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Diabetologie 10. November 2009

Mangel im Überfluss

Im Alter ist eher Unter- als Überernährung das Problem. Nach Möglichkeit sollte das Gewicht gehalten werden. Auch den Knochen zuliebe.

Gesundheitliche Auswirkungen von ungewolltem Gewichtsverlust im Alter war kürzlich bei einer Presseveranstaltung anlässlich des 8. Wiener Osteoporosetages im Wiener Rathaus am 4. November 2009 Thema von Dr. Karin Schindler von der Klinik für Innere Medizin III, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der MedUni Wien. Die Expertin berichtete zudem über die Ergebnisse des europaweit durchgeführten Projekts „nutritionDay in Europe“. Schindler ist Vorsitzende des Verbands der Ernährungswissenschafter Österreichs (VEÖ) und Koordinatorin des Projekts.

Seit 2007 findet der „nutrition day“ regelmäßig in Pflegeheimen statt. Insgesamt haben in 27 Ländern mehr als 50.000 Patienten daran teilgenommen. In Österreich waren 5.306 Patienten in die Studie eingeschlossen. 37 Prozent der Befragten waren älter als 70 Jahre, mit einem durchschnittlichen Body Mass Index (BMI) von 26 kg/m² – und somit als übergewichtig einzustufen.

Die erhobenen Daten sprechen eine deutliche Sprache gegen die Doktrin „das Übergewicht muss abgebaut werden“: Über ungewollten Gewichtsverlust sollte sich, so die Ernährungsexpertin, in höherem Alter niemand freuen. Vielmehr sollte danach getrachtet werden, das Körpergewicht möglichst zu halten. Leicht übergewichtige Patienten hatten eine geringere Sterblichkeit als jene mit einem BMI, der dem derzeitigen Schönheitsideal (BMI < 20kg/m²) entspricht. Denn bei alten Patienten ist nicht die Überernährung das akute Problem, sondern vielmehr Mangel- und sogar Unterernährung.

Nährstoffmangel im Alter

Betagte Menschen verlieren im Vergleich zu jüngeren häufiger an Gewicht. Meist ist Appetitlosigkeit der Grund dafür. Neben der physiologischen Veränderung von Geruchs- und Geschmackssinn beeinflussen auch Medikamente den Appetit negativ. Aber auch Krankheit und Depressionen – zum Beispiel nach Verlust des Partners – sind häufig mit weniger Lust aufs Essen verbunden.

„Nicht-Essen“ erhöht aber die Sterblichkeit. Selbst wenn die Heimbewohner nur die halbe Portion gegessen hatten, war die Sterblichkeit bereits doppelt so hoch wie bei denjenigen, die alles aufgegessen hatten.

Unterschätzte Unterversorgung

Mit dem Alter verändern sich auch die Bedürfnisse des Körpers: Während der Energiebedarf stetig sinkt, bleibt der Bedarf an lebenswichtigen Nährstoffen wie Eiweiß, Vitaminen und Mineralien unverändert. Die Auswirkungen einer Mangelernährung von Patienten und alten Menschen auf die Gesundheit, die Genesung und die Lebensqualität werden häufig unterschätzt. Aufgrund von Studien ist bekannt, dass eine unzureichende Nahrungsaufnahme die Lebensqualität beeinträchtigt und die alten Menschen zunehmend abhängig von fremder Hilfe werden lässt. Die Anfälligkeit für Infektionen steigt, ebenso das Sturzrisiko – daher ist es sehr wichtig, dass das Pflegepersonal oder die Angehörigen die eingeschränkte Nahrungsaufnahme bemerken und die Gründe dafür erkennen.

Es gibt daher keine Veranlassung, sich im Alter über ungewollte Gewichtsabnahme zu freuen oder zu meinen, das „Nicht-Essen“ gehöre eben zum Alter dazu. Das Gegenteil sei der Fall, so Schindler. Bedarfs- und bedürfnisgerechte Ernährung alter Menschen – fernab des Schlankheitswahns – sei ein wesentlicher Beitrag zu Erhaltung der Lebensqualität einer dem individuellen Alter entsprechenden Leistungsfähigkeit.

medevent/IS, Ärzte Woche 46 /2009

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