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Auch noch Jahre nach der Entbindung entwickeln viele Mütter, die einen Schwangerschaftsdiabetes hatten, Diabetes mellitus Typ 2.
 
Diabetologie 25. August 2010

Komplikationen vorbeugen

Der Gestationsdiabetes ist nicht nur während der Gravidität von Bedeutung.

Wegen den gravierenden Langzeitkomplikationen nach Schwangerschaftsdiabetes muss eine intensive multidisziplinäre Betreuung der Frauen auch nach der Entbindung erfolgen. Dabei spielen eine adäquate Lebensstilmodifikation sowie die Behandlung aller Risikofaktoren für eine spätere Typ-2-Diabetes-Entwicklung mit Adipositas, Bewegungsarmut, Insulinresistenz, Hyperlipidämie eine wesentliche Rolle.

 

Der Schwangerschaftsdiabetes ist eine Form der Stoffwechselstörung, die erstmals während der Gravidität auftritt und unmittelbar nach der Geburt meist wieder verschwindet. Damit zählt diese relevante Erkrankung laut WHO (Weltgesundheitsorganisation, 2007) zu den häufigsten schwangerschaftsbegleitenden Erkrankungen.

Bei den Pathomechanismen des Gestationsdiabetes spielen genetische Prädisposition, Schwangerschaftshormone und ihre Wirkung auf die Insulinsensitivität sowie beeinflussbare Lebensstilfaktoren entscheidende Rollen. Daher kann man also den „klassischen“ Schwangerschaftsdiabetes in Kombination mit dem häufig gleichzeitig vorliegenden Übergewicht als eine Form des Prä-Typ-2-Diabetes bezeichnen.

Das erhöhte Risiko der Frauen, die an Schwangerschaftsdiabetes erkranken, besteht allerdings nicht nur für die Dauer der Gravidität, sondern setzt sich für viele Jahre nach der Entbindung fort. Dabei erscheint besonders erwähnenswert, dass Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes in der Anamnese ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Typ-2-Diabetes und von Herz-Kreislauferkrankungen haben. In letzter Zeit wird auch diskutiert, dass nach Schwangerschaftsdiabetes ein erhöhtes Risiko für bestimmte Tumorentitäten besteht.

Studien bestätigen: Risiko nimmt zu

Mit der zunehmenden Inzidenz des Diabetes mellitus Typ 2 bei Frauen nach Gestationsdiabetes hat sich eine dänische Studie auseinandergesetzt. Diese zeigte, dass sich das Risiko für Typ-2-Diabetes nach Schwangerschaftsdiabetes in den letzten zwölf Jahren verdreifacht hat. Ursächlich dafür fanden die Autoren eine deutliche Zunahme des durchschnittlichen Body Mass Index von Schwangeren mit Typ-2-Diabetes in diesem Zeitraum. (Lauenborg et al. Diab Care 2004).

Im Rahmen einer Untersuchung der „Northern Finland Birth Cohort“ wurden Übergewicht vor der Schwangerschaft und Schwangerschaftsdiabetes als Prädiktoren für Typ-2-Diabetes-Entstehung 20 Jahre nach der Entbindung untersucht. Dabei konnte gezeigt werden, dass das Risiko für nachfolgenden Diabetes bei normalgewichtigen Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes 10,6-fach erhöht war, während übergewichtige Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes ein 47,24-fach erhöhtes Risiko aufwiesen, einen Typ-2-Diabetes im weiteren Verlauf zu entwickeln (Prikola et al. JCEM 2010).

Eine weitere Studie aus Kanada, die sich mit der Diabetesinzidenz nach Schwangerschaftsdiabetes auseinandersetzte, zeigte, dass 18,9 Prozent der Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes (verglichen mit jenen ohne) im Verlauf von neun Jahren nach der Entbindung einen Typ-2-Diabetes entwickelten. Lediglich zwei Prozent der Frauen ohne Schwangerschaftsdiabetes hatten nach neun Jahren einen Typ-2-Diabetes entwickelt. Der Schwangerschaftsdiabetes an sich war in dieser kanadischen Studie mit einem 37,28-fach erhöhtem Risiko für späteren Typ-2-Diabetes assoziiert (Feig et al. CMAJ 2008).

Gefahr fürs Herz

Neben dem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes wurde auch ein vermehrtes Auftreten von Herz-Kreislauferkrankungen bei Frauen nach Schwangerschaftsdiabetes beschrieben. In diesem Zusammenhang konnte bereits gezeigt werden, dass Frauen nach Schwangerschaftsdiabetes sogar ein Jahr nach der Entbindung erhöhte Konzentrationen an Markern der subklinischen Inflammation wie CRP oder Interleukin-6 aufweisen (Heitritter et al. JCEM 2005). Zusätzlich haben diese Frauen zum gleichen Zeitpunkt vermehrte Zeichen endothelialer Dysfunktion, wie z. B. erhöhte Konzentrationen des endogenen NO-Inhibitors ADMA (Mittermayer F et al. Diabetologia 2002). Die subklinische Inflammation und auch die endotheliale Dysfunktion stellen ein Frühstadium der Atherosklerose dar und können somit im weiteren Verlauf zur Entwicklung von Herz-Kreislauferkrankungen führen.

Mit dem Zusammenhang von Schwangerschaftsdiabetes und Herz-Kreislauferkrankungen hat sich auch die Arbeitsgruppe um Shah B. auseinandergesetzt. In seiner Studie wurden alle Frauen mit Lebendgeburten in den Jahren von 1994 bis 1997 in Ontario untersucht. Dabei wurden 8.191 Frauen mit und 81.262 Frauen ohne Schwangerschaftsdiabetes 11,5 Jahre nach der Entbindung untersucht. Das Ergebnis: Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes hatten im Vergleich zu Frauen ohne Gestationsdiabetes ein 1,71-fach erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Dieses Risiko war allerdings stark durch den Typ-2-Diabetes beeinflusst (korrigierte nicht signifikante HR von 1,13). Dennoch muss festgestellt werden, dass es zu Schwangerschaftsdiabetes und dem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse zurzeit keinerlei Daten aus prospektiven Studien gibt.

Gefahr für die Brust

Zusätzlich zum Risiko für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen wurde in der Literatur der Effekt von Glukoseintoleranz in der Schwangerschaft auf die Entstehung von Mammakarzinomen Jahre nach der Entbindung untersucht. Dawson und seine Mitarbeiter führten eine Nachuntersuchung an 753 Schwangeren 20 Jahre nach der Entbindung durch. Dabei zeigte sich ein linearer Zusammenhang zwischen den Werten der Nüchternblutglukose und dem Risiko für Mammakarzinom (Dawson Cancer 2004). Die Jerusalem Perinatal Studie, in deren Rahmen eine retrospektive Analyse an 37.926 Frauen mit Lebendgeburten durchgeführt wurde, fand 1.626 Fälle an Brustkrebs und 410 Fälle von Schwangerschaftsdiabetes. Frauen über dem 50. Lebensjahr hatten dabei ein 1,7-fach erhöhtes Risiko für Mammakarzinom während eines Follow-up von 34 Jahren. Bei dieser Studie muss einschränkend festgestellt werden, dass es keine Adjustierung für BMI oder Typ-2-Diabetes gab (Perrin Breast Cancer Res Treat 2008).

Die Zusammenhänge zwischen Typ-2-Diabetes bzw. Schwangerschaftsdiabetes und eventueller Entstehung von Mammakarzinomen werden einerseits über die vorhandene Hyperinsulinämie und andererseits über vermehrten oxidativen Stress im Rahmen der Hyperglykämie diskutiert. Auch hierzu muss gesagt werden, dass die Studienlage zum Zusammenhang zwischen Schwangerschaftsdiabetes und Mammakarzinomen noch unzureichend ist und kontroversiell diskutiert wird.

 

http://www.endocrine-abstracts.org/ea/0022/ea0022S18.3.htm

 

OA. Doz. Dr. Katarzyna Krzyzanowska ist an der 1. Medizinischen Abteilung (Leitung Prof. Dr. Guntram Schernthaner) an der Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien tätig.

Von OA. Doz. Dr. Katarzyna Krzyzanowska, Ärzte Woche 36 /2010

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