zur Navigation zum Inhalt
Foto: wikipedia
Immunhistochemische Aufnahme einer Langerhansschen Insel mit dem Fluoreszenzmikroskop: grün - Betazellen, rot - Alphazellen, blau - Zellkerne.
 
Diabetologie 3. November 2009

Hormon aus dem Darm als Hoffnungsträger

Neue Ansätze in der Diabetestherapie.

Bei der Suche nach neuen Therapie-Optionen für Typ-2-Diabetes wurde in den vergangenen zehn Jahren ein neuer Ansatzpunkt entwickelt: die Stabilisierung des bei Diabetespatienten gestörten Inkretin-Effekts, entweder durch DPP 4-Hemmer oder Inkretin-Mimetika. Zu Letzteren zählt Liraglutid, ein neuer Wirkstoff mit großem therapeutischen Potenzial.

Mitte der 1980er Jahre wurde das zur Gruppe der Inkretine zählende Glucagon-like Peptid 1 (GLP-1) beschrieben: Ein Peptidhormon, das eine wichtige Rolle beim Zuckerstoffwechsel im Rahmen des Inkretin-Effekts spielt – der Insulinantwort der Betazellen in der Bauchspeicheldrüse auf Zuckerzufuhr über den Darm und das Blut. Es wird nach der Aufnahme von Kohlenhydraten im Dünndarm produziert und in weiterer Folge in den Blutkreislauf abgegeben.

Um den bei Diabetikern gestörten Inkretin-Effekt zu stabilisieren, entwickelten Forscher Wirkstoffe, die strukturelle Gemeinsamkeiten mit einer dem GLP-1 vergleichbaren Wirkung an dessen Rezeptor zeigen – die sogenannten Inkretin-Mimetika (oder Inkretin-Analoga). „Deren Gabe bewirkt unter anderem eine Stimulierung der Insulin-Ausschüttung in den Betazellen, eine Hemmung der Glukagonfreisetzung in den Alphazellen des Pankreas, eine Verzögerung der Magenentleerung und – im Zentralnervensystem – Appetithemmung“, erläutert Professor Dr. Thomas Nauck vom Diabeteszentrum Bad Lauterberg im Harz (D). Nach Nauck weist Liraglutid, ein neuer Wirkstoff, von der Molekularstruktur her gesehen eine besonders starke Ähnlichkeit zu GLP-1 auf.

Eine weitere Wirkstoffklasse auf Basis des Inkretin-Effekts sind die Inhibitoren der Dipeptidylpeptidase 4 (DPP 4), die durch die Hemmung der Dipeptidylpeptidase 4 den Abbau des körpereigenen GLP-1 verzögern. Studien, die beide Therapieoptionen – Inkretin-Mimetika und DPP 4-Inhibitoren – miteinander verglichen, lassen nach Nauck den Schluss zu, dass mit beiden Substanzgruppen sehr gute Ergebnisse in der Diabetes-Therapie erzielt werden können. „Inkretin-Mimetika scheinen allerdings ein größeres Potenzial in den Bereichen Gewichts- und HbA1C-Reduktion zu besitzen“, ergänzt Nauck.

Das LEAD-Studienprogramm

Liraglutid wurde im umfangreichen Forschungsprogramm LEAD (Liraglutide Effect and Action in Diabetes) einer klinischen Prüfung unterzogen. Das LEAD-Programm – sechs randomisierte, kontrollierte Phase-III-Studien an insgesamt etwa 6.000 Diabetes-Typ 2-Patienten – sah in unterschiedlichen Konstellationen Vergleiche von Liraglutid (einmal täglich subkutan injiziert) bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit mit einigen der am häufigsten verwendeten Antidiabetika (Sulfonylharnstoffe, Glitazone, Basalinsulin) vor. Die Wirksamkeit von Liraglutid wurde dabei sowohl in der Monotherapie als auch in Kombination mit einem oralen Antidiabetikum überprüft. In der LEAD-6-Studie kam es auch zu einem Direktvergleich mit einem zweiten GLP-1-Analogon (Exenatid).

Die Ergebnisse zeigten, dass Inkretin-Mimetika eine höchst vielversprechende Behandlungsmöglichkeit bieten: „Bei den konventionellen medikamentösen Diabetes-Behandlungen sind das Hypoglykämie-Risiko und die Gewichtszunahme der Patienten stets problematisch“, meint Professor Dr. Jiten Vora von der Universitätsklinik Liverpool (UK).

Bei Liraglutid sieht laut Vora die Sache anders aus: „Die Hypoglykämie-Rate lag auf Placebo-Niveau, und es konnte sogar eine Abnahme des Körpergewichts festgestellt werden. Und das alles bei einer signifikanten Reduktion des HbA1C-Wertes.“ Ein weiterer positiver Effekt von Liraglutid, der sich aus LEAD ergab, liegt in der Risikominderung von kardiovaskulären Erkrankungen. Professor Dr. Michael Davidson, Universität Chicago: „GLP-1-Rezeptoragonisten wie Liraglutid führen zu einer Senkung des systolischen Blutdrucks; diese Eigenschaft, gemeinsam mit der Gewichtsreduktion, spricht für eine positive Auswirkung auf kardiovaskuläre Erkrankungen.“

Die erfreulichen Eigenschaften von Liraglutid zeigten sich, wie Professor Dr. Stephen Gough, Diabetologe an der Universität Birmingham (UK), ausführte, auch in einer Metaanalyse der sechs LEAD-Studien. Dabei wurden klinisch relevante Endpunkte wie HbA1C < 7 Prozent ohne Gewichtszunahme und systolischer Blutdruck < 130mmHg festgesetzt. „Im Vergleich zu den Mitbewerbern Glimepirid, Metformin, Rosiglitazon, Insulinglargin und Exenatid konnten unter Liraglutid 1,8 mg/Tag mehr Patienten diese Endpunkte erreichen.“

Quelle: „Changing the Course of Diabetes with Modern Treatment“, Symposium der Firma Novo Nordisk im Rahmen der 45. Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) am 29. September 2009 in Wien

Von Ingo Schlager, Ärzte Woche 45 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben