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Fotos (3): Privat
Wenn in der Gruppe gekocht und gebacken wird, ist das auch eine Gelegenheit, Ernährungsfragen bei Zuckerkrankheit zu besprechen.

Bei gemeinsamen Aktivitäten, wie hier beim Wandern, werden auch Probleme besprochen, die nichts mit Diabetes zu tun haben.

Die Schulungen finden in der Diabetesambulanz im Krankenhaus Reutte statt. Einfache Fragen können in der Gruppe beantwortet werden.

 
Diabetologie 28. September 2010

Am Rande Österreichs: Die süßen Außerferner

Diabetes-Selbsthilfe in einem entlegenen Teil Tirols.

Wo früher kaum ein Arzt zu finden war, bestehen heute nicht nur Ärzte und Krankenhäuser, sondern auch Fachambulanzen und Selbsthilfegruppen.

 

Diabetes ist heute eine der häufigsten chronischen Krankheiten. Daher verwundert es auch nicht, dass eine schier unüberschaubare Fülle an Selbsthilfegruppen für Diabetiker besteht. Doch die großen Organisationen wie die Österreichische Diabetikervereinigung (ÖDV), die Aktiven Diabetiker Austria (ADA), der Dachverband der oberösterreichischen Diabetikervereinigungen und die Steirische Diabeteshilfe kommen nicht überall hin.

Das Außerfern in Tirol gehört politisch zwar zu Österreich, geografisch aber eher zu Bayern. Wer von österreichischer Seite dorthin gelangen will, muss erst den Fernpass auf der einzigen Straße überwinden. Im Vergleich dazu: Nach Deutschland führen sieben Straßen und zwei Zugsverbindungen.

„Früher gab es eine Gruppe des ÖDV“, erzählt Astrid Eisele von den „Süßen Außerfernern“. „Aber die hat sich aus mir unbekannten Gründen aufgelöst.“ Möglicherweise hat ja der vor allem im Winter eher mühsame Weg ins „Mutterland“ Tirol eine Rolle gespielt. „Der Pass ist selbst im Winter nur selten gesperrt“, erzählt Eisele. „Aber hängengebliebene Lastwägen und Touristen mit Sommerreifen behindern dann oft den Verkehr.“

Offenes Ohr für alle Probleme

Jedenfalls nahmen die Außerferner Diabetiker die Sache beherzt selbst in die Hand. Nach einer gemeinsamen Kur beschlossen Astrid Eisele und Kerstin Prinz im Sommer 2008, ihre eigene Selbsthilfegruppe zu gründen. Mitgliedsbeiträge verlangen die „Süßen Außerferner“ keine. 35 Leute stehen zur Zeit auf der Mailingliste. Der Großteil von ihnen sind, wenig überraschend, Typ-2-Diabetiker, doch auch einige Typ-1-Diabetiker sind dabei.

Der Österreichische Zivilinvalidenverband half bei der Gründung, nicht zuletzt durch Vermittlung zum Dachverband Selbsthilfe Tirol. Die Gemeinde Reutte und einige Banken unterstützen die Aktivitäten.

Zu denen zählte heuer der erste Außerferner Diabetestag mit Vorträgen und Informationsständen. „Durch die Standgebühren der Firmen konnten wir das finanzieren“, erklärt Eisele. Der Diabetestag soll alle zwei Jahre wiederholt werden.

Ansonsten stehen gemeinsame Aktivitäten wie Wandern oder Kochen und Backen, aber auch Vorträge – etwa zu den Themen Fußpflege – auf dem Programm. Und vor allem „einfach reden“, wie Eisele sagt. Viel Zeit verbringt sie damit, sich die Sorgen und Nöte der Diabetikerinnen und Diabetiker anzuhören, auch wenn die manchmal gar nichts mit Diabetes zu tun haben.

Diabetesambulanz in Reichweite

Für einfache Fachfragen steht mit Kerstin Prinz eine ausgebildete Krankenschwester zur Verfügung. Die klassischen Schulungen übernimmt die ebenfalls eher neue Diabetesambulanz im Krankenhaus Reutte. Über deren Gründung freuten sich die Außerferner Diabetiker sehr, denn zuvor mussten sie für jeden Ambulanzbesuch nach Innsbruck fahren oder es standen lange Telefonate und der umständliche Postweg auf der Tagesordnung. Die Zusammenarbeit mit der Leiterin der neuen Ambulanz (und der internen Station) Prim. Dr. Gertrud Beck funktioniert sehr gut.

Hausärzte sollen Überforderung zugeben

Auch den Hausärzten im Bezirk stellt Eisele ein gutes Zeugnis aus. Unter anderem dafür, dass sie auf die Selbsthilfegruppe aufmerksam machen. Das einzige Problem, das sie bei manchen von ihnen sieht: „Mein Appell an die Hausärzte ist, dass sie zur Einstellung und in schwierigeren Fällen an die Diabetesambulanz verweisen sollten.“ Schließlich hätten die Patienten Verständnis dafür, dass ein Hausarzt nicht Spezialist auf allen Gebieten sein kann. „Ich finde es nur ehrlich, wenn einer seine Überforderung zugibt“, sagt Eisele.

Teststreifen und Führerschein

Etwas harscher fällt die Kritik an der Gebietskrankenkasse aus: „Sie zahlen bei Typ-2-Diabetes nur einen Teststreifen am Tag, und das ist in der Einstellungsphase einfach viel zu wenig. Es werden auch alle Typ-2-Diabetiker in einen Topf geworfen, obwohl die Bedürfnisse sehr unterschiedlich sind.“

Und die Bitte an die Politik? „Wenn man einmal einen befristeten Führerschein hat, ist der Weg zurück zum unbefristeten unverhältnismäßig schwer“, meint Eisele. Dabei sei ein gut eingestellter Diabetiker durchaus „verkehrstauglich“. Die Regelungen stammen aus Zeiten, da die medizinischen Möglichkeiten um vieles schlechter waren als heute. Gerade in entlegenen Gegenden ist aber aufgrund der schlechten, da nicht rentablen öffentlichen Verbindungen ein Auto für viele Menschen einfach eine Notwendigkeit und etwa eine Berufstätigkeit, aber auch der Einkauf für die Familie ohne Auto nicht möglich.

Selbsthilfegruppe „Die Süßen Außerferner“
Zielgruppe: Menschen mit Diabetes Typ 1 und 2

Mitgliederzahl: Ca. 35

Besteht seit: September 2008

Kontakt: Astrid Eisele, Tel. 0676/74 93 053

Treffen: Der dritte Donnerstag, jeden zweiten Monat, im Alpenhotel Ernberger, Planseestr. 50, 6600 Breitenwang

Nächster Termin: 18. November 2010.
Zur Serie
In loser Serie stellt die Ärzte Woche Selbsthilfegruppen in Österreich vor. Informationen über die Selbsthilfegruppen in den einzelnen Bundesländern sind bei den jeweiligen Dachverbänden erhältlich. Eine Liste dieser Dachverbände findet sich auf der Seite der Selbsthilfe Österreich www.selbsthilfe-österreich.at unter „Die ARGE“: „Unsere Mitglieder“.

Von Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 39 /2010

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