zur Navigation zum Inhalt
 
Diabetologie 28. Oktober 2009

Jeder vierte Diabetiker depressiv

Zusammenhänge zwischen seelischer Gesundheit und Körper werden meist unterschätzt.

Entgegen der herkömmlichen Meinung ist die häufigste Todesursache von psychisch Erkrankten nicht Suizid, sondern eine Herz-Kreislauferkrankung. Menschen mit einer psychischen Erkrankung haben ein zwei- bis dreimal höheres Risiko für Diabetes und Herzkreislauferkrankungen. In der Praxis wird die „eigentliche Krankheit“ oft auch nicht erkannt, und es fehlt nach wie vor an einer ganzheitlichen Sichtweise. Mit der Initiative „Mental & Physical Health“ soll nun für das nötige Bewusstsein und Verständnis gesorgt werden.

 

Bereits jeder vierte Mensch in Österreich ist von einer psychischen Erkrankung wie Depression, Angststörung oder Schizophrenie betroffen. Diese gehen meist Hand in Hand mit ökonomischen, sozialen und persönlichen, aber auch körperlichen Folgen. So erhöhen psychische Erkrankungen das Risiko für metabolische Abnormitäten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Adipositas, daraus resultieren verkürzte Lebenserwartung sowie Herz-Kreislauferkrankungen.

Inadäquate Behandlung

„In den Praxen herrscht noch immer eine sehr starke Einzelsicht und eine viel zu isolierte Betrachtung dieser Thematik vor“, kritisiert Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Univ.-Klinik für Innere Medizin III, Medizinische Universität Wien. Bei einem Großteil der Betroffenen erkennen die behandelnden Ärzte oft auch die Krankheit als solche nicht. Den Grund dafür sieht Prof. Dr. Siegfried Kasper, Univ.-Klinik für Psychiatrie, Medizinische Universität Wien, in der Krankheit selbst: „Dazu trägt auch nach wie vor das Stigma bei, das psychischen Erkrankungen anhaftet und Betroffene oft nicht über ihre Krankheit sprechen lässt. Als Folge werden diese nicht adäquat behandelt. Für eine Heilung bräuchten die meisten eine effiziente Behandlung und Betreuung, die sowohl psychotherapeutische als auch pharmakologische Therapien beinhaltet.“

Gezielt gegensteuern

Aufgabe der Initiative ist es, den Zusammenhang bewusst zu machen, einen Beitrag zur Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten zu leisten sowie Maßnahmen zu setzen, die gezielt gegensteuern. „Gegenmaßnahmen wie gesunde Ernährung, ausreichende körperliche Aktivität können erst Platz greifen, wenn sich die Betroffenen in ärztliche Hilfe begeben. Umso wichtiger ist es, mit Hilfe einer Initiative verstärkt auf die Bedürfnisse psychisch Kranker aufmerksam zu machen, um hier gemeinsam etwas zu bewegen“, betont HR Prim. Doz. Dr. Werner Schöny, pro mente Österreich.

Verbesserte Zusammenarbeit für Depression und Diabetes

In Österreich erkranken rund 400.000 Patienten einmal in ihrem Leben an einer Depression. 250.000 befinden sich in hausärztlicher Behandlung, bei etwa 130.000 wurden Depressionen tatsächlich diagnostiziert, optimal behandelt werden hingegen nur maximal 36.000 Betroffene. Eine optimale Betreuung kann nur geboten werden, wenn eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten – Allgemeinmedizinern, Fachärzten und Betroffenen – besteht. „In einem ausführlichen Arzt-Patienten-Gespräch sollte daher neben der Abklärung der körperlichen Ursache verstärkt nach psychischen Erkrankungen bzw. psychosozialen Faktoren gefragt werden, um hier entsprechende Differenzialdiagnosen zu stellen“, appelliert Ludvik. Dem Allgemeinmediziner kommt hier als meist erste Anlaufstelle eine zentrale Rolle zu: „Rund 75 Prozent der Diabetes-Patienten werden vorrangig in der allgemeinmedizinischen Praxis betreut. Von diesen leiden laut Statistik 25 Prozent an einer Depression. Kontinuierliche Langzeitbetreuung sowie eine professionelle Behandlungsorganisation im Rahmen der hausärztlichen Grundversorgung ist für alle Patienten wichtig, besonders aber bei Vorliegen verschiedener gesundheitlicher Problembereiche“, erklärt Dr. Ingrid Pichler von der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

 

Kasten:
Initiative „Mental & Physical Health“
Die Initiative „Mental & Physical Health“ wurde 2008 auf europäischer Ebene gegründet und soll nun in Österreich unter dem Titel: „Ganz im Leben – Österreichische Plattform für seelische und körperliche Gesundheit“ umgesetzt werden. Ziel ist es, die Bewusstseinsbildung für den Zusammenhang zwischen psychischen Krankheiten und körperlichen Auswirkungen zu fördern sowie zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beizutragen. Weiters soll die Initiative dazu beitragen, das österreichische Gesundheitssystem stärker an den Bedürfnissen einer ganzheitlichen Betrachtung von mentaler und physischer Gesundheit auszurichten und die Interdisziplinarität zu fördern.
Erster Schritt in Richtung Umsetzung der Initiative in Österreich ist es, die wesentlichen Berührungspunkte von mentaler mit psychischer Gesundheit sowohl auf politischer als auch medizinischer, sozialer und volkswirtschaftlicher Ebene zu erfassen. Nächster Schritt sollen Entwicklung und Ausbau psychosozialer Versorgungsmöglichkeiten im Hinblick auf die Bedürfnisse psychisch kranker Menschen sein, um eine bestmögliche Behandlung für psychisch kranke Menschen auch gewährleisten zu können.

Welldone/MSW, Ärzte Woche 44 /2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben