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Foto: Privat
Dr. Eckart Wolfram Schöll MSc Präventionsmediziner, Neuhausen
 
Diabetologie 7. Dezember 2010

Altern im Zeitraffer

Praktisch alle Alterungsprozesse laufen beim Metabolischen Syndrom und bei Diabetes mellitus Typ 2 beschleunigt ab.

Am Menopause-Kongress 2010 werden zelluläre und biochemische Hintergründe von Alterungsprozessen beleuchtet, die das Verständnis dafür fördern, welche positiven Veränderungen durch eine Änderung des Lebensstils möglich sind.

 

Alterung ist charakterisiert durch zunehmende Schädigung und epigenetische Veränderung der DNA. Hormonelle Umstellungen, zunehmende Insulinresistenz, abnehmende Insulinsekretion und Minderung der mitochondrialen Dichte und Funktion kommen hinzu. Weiters kommt es zu sinkender Stammzellaktivität, Alterung des Immunsystems, Sarkopenie und ansteigendem Risiko für Demenz, Myokardinfarkt, Schlaganfall und Malignome.

Praktisch alle diese Prozesse laufen bei Metabolischem Syndrom und Typ-2-Diabetes beschleunigt ab.

Mitochondriale Funktionsstörung im Muskel ist die wichtigste Ursache von Insulinresistenz. Die Abnahme der mitochondrialen Aktivität in der β-Zelle des Pankreas und im Gehirn stört die Organfunktion.

Der alterungstypisch vermehrte Anfall von freien Sauerstoffradikalen bewirkt eine niedrigschwellige Inflammation, die Zell- und Gefäßschäden verursacht.

Circulus vitiosus

Der perimenopausale Hormonabfall der Frau beeinflusst viele dieser Prozesse ebenso wie das PADAM (partielles Androgendefizit des alternden Mannes).

Die hierdurch und durch sitzenden Lebensstil verursachte Sarkopenie verschärft das Problem. Die viszerale Adipositas, die beim Metabolischen Syndrom und beim Typ-2-Diabetes typisch ist, führt zu vermehrter Freisetzung von Entzündungsmediatoren. Diese bewirken eine beschleunigte Gefäßalterung, die die führende Morbiditätsursache bei Typ-2-Diabetikern ist. Außerdem verschlechtern sie die Insulinresistenz, was den Circulus vitiosus beschleunigt.

Bewegungsmangel

Durch Bewegungsmangel entsteht eine „inactivity physiology“. Diese wirkt sich auf zentrale Zellfunktionen aus. Muskelaktivität aktiviert hingegen zelluläre Zentralschalter – die nukleären Transkriptionsfaktoren vom PPAR-Typ und ihre Koaktivatoren aus der PGC1-Familie – und wirkt so positiv auf grundlegende Prozesse des Energiestoffwechsels ein. Die mitochondriale Biogenese im Muskel wird dadurch aktiviert, Glukosetransporter werden vermehrt und die Insulinresistenz wird gemindert.

Alle diese positiven Wirkungen fehlen bei Bewegungsmangel. Nichtanstrengende Alltagsaktivität reicht jedoch nicht aus, um diese Effekte zu erreichen. Ein gewisses Maß an sportlicher Aktivität, wie sie in den großen Präventionsstudien der letzten Jahre angewandt wurde (z. B. wöchentlich 150 Minuten Aktivität auf mittlerem sportlichem Niveau) ist offensichtlich zum Erreichen dieser Ziele erforderlich.

„Reparatur“ fördern

Das Risiko maligner Tumoren (Mammakarzinom, Kolonkarzinom) ist bei Diabetikern gegenüber der Normalbevölkerung erhöht.

Neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson (HR 1,85) und Morbus Alzheimer (HR 1,65) werden durch Diabetes mellitus gefördert.

Neuere Studien haben gezeigt, wie diese grundlegenden Mechanismen durch geänderten Lebensstil (Minderung der zentralen Adipositas mittels Kalorienrestriktion (CR) und Umstellung von einer „sitzenden“ in eine „bewegte“ Lebensform) entscheidend positiv beeinflusst werden und welche zellulären Prozesse konkret verbessert werden.

Aktivierung der genetischen und epigenetischen Reparaturmechanismen mittels Kalorienrestriktion und Erhöhung der Sirtuin-Aktivität ist ein Vorgang, der gut untersucht ist.

Substanzen wie Resveratrol können aktivierend eingreifen. Die positive Wirkung von Metformin auf die mitochondriale Atemkette und die Zellapoptose ist Gegenstand neuerer Forschung.

Auch GLP-1- und PPAR-Agonisten gehören zu den Medikamenten, die nachgewiesene Effekte auf zelluläre Prozesse haben, die mit Alterung assoziiert sind.

Grundlagen für die Prävention

Der Blick hinter die Kulissen zellulärer Prozesse, den die Grundlagenforschung in den letzten Jahren ermöglicht hat, hilft, in der Präventionsmedizin wissenschaftlich gut begründete Wege zu beschreiten, und somit erfolgreich zu beraten und zu therapieren.

 

Literatur beim Verfasser

 

Der Autor ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Neuhausen, Deutschland.

Von Dr. Eckart Wolfram Schöll MSc, Ärzte Woche 49 /2010

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