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Genuss wider besseres Wissen? Mit der Compliance bezüglich Lebensstil ist es oft nicht gut bestellt.
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Dr. Ronny Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

 
Diabetologie 14. Jänner 2010

NebenWirkungen Spezial – Der Diabetologe als Spaßbremse

Diabetes kann getrost in den industrialisierten Ländern als Volkssport betrachtet werden. Der Stadtmarathon über die versteckten Zuckerberge der Zivilisationsnahrung fordert jedoch auch so manches Opfer.

Über die „Zuckerseite des Lebens“ wurde an dieser Stelle bereits ausführlich berichtet. Auch darüber, dass sich eine Menge hoffnungsloser „Compliance-Muffel“ unter den Patienten befinden, die nun mal nicht allzu leicht „gemanagt“ werden können, wie es in der Medizinersprache so schön heißt. Schließlich haben die Betroffenen lange Zeit keine Beschwerden. Das erste auftretende Symptom ist ein lästiger Arzt.

Ich selbst bin möglicherweise auch im Hinblick auf Diabetes erblich vorbelastet. Schließlich scheint ja auch die Insulinresistenz über die Generationen hinweg weitergereicht zu werden. Vererbt wird in diesem Zusammenhang sicherlich auch eine gewisse Leidenschaft, Dinge zu sich zu nehmen, die dem Körper nicht gut tun, und den kleinen oder größeren ungesunden Sünden zu frönen. Vielleicht spricht man, da fast alle Menschen davon betroffen sind, deshalb auch von der Erbsünde.

Bei meiner Großmutter hatte dereinst der Hausarzt einen „Alterszucker“ diagnostiziert, und ihre tägliche Tablettenration wurde von 15 bunten Pillen auf 18 aufgestockt. Ich war damals noch ein Kind. Deshalb konnte ich die Vorgehensweise des Kollegen noch nicht verstehen. Heute verstehe ich sie übrigens auch noch nicht. Aber das ist ein anderes Thema. Zudem hatte meine Großmutter immer eine Liste mit den berühmt-berüchtigten Broteinheiten an einer Pinnwand in der Küche hängen, die immer mehr von Ansichtskarten überlappt wurde und nach einiger Zeit völlig hinter „Grüßen vom Semmering“ verschwand und nie wieder zum Vorschein kam.

Der Hausarzt meiner Großmutter war für mich damals ein unendlich alter Mann. (Wahrscheinlich war der Kollege um die 45.) Im Wartezimmer die täglich gleiche Fangemeinschaft an Pensionisten, die sich vor dem Besuch in der ums Eck befindlichen Konditorei noch den Zuckerspiegel messen ließen.

Trotzige Patienten

Natürlich wussten es die Menschen damals nicht besser. Ich glaube aber, meine Großmutter wusste es schon, und schob sich dennoch genüsslich nach dem Arztbesuch einen dicken Faschingskrapfen in den Mund, „damit die Tabletten besser rutschen“. Sie war der Prototyp eines trotzigen Patienten, denn die Tabletten wanderten, im Gegensatz zum Faschingskrapfen, nicht in ihren Mund. Vielleicht war sie ja überhaupt der Prototyp eines Diabetikers. Übrigens lebte meine Großmutter trotz alledem mit ihrem Diabetes noch viele Jahre. Sie überlebte, glaube ich, sogar ihren Arzt.

Auch heute stoßen viele Ärzte mit ihren Bemühungen bei ihren Patienten, nach einer verständnisvollen weichen Schale, auf Granit. Denn in letzter Instanz möchte man sich nicht attestieren lassen, krank zu sein, wenn man sich doch gesund fühlt. Die „Spaßbremse Arzt“ darf in der Dreierbeziehung Patient-Arzt-Cremeschnitte zwar zu Wort kommen, sich aber nicht einmischen.

Da man jedoch nach vielen Jahren auf der Zuckerseite lebend auch auf sein Zuckergoscherl fallen kann, sind die Kollegen von der Diabetesfront bemüht, „Awareness“ zu schaffen. Ein schöner Begriff, der umschreibt, dass man auch Imagekampagnen für Krankheiten braucht. Zwar haben sich die Autosticker mit der Aufschrift „Lieber vollen Tank als zuckerkrank“ oder „Ich hab Diabetes, weil ich ess gern Fe(t)tes“ als Ladenhüter erwiesen, die nun neben den Grippeschutzmasken im unendlich großen Archiv des Gesundheitsministerium gelagert werden, doch die Richtung stimmt.

Silent Killer

PR für Diabetes ist der Weg der Zukunft. Wenn Diabetes als „silent killer“ gelauncht wird, so hat das einen nicht zu unterschätzenden Effekt. Denn wer will schon mit einem potenziellen Mörder unter einem Dach, geschweige denn in derselben Haut stecken? Dass er dabei „silent“ ist, ist zwar rücksichtsvoll von ihm, aber Killer bleibt Killer. Und so jemandem stellt keiner gerne zur Stärkung ein Schüsserl mit Süßigkeiten vor den Kamin.

Ein wenig emotionale Betroffenheit zu schaffen, ist also gar nicht so verkehrt. Denn selbst die süßesten Früchte haben einen bitteren Kern.

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