zur Navigation zum Inhalt
Foto: Sabine Bruckner
V.l.n.r.: Mag. Regina Ovesny-Straka (Generaldirektorin der Salzburger Sparkasse), Dr. Harald Seiss (Direktor der Salzburger Gebietskrankenkasse), Prof. Dr. Andreas Sönnichsen (Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der PMU Salzburg, Leit
 
Diabetologie 14. Jänner 2010

Wie bekommen wir die Versorgungsdefizite in den Griff?

Ergebnisse der Evaluationsstudie Salzburg zum Disease Management Programm „Therapie aktiv“ für die Betreuung von Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2.

Im Unterschied zu Deutschland wurde in Österreich die Einführung des Diabetes-Disease-Management-Programms „Therapie aktiv“ von einer Evaluierungsstudie begleitet, um den positiven Effekt der integrierten Patientenbetreuung wissenschaftlich feststellen zu können. Unter dem Titel „DMP Therapie aktiv im Bundesland Salzburg – Ergebnisse einer cluster-randomisierten prospektiven Studie“ wurden auf der ÖDG-Jahrestagung 2009 die Daten präsentiert. Sie zeigen, dass der Blutzuckerspiegel bei den teilnehmenden Patienten signifikant gesenkt werden konnte.

Nach neuesten Schätzungen leiden mindestens 3,5 Prozent der Österreicher an Diabetes mellitus Typ 2, der sogenannten Zuckerkrankheit. Manche Experten gehen von einer weit höheren Prävalenz von bis zu sechs Prozent aus. Die Zahl der an Diabetes Erkrankten nimmt kontinuierlich zu.

Betreuung optimieren

Aus der Versorgungsforschung ist bekannt, dass Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 in unserem Gesundheitssystem nicht optimal versorgt werden. Zum einen werden die Zielwerte für die Blutzuckereinstellung und für die Kontrolle der Risikofaktoren (Blutdruck, Blutfette) nicht erreicht, zum anderen werden auch die erforderlichen Kontrolluntersuchungen (Untersuchung des Augenhintergrundes, der Nierenfunktion, der Füße) nicht in den geforderten Abständen durchgeführt.

Mit vorgegebener Struktur Patientenversorgung verbessern

Um die Versorgung zu verbessern, wurden weltweit strukturierte Behandlungsprogramme entworfen und implementiert, sogenannte Disease Management Programme (DMP), in denen zum einen die Patienten zu regelmäßigen Kontrolluntersuchungen einbestellt werden, wo sie Schulungen absolvieren und einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Erkrankung erlernen, um Folgeschäden zu vermeiden. Zum anderen werden auch die Ärzte verpflichtet, an gezielter Fortbildung teilzunehmen und die Behandlung der Patienten strukturiert zu dokumentieren, damit nichts vergessen wird.

Bisher gibt es nur wenige Daten dazu, wie effektiv solche Disease Management Programme eigentlich sind. In Deutschland wurden DMPs beispielsweise ohne Pilotstudien flächendeckend implementiert und es ist in Ermangelung einer „Kontrollgruppe“ kaum möglich, zu sagen, ob irgendwelche Veränderungen tatsächlich auf das Programm zurückzuführen sind.

Evaluierung von „Therapie aktiv“

In Österreich erfolgte die Einführung des Disease Management Programms „Therapie aktiv“ mit einer in Salzburg durch das Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der PMU in Zusammenarbeit mit der Diabetologie der Salzburger Universitätskliniken durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchung, in der die teilnehmenden Ordinationen durch eine Zufallsauswahl der DMP-Gruppe oder der Kontrollgruppe zugeteilt wurden. Durch diesen sogenannten „randomisierten, kontrollierten“ Studienansatz kann nun sehr genau verglichen werden, was sich mit und ohne DMP im Verlauf eines Jahres getan hat.

Es zeigte sich, dass in der DMP-Gruppe mit 650 Patienten der HbA1c-Wert signifikant stärker gesenkt werden konnte als in der Kontrollgruppe. Die Blutzuckereinstellung wurde also durch das DMP deutlich verbessert. Auch die erforderlichen Untersuchungen der Augen, der Nieren und der Füße wurden in der DMP-Gruppe mit deutlich höherer Konsequenz durchgeführt. Fast zwei Drittel der DMP-Patienten absolvierten eine strukturierte Schulung für Diabetiker, während nur gut 20 Prozent der Kontrollpatienten dieses Angebot wahrnahmen. Die intensivere Betreuung der DMP-Gruppe hat außerdem dazu geführt, dass wesentlich weniger Behandlungen im Spital notwendig wurden: Während über 30 Prozent der Kontrollpatienten mindestens einmal im Spital behandelt werden mussten, waren dies bei den DMP-Patienten nur etwa 25 Prozent.

Bessere Behandlung reduziert Gesundheitskosten

So führt das DMP nicht nur zu einer Verbesserung der Behandlung, sondern direkt auch zu einer Kostenersparnis. Das DMP soll österreichweit ca. 17 Millionen Euro kosten. Allein wenn man die Vermeidung von Spitalsbehandlungen hochrechnet, kommt man bei einer durchschnittlichen Liegedauer von neun Tagen und einem Tagessatz von 500 Euro bei 100.000 Diabetikern im Programm auf eine Kostenersparnis von 22,5 Millionen Euro. Bei dieser Berechnung ist noch nicht berücksichtigt, dass es durch die erwartete Ver-meidung von diabetischen Spätkomplikationen, abgesehen von den Vorteilen betreffs Lebenszeit und Lebensqualität für die Patienten, zu einer weiteren Kostenersparnis kommen wird. Hier können aufgrund der Daten aus nur einem Studienjahr allerdings noch keine zuverlässigen Prognosen abgegeben werden.

Ausblick

Wichtigstes Ziel von Gesundheitspolitik, Kassen und Ärzteschaft muss jetzt sein, möglichst viele Diabetiker in das DMP zu integrieren, um einen flächendeckenden Effekt zu erzielen (siehe Tabelle).

In Salzburg nimmt derzeit nur ein knappes Drittel der niedergelassenen Allgemeinärzte und Internisten mit Kassenvertrag an dem Programm teil. Hier wäre eine deutliche Steigerung wünschenswert, um das Programm allen Diabetikern anbieten zu können.

Auf der Patientenseite liegt die Teilnehmerzahl derzeit bei knapp 1.500, das sind nur etwa zehn Prozent aller Diabetespatienten im Bundesland Salzburg. Es wird zwar sicher nicht möglich sein, alle Diabetiker in das DMP aufzunehmen, aber erklärtes Ziel der Kassen ist es, bundesweit wenigstens ein Drittel aller Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 im DMP strukturiert zu betreuen. Hier wäre eine mediale Kampagne wünschenswert, um das Programm bekannt zu machen und die Patienten und Ärzte zur Teilnahme zu motivieren. Weiters muss darüber nachgedacht werden, wie man die Ordinationen strukturell unterstützen kann, um die Mehrarbeit durch das DMP aufzufangen. Ein guter Teil der Aufgaben, vor allem der administrative Mehraufwand, könnte durch entsprechend ausgebildete Ordinationshilfen übernommen werden. Die Schaffung von den dann erforderlichen zusätzlichen (Teilzeit)Stellen wird aber durch das derzeitige DMP-Honorar von etwa 25 Euro pro Patient und Quartal nicht abgedeckt.

 

Die Durchführung der Studie Effektivität des Disease Management Programms „Therapie aktiv” hinsichtlich metabolischer Kontrolle und leitlinienkonformer Versorgung wurde durch die Salzburger Sparkasse, die Salzburger Gebietskrankenkasse und die Fa. Roche Diagnostics unterstützt.

Unser besonderer Dank gilt an dieser Stelle den 90 Ärzten aus dem Land Salzburg, die sich als „Kontroll“- und „DMP“-Ärzte an der Studie beteiligt haben, und den an der Studienplanung und -durchführung maßgeblich Beteiligten:

Dr. Henrike Winkler, Dr. Maria Flamm (beide Institut für Allgemeinmedizin der PMU), Doz. Dr. Raimund Weitgasser (Diabetologie SALK und Österreichische Diabetesgesellschaft), Dr. Peter Kowatsch (AVOS), Dr. Bernhard Fürthauer (Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin), Primar Dr. Gert Klima (Steiermärkische Gebietskrankenkasse).

 

Prof. Dr. Andreas Sönnichsen leitet das Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg.

Tabelle:
Umsetzungsstand von „Therapie aktiv“ in Österreich
BundeslandEingeschriebene ÄrzteEingeschriebene Patienten
Niederösterreich 173 3.158
Salzburg 94 1.349
Steiermark 105 2.697
Tirol (Pilotprojekt) 14 412
Vorarlberg 40 185
Wien 131 4.108
Summe 557 11.909
Stand: 04.01.2010
Quelle: http://diabetes.therapie-aktiv.at

Von Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, Ärzte Woche 2 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben