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Foto: Archiv

Doz. Dr. Raimund Weitgasser Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft, ÖDG; Leiter – Schwerpunkt Diabetologie LKH Salzburg, Universitätsklinkum der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität

 
Diabetologie 14. Jänner 2010

Mit neuer Kraft für eine bessere Betreuung

Die Österreichische Diabetes Gesellschaft will in den kommenden Jahren neben dem Typ-2- verstärkt den Typ-1-Diabetes zum Thema machen.

Mit Jahresbeginn hat Doz. Dr. Raimund Weitgasser vom Universitätsklinikum Salzburg sein Amt als Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) angetreten. Ein geeigneter Zeitpunkt also, neue Vorhaben zu planen und bereits begonnene Projekte forciert weiterzuführen.

Nach vielen Jahren mit großer Betonung auf dem „Altersdiabetes“ will er nun den Schwerpunkt der Arbeit auf ein bislang eher vernachlässigtes Gebiet der Diabetologie richten – auf den Typ-1-Diabetes, betont im Gespräch mit der Ärzte Woche ÖDG-Präsident Weitgasser.

Herr Doz. Weitgasser, warum ist Ihnen der Typ-1-Diabetes ein besonders Anliegen?

Weitgasser: Diese Krankheit ist eine große Belastung für die Betroffenen, vor allem, wenn sie schon bei Kindern auftritt. Ich möchte das Augenmerk der Öffentlichkeit verstärkt darauf richten. Bei den therapeutischen Möglichkeiten gibt es außer den Insulinanaloga und vereinfachten Mess- und Insulinpumpensystemen nicht sehr viel Innovation. Die ÖDG wird sich vermehrt mit neuen technischen Systemen beschäftigen, und auch mit der psychologischen Betreuung im Zusammenhang mit dem Typ-1-Diabetes. Wie können wir einen besseren Zugang zu den Jugendlichen finden, damit sie ihre Therapie während der Pubertät nicht vernachlässigen? Ein Thema, das wir bei der Jahrestagung der ÖDG erörtern werden.

„Therapie aktiv“ soll weiter ausgebaut werden?

Weitgasser: Das intergrierte Versorgungsprogramm „Therapie aktiv“ für Patienten mit Typ-2-Diabetes gibt es in den meisten Bundesländern, aber noch nicht ausreichend. Die Information, in welcher Form man hier profitieren kann, ist vielerorts noch nicht bei Ärzten und Patienten angekommen. In Niederösterreich, wo das Programm im Vorjahr aufgekündigt wurde, sind nun wieder Gespräche aufgenommen worden. In Kärnten gibt es das Programm noch gar nicht – eine Finanzierung ist völlig offen. Österreichweit gesehen soll die Anzahl der beteiligten Patienten und Ärzte noch steigen. Eine Begleitstudie (siehe auch Wie bekommen wir die Versorgungsdefizite in den Griff?) zeigt den Erfolg des Programms.

Welche Projekte haben Sie sich noch vorgenommen?

Weitgasser: Wir wollen uns für die Prävention stark machen und etwa die Nahrungsmittelindustrie motivieren, Getränke weniger stark zu süßen; oder Städteplaner daran erinnern, mehr Flächen für körperliche Bewegung zu schaffen. Kinder und Jugendliche mit Diabetes sollen mehr Informationen über Ausbildungszeit und Berufseinstieg im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung erhalten. Auch die Vorsorge ist uns ein großes Anliegen. Das Screening von Risikogruppen zur Diabetesentstehung durch die Hausärzte soll verstärkt werden: bei positiver Familienanamnese, bei Frauen nach einem Schwangerschaftsdiabetes, bei Männern mit viszeraler Adipositas, bei Personen mit Übergewicht bzw. Adipositas und bei Menschen mit einer positiven Geschichte von Gefäßerkrankungen.

 

Wir berichten im Fokus Diabetes in dieser Ausgabe der Ärzte Woche (2/2010) aktuell über interessante Vorträge, die beim ÖDG-Kongress zu hören waren. Wie ist Ihr Resümee der 37. Jahrestagung?

Weitgasser: Diese Tagung war sehr erfolgreich, wir haben dabei die aktualisierten Leitlinien vorgestellt. Einige davon sind völlig neu, wie z. B. die Leitlinien zur Diabetesschulung, zu Diabetes und Migration, zur Insulinpumpentherapie und zu Diabetes und Schwangerschaft. Neu ist auch die Empfehlung zur oralen antidiabetischen Medikation und die beiden grafischen Darstellungen dazu.

 

Neu ist auch die Leitlinie zur Blutzuckerselbstkontrolle. Ein aktuelles Thema.

Weitgasser: Ja, hier stehen wir in Verhandlungen mit dem Hauptverband und wir sind zuversichtlich, dass in Zukunft alle Diabetiker 35 oder mehr Messstreifen von der Krankenkasse finanziert bekommen werden. Das erhöht die Sicherheit vor Unterzuckerungen und ermöglicht es den Patienten, ihre Blutzuckereinstellung besser in den Griff zu bekommen.

Sie wollen auch ein österreichisches Diabetesregister einführen?

Weitgasser: Das soll noch heuer kommen. Dafür sollen die aus den DMP-Fragebögen gewonnenen Daten gesammelt und ausgewertet werden. Bisher gibt es ja nur geschätzte Daten über die Prävalenz des Diabetes, über die Komplikationsraten, Behandlungszahlen usw.

Das Gespräch führte Inge Smolek

Tabelle:
Leitlinie zur antidiabetischen Therapie, ÖDG 2009
 
KlasseHbA1cHypoglykämieVorteileNachteile
Metformin*  nein Gewichtsneutralität, Reduktion makrovaskulärer Ereignisse KI und GI Nebenwirkungen
Hinzufügen eines Wirkstoffes, der für den einzelnen Patienten auf Basis der unten angeführten Vor- und Nachteile am besten geeignet ist (Wirkstoffe in alphabetischer Reihenfolge)
Klasse HbA1c Hypoglykämie Vorteile Nachteile
Alpha-Glucosidase-Inhibitoren nein Verbesserte postprandiale BZ-Kontrolle,
gewichtsneutral
GI Nebenwirkungen
DPP-4-Hemmer  bis i nein Verbesserte postprandiale BZ-Kontrolle,
gewichtsneutral, mögliche Betazellprotektion
Neuer Wirkstoff (unbekannte Langzeitsicherheit)
Inkretinmimetika i nein Gewichtsreduktion, mögliche Betazellprotektion Neuer Wirkstoff (unbekannte Langzeitsicherheit), Nausea
Insulin  ja Keine Dosisobergrenze, viele Arten, flexible Regelungen Gewichtszunahme
Insulinsekretagoga:
Sulfonylharnstoffe  ja Gliclazid und Glimepirid sind mit weniger Hypoglykämien und Gewichtszunahme verbunden als Glibenclamid mögliche Gewichtszunahme
Glinide  bis i ja Verbesserte postprandiale BZ-Kontrolle Dreimal tägliche Dosierung, mögliche Gewichtszunahme
Thiazolidindione (Glitazone)  nein Mögliche Betazellprotektion, Reduktion makrovaskulärer Ereignisse (Pioglitazon) Gewichtszunahme, periphere Ödeme, Frakturen bei Frauen
Reevaluierung alle 3 Monate. Falls HbA1c nicht im Zielbereich plus weiteren Wirkstoff aus Tabelle oder Insulintherapie  = <1,0% HbA1c Senkung,  = 1,0-2%HBA1c Senkung,  = >2,0% HbA1c Senkung Quelle: ÖDG

Inge Smolek, Ärzte Woche 2 /2010

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