zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
In Österreich werden alle werdenden Mütter zwischen der 24. und 28.Schwangerschaftswoche auf erhöhte Blutzuckerwerte hin untersucht. Dennoch ist dieses Screening nicht unumstritten. Jetzt ist klar: Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes profitieren von einer
Foto: Med Uni Graz

OA Dr. Karl Horvath Grazer EBM Review Center

 
Diabetologie 1. Juni 2010

Gestations-Diabetes: Ist das Screening sinnvoll?

Nutzen der zuckersenkenden Therapie stärkt Befürworter der Reihenuntersuchung.

In Österreich ist seit dem 1. Jänner 2010 das Screening auf Schwangerschaftsdiabetes zwischen der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche verpflichtend im Mutter-Kind-Pass verankert. In Deutschland wird über eine Einführung dieser Untersuchung noch debattiert. Nur wenn die Blutzuckersenkung tatsächlich einen gesundheitlichen Vorteil für Mutter und Kind bringt, kann das Screening befürwortet werden. Forscher vom EBM Review Center an der MedUni Graz haben genau diesen Nachweis nun erbracht.

 

Als Schwangerschaftsdiabetes wird die Störung des Glukosestoffwechsels bezeichnet, die erstmals in der Schwangerschaft diagnostiziert wird und bestimmte Grenzwerte, die noch unterhalb der Diagnosekriterien für eine herkömmliche Zuckerkrankheit liegen, überschreitet. Auslöser ist im Wesentlichen der veränderte Hormonhaushalt der Schwangeren. Der Schwangerschaftsdiabetes erhöht nicht nur die Wahrscheinlichkeit für eine Reihe von Komplikationen während der Schwangerschaft und um den Geburtstermin, sondern auch das Risiko für einen späteren Diabetes der Mutter. Zudem wird postuliert, dass Kinder durch erhöhte Zucker- und Insulinwerte während der Schwangerschaft langfristig geprägt werden und dadurch anfälliger für Übergewicht und Diabetes sind.

Anders als in Österreich wird in Deutschland derzeit noch beraten, ob allen Schwangeren ein „Zuckertest“ als Reihenuntersuchung angeboten werden soll. Die Frage, ob Frauen von einer solchen Reihenuntersuchung profitieren können, war Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Untersuchung, die Forscher der Medizinischen Universität Graz in Zusammenarbeit mit dem deutschen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) durchführten. „Leider gibt es keine Studien, in denen Screening und Nichtscreening direkt miteinander verglichen wurden“, räumt OA Dr. Karl Horvath, Co- Leiter des EBM Review Centers an der MedUni Graz, ein. Die Forscher versuchten daher auf indirektem Weg herauszufinden, ob ein Screening sinnvoll ist. „Wenn Studien belegen, dass erhöhte Blutzuckerwerte ein Risiko für Mutter und Kind sind, und zugleich gezeigt werden kann, dass eine Blutzuckersenkung während der Schwangerschaft einen positiven Effekt hat, wären dass Indizien dafür, dass ein Blutzucker-Screening bei Schwangeren von Nutzen ist.“ Bisher war es jedoch umstritten, in welchem Ausmaß verschiedene mit dem Schwangerschaftsdiabetes einhergehende Komplikationen durch eine Blutzuckersenkung günstig beeinflusst werden. In ihrer Arbeit, die im renommierten British Medical Journal veröffentlicht wurde, konnten die Wissenschaftler nun zeigen, dass Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes tatsächlich von einer blutzuckersenkenden Therapie profitieren können, im Sinne einer Ernährungsumstellung, adäquater Bewegung und in besonderen Fällen Insulinspritzen.

Was bringt eine Therapie des Schwangerschaftsdiabetes?

Das österreichisch-deutsche Forscherteam durchforstete alle relevanten medizinischen Datenbanken und fand insgesamt fünf Studien, in denen geprüft wurde, ob eine blutzuckersenkende Therapie bei Schwangerschaftsdiabetes zu besseren Ergebnissen führt als eine Routinebehandlung ohne spezifische Therapie. In weiteren 13 Studien wurde untersucht, ob eine intensive Blutzuckersenkung Vorteile gegenüber einer weniger intensiven Behandlung hat. Das Ergebnis der Analyse: Die Zahl der Schulterdystokien (verzögerte Geburtsverläufe durch fehlende Drehung des Schultergürtels) und von überschweren Babys konnte durch die Therapie reduziert werden. In einer Studie wurde auch eine Reduktion von Präeklampsien (einer Erkrankung, die mit erhöhtem Blutdruck, Wasseransammlung in den Beinen und erhöhter Eiweißausscheidung im Harn einhergeht) beobachtet. Keine Auswirkungen hatte die Therapie auf die Sterblichkeit von Mutter und Kind, die Kaiserschnittrate und die Häufigkeit von Geburtsverletzungen. Zur Frage, ob eine Blutzuckersenkung bei Schwangerschaftsdiabetes auch langfristig positive Auswirkungen auf das Diabetesrisiko der Mutter und den Stoffwechsel des Kindes hat, konnten keine ausreichenden Daten gefunden werden.

Allen maßgeblichen Studien war gemeinsam, dass die Identifizierung der Frauen mit einem „behandlungsbedürftigen Schwangerschaftsdiabetes“ durch ein zweistufiges Verfahren erfolgte. In einem ersten Schritt absolvierten die Schwangeren einen „kleinen“ Zuckertest, der nur eine Stunde dauerte. Nur bei den Schwangeren, bei denen in diesem Test ein erhöhter Blutzucker gemessen wurde (rund eine von vier Frauen), wurde dann ein weiterer zwei- oder dreistündiger Test durchgeführt. Für diesen oralen Glukose-Belastungstest mussten die Frauen nüchtern in die Klinik oder Praxis kommen. Erst bei den Frauen, die auch in diesem zweiten Test erhöhte Blutzuckerwerte aufwiesen, wurde die Behandlung begonnen. Die Behandlung der Frauen erfolgte in allen maßgeblichen Studien durch Blutzuckerselbstkontrollen und eine Ernährungstherapie. Wenn dies nicht ausreichte, wurden die Schwangeren mit Insulin behandelt.

Evidenz für Screening noch nicht ausreichend

Bereits 2008 hatte die große internationale HAPO-Studie einen kontinuierlichen Anstieg des Komplikationsrisikos bei steigenden Blutzuckerwerten bestätigt. Zusammen mit der nun nachgewiesenen Wirksamkeit einer blutzuckersenkenden Therapie bei Schwangerschaftsdiabetes lässt sich daraus ein indirekter Hinweis auf den Nutzen eines Screenings ableiten.

Dennoch widersprechen die Forscher einem auf den HAPO-Daten aufbauenden internationalen Konsensus, der im März dieses Jahres veröffentlicht wurde und vorschlägt, alle Schwangeren zu einem zweistündigen Zuckerbelastungstest einzuladen. Durch die gewählten Grenzwerte, die Tatsache, dass bereits die Überschreitung eines einzigen Grenzwertes zur Diagnose führt, und die Verwendung eines 75g-Zuckerbelastungstests ohne Vortest wird mit Hilfe des HAPO-Konsensus eine Population von Frauen mit „behandlungsbedürftigem Schwangerschaftsdiabetes“ ausgewählt, die sich von denen in den großen Interventionsstudien unterscheidet. Zum einen befinden sich nun Frauen im Kollektiv, die in den Studien nicht eingeschlossen waren, zum anderen wird ein Teil der Frauen, die in den Studien eingeschlossen waren, nicht erfasst. Ein möglicher Nutzen eines Screeningprogramms kann indirekt aber nur für jenen Teil der Frauen abgeleitet werden, bei denen ein Gestationsdiabetes in gleicher Weise diagnostiziert wurde, wie dies in den Interventionsstudien erfolgte. „Das heißt, Frauen mit einem ‚behandlungsbedürftigen Schwangerschaftsdiabetes‘ müssen durch ein zweistufiges Testverfahren identifiziert werden“, so Horvath. „Denn nur für diese Frauen kann angenommen werden, dass sie von einer Therapie profitieren können.“

EBM Review Center Graz seit 2005 erstes Zentrum dieser Art

Das EBM Review Center der Med Uni Graz führt als erstes Zentrum dieser Art ausführliche wissenschaftliche Bewertungen in Österreich durch. Unter Evidence Based Medicine (EBM) versteht man die nachvollziehbare Verwendung der besten, im Moment verfügbaren wissenschaftlichen Nachweise, die für eine Entscheidung betreffend Betreuung oder Behandlung von einzelnen Patienten herangezogen werden. Das Grazer EBM Review Center wurde im April 2005 gegründet und hat bereits zahlreiche Untersuchungen durchgeführt, viele davon wurden von deutschen Institutionen in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse der systematischen Aufbereitung von medizinischem Wissen und dessen Zusammenfassung zu bestimmten Themen dienen in weiterer Folge u. a. als Grundlage für Versorgungsentscheidungen im Gesundheitsbereich, unterstützen aber auch Mediziner bei diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen.

 

Literatur: „Effects of treatment in women with gestational diabetes mellitus: systematic review and meta-analysis “: BMJ 2010; 340:c1395 http://www.bmj.com/cgi/content/abstract/340/apr01_1/c1395

MedUni Graz/IS, Ärzte Woche 22 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben