die Entwicklung eines Diabetes vom Typ 2 fördern“, erläutert Prof. Dr. Michael Roden, Direktor des Deutschen Diabetes-Zentrums und früher in Wien tätig, im Magazin Diabetes-Ratgeber. Laut dem Experten stehen unter anderem Feinstaub, Stickoxide, Bisphenol A, Weichmacher, Arsen und Dioxine im Verdacht, solche Mechanismen auslösen zu können.

Zusammen mit dem Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf hat das Deutsche Diabetes-Zentrum eine prospektive Studie durchgeführt, in der knapp 1.800 Frauen 16 Jahre lang beobachtet wurden (Krämer U. et al.: Environmental Health Perspectives 2010; 18:1273-1279). Zu Studienbeginn waren die Frauen 54 oder 55 Jahre alt und litten nicht unter Typ-2-Diabetes. 187 von ihnen entwickelten im Zeitraum von 1990 bis 2006 Diabetes. Frauen mit hoher Schadstoffbelastung aus dem Straßenverkehr hatten ein signifikant höheres Diabetesrisiko als Frauen mit geringerer Belastung. „Obwohl sich die Studie ausschließlich auf Frauen konzentrierte, ist nicht anzunehmen, dass es hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen der Luftverschmutzung und dem Diabetesrisiko einen Geschlechtsunterschied gibt“, so die Autoren.

POPs und Diabetes

Etliche Studien zum Thema „Umweltverschmutzung und Typ-2-Diabetes“ fokussierten auf POPs (persistent organic pollutants), also langlebige Chemikalien, die vor allem mit der Nahrung aufgenommen werden und sich im Fettgewebe anreichern. Bekannte POPs sind etwa Dioxine, DDT und polychlorierte Biphenyle (PCB). Praktisch immer zeigte sich ein Zusammenhang zwischen POPs und Diabetes. Da ursprünglich lediglich sogenannte Querschnittsstudien vorlagen, hielten es Wissenschaftler allerdings auch für denkbar, dass übergewichtige Menschen mit Diabetes POPs anders verstoffwechseln und daher im Blut höhere Konzentrationen aufweisen.

In den letzten Jahren wurden nun mehrere aussagekräftigere prospektive Studien durchgeführt, so zum Beispiel von Prof. Dr. Duk-Hee Lee und Mitarbeitern, School of Medicine, Kyungpook-Universität, Daegu, Südkorea (Environmental Health Perspectives 2010). In dieser Untersuchung konnte auf Daten der amerikanischen CARDIA-Kohorte (CARDIA: Coronary Artery Risk Development in Young Adults) zurückgegriffen werden. „Zwischen der POP-Konzentration im Blut in den Jahren 1987 bis 1988 und dem Diabetesrisiko knapp 20 Jahre später bestand ein (nicht-linearer) Zusammenhang, speziell bei übergewichtigen Personen“, so die Autoren zusammenfassend.

Auch in einer schwedischen Studie an Frauen mittleren Alters zeigte sich, dass diejenigen Studienteilnehmerinnen, die in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre höhere Blutspiegel eines DDT-Metaboliten aufgewiesen hatten, später häufiger Diabetes entwickelten (Rignell-Hydbom et al. 2009).

Neben der Entzündungs-Theorie kommt als Erklärung für die gefundenen Assoziationen zwischen Schadstoffen und Typ-2-Diabetes eventuell auch die Selfish-Brain-Theorie, die von Prof. Dr. Achim Peters von der Universität Lübeck entwickelt wurde, in Frage. Nach dieser Theorie kontrolliert das Gehirn ständig, ob ihm genügend Glukose zur Verfügung steht. Ist dies nicht der Fall, sendet es den Befehl aus, Energie zu beschaffen. Umweltschadstoffe könnten nun – ebenso wie Medikamente oder Viren – das Gehirn täuschen, sodass es glaubt, nicht genügend Energie zur Verfügung zu haben. Peters: „Dem Körper wird so irrtümlicherweise mitgeteilt, dass er Zucker für das Gehirn sparen muss, obwohl in Wirklichkeit mehr als genug vorhanden ist. Die Folgen sind Anstieg des Körpergewichts, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck – und in weiterer Folge Typ-2-Diabetes mellitus.“

Brisanz der Umweltproblematik

Unter Ärzten sind die Zusammenhänge zwischen Umweltschadstoffen und Typ-2-Diabetes bisher wenig bekannt (bzw. anerkannt). Dies könnte daran liegen, dass die entsprechenden Studien vor allem in Umweltmedizin- und Epidemiologie-Zeitschriften publiziert wurden, die von den meisten Klinikern und Praktikern nicht gelesen (oder nicht besonders ernst genommen) werden. In den USA wurde die Brisanz der Studienergebnisse zum Thema „Schadstoffe und Diabetesentstehung“ in Ansätzen bereits erkannt.

So veranstaltete etwa das National Toxicology Program (NTP) Mitte Jänner einen mehrtägigen Workshop, der sich mit der Rolle von Chemikalien bei der Entstehung von Diabetes beschäftigte.

Von Dr. Peter Wallner , Ärzte Woche 15 /2011

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