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Foto: wikipedia
Der überwiegende Großteil von Amputationen wäre bei zeitgerechter, adäquater Behandlung von diabetischen Wundheilungsstörungen vermeidbar.
 
Diabetologie 20. Oktober 2009

Wiener Pilotprojekt „Integratives Wundmanagement“

Spezialisierte Wundambulanz im Krankenhaus Göttlicher Heiland arbeitet eng mit dem niedergelassenen und dem Pflegebereich zusammen.

Patienten mit offenen Wunden pilgern oft jahrelang von Arzt zu Arzt. „Jeder kann nur einen Teilaspekt der Erkrankung behandeln. Die wahre Ursache wird erst nach Jahren diagnostiziert“, erklärt Prim. Dr. Viktor Grablowitz, Vorstand der Abteilung für Chirurgie am Krankenhaus Göttlicher Heiland. Im Zuge eines Wiener Pilotprojekts wird eine 20-stündige Ausbildung für Ärzte angeboten, die „Projektärzte“ im niedergelassenen Bereich werden und sich in der Wundversorgung spezialisieren wollen.

 

Wunden, die nicht mehr heilen wollen, sind sehr schmerzhaft, gefährlich und verursachen enorme Kosten. Eine von diesem Problem besonders betroffene Gruppe sind Diabetiker. Jahr für Jahr muss vielen Menschen aufgrund der Diagnose „offener Fuß“ ein Bein abgenommen werden. Viele Amputationen wären aber vermeidbar. Die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) hat daher gemeinsam mit dem Krankenhaus Göttlicher Heiland und der Ärztekammer für Wien das Pilotprojekt „Integratives Wundmanagement“ ins Leben gerufen, um die Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden zu optimieren.

Jeder 7. Diabetiker betroffen

Drückende Schuhe, eine Blase, eine kleine Verletzung sind oft der banale Anfang: Eine Wunde entsteht und verheilt nicht mehr. Weit mehr Menschen, als man denkt, leiden unter dem diabetischen Fußsyndrom, das durch eine stoffwechselbedingte Schädigung der Nerven und Gefäße entsteht. Jeder siebente Diabetiker ist davon betroffen. Pro Jahr gibt es in Österreich 100.000 Neuerkrankungen, 20.000 allein in Wien.

„Die Betroffenen leiden oft jahrelang unter furchtbaren Schmerzen und massiv beeinträchtigter Lebensqualität. Nicht selten gipfelt der Leidensweg im Verlust eines Beines: Das Amputationsrisiko ist bei Diabetikern 10-mal höher als bei Nicht-Diabetikern, im Alter sogar 30-mal höher“, erklärt Ing. Mag. Erich Sulzbacher, Generaldirektor der Wiener Gebietskrankenkasse. 2004 wurden in Österreich rund 1.200 Major-Amputationen bei Diabetikern durchgeführt. 80 Prozent davon wären durch zeitgerechte und adäquate Behandlung der komplexen Wundheilungsstörung vermeidbar gewesen.

Neue Wundambulanz

Vor diesem Hintergrund hat die WGKK mit dem Krankenhaus Göttlicher Heiland und der Wiener Ärztekammer das für zwei Jahre anberaumte Pilotprojekt „Integratives Wundmanagement“ ins Leben gerufen. „Unser Ziel ist, mithilfe optimierter Behandlungspfade das Leiden der Patienten von mehreren Jahren auf wenige Wochen zu verkürzen“, so Sulzbacher. Herzstück des Projektes ist eine spezialisierte Wundambulanz, die im Krankenhaus Göttlicher Heiland eingerichtet wurde und eng mit dem niedergelassenen und dem Pflegebereich zusammenarbeitet.

Prim. Dr. Viktor Grablowitz, Vorstand der Abteilung für Chirurgie im Göttlichen Heiland, beschreibt die Vorzüge der neuen Einrichtung: „In der Wundambulanz ist ein multiprofessionelles Team zur Stelle, das die Grunderkrankung sofort diagnostiziert und einen exakten Therapiepfad plant – individuell und bedarfsorientiert. Das Team leitet die Patienten dann an die relevanten Stellen weiter, im oder auch außerhalb des Krankenhauses. So erfahren die Patienten, wo und wie ihnen konkret und sofort geholfen wird. Bei Bedarf wird eine mobile Krankenpflege organisiert, wenn das Verbinden der Wunde selbstständig nicht möglich ist.“ Der Patient erhält einen Wundpass, in dem alle Termine, Diagnosen und Problemstellungen eingetragen werden. Zielgruppe sind Patienten mit chronischen Wunden, die seit mindestens sechs Wochen bestehen. Sie können von jedem Arzt zugewiesen werden. Für WGKK-Versicherte ist die Teilnahme am Pilotprojekt gratis.

Lückenlose Versorgung

Mit der umfassenden und lückenlosen Versorgung, die durch die Wundambulanz veranlasst wird, werden neue Behandlungsstandards geschaffen. Grablowitz beschreibt, dass „Patienten mit offenen Wunden oft jahrelang von Arzt zu Arzt pilgern. Jeder kann nur einen Teilaspekt der Erkrankung behandeln. Die wahre Ursache wird erst nach Jahren diagnostiziert.“ Im Zuge des Pilotprojekts wird auch eine 20-stündige Ausbildung für Ärzte angeboten, die „Projektärzte“ im niedergelassenen Bereich werden und sich in der Wundversorgung spezialisieren wollen. Die Ausbildung wird von der Ärztekammer für Wien organisiert.

Erleichterung für niedergelassene Ärzte

Direktor Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer für Wien und Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte, betont: „Wir wollen mit unserem Engagement dazu beitragen, einerseits innovative Projekte zu fördern, andererseits die Zufriedenheit unter unseren Patienten noch weiter zu erhöhen.“ Immer wieder sei die Ärztekammer darüber unterrichtet worden, dass Ärzte Schwierigkeiten hätten, Patienten mit chronisch offenen Wunden an Spitäler und Ambulanzen zu überweisen, berichtet Steinhart. Die Häuser lehnten die Betreuung der Patienten ab, sodass die behandelnden Ärzte oft stundenlang herumtelefonieren müssten, um ein Spital für Wundpatienten zu finden. Für Steinhart ist das integrierte Wundmanagement aber nicht nur ein Beispiel für optimierte Gesundheitsversorgung, sondern auch „ein Versuch, Folgekosten zu vermeiden, indem der intra- und extramurale Bereich effizient vernetzt werden“.

Kasten:
Hohe Kosten durch inadäquate Behandlung
In der Tat verursachen offene Wunden nicht nur großes Leid, sondern auch enorme Kosten: Die Therapie von diabetischen Fußirritationen macht 70 bis 80 Prozent der Gesamtbehandlungskosten für Diabetiker aus. Das entspricht in Industriestaaten sechs bis neun Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen. Die Behandlung des diabetischen Fußes kostet über drei Jahre hinweg 40.000 Euro, die Kosten für eine Amputation und anschließende Rehabilitation betragen 60.000 Euro.

 Nähere Informationen zum Projekt „Wundmanagement“ finden Sie im „Handbuch Wundmanagement“ zum kostenlosen Download unter www.wgkk.at sowie unter www.wund-ambulanz.at

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