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Diabetologie 14. Oktober 2009

Kontroversen mit Niveau

Pro-und-Contra-Diskussionen gaben Einblick in aktuelle Fragestellungen zum Diabetes.

Lässt sich an der Höhe der postprandialen Zuckerwerte das kardiovaskuläre Risiko abschätzen? Ist der HbA1c-Wert der zuverlässigere Parameter zur Diagnose oder Einschätzung des Risikos, an Diabetes zu erkranken? Die EASD-Jahrestagung bot aufschlussreiche Debatten.

Die Forschung geht heute davon aus, dass die glykämische Variabilität als eigenständiger Risikofaktor für das Auftreten von diabetesbedingten Komplikationen anzusehen ist. Aber welchen Stellenwert haben die postprandialen Blutzuckerwerte? Prof. Dr. Antonio Ceriello vom University Hospital der University of Warwick (UK) ist auch aufgrund eigener Studien davon überzeugt, dass die postprandiale Überzuckerung zu oxidativem Stress führt, der direkten toxischen Einfluss auf das vaskuläre Endothelium hat. Durch deren Senkung könne demnach das kardiovaskuläre Risiko minimiert werden.

Prof. Dr. Eleuterio Ferrannini vom Department für Innere Medizin der Universität Pisa, Italien, hingegen ist der Ansicht, dass durch die isolierte Senkung des postprandialen Blutzuckers keine kardiovaskuläre Risikominimierung zu erreichen sei. Ein Standpunkt, dem auch Prof. Dr. Guntram Schernthaner, der bei der Pro- und-Contra-Session den Vorsitz hatte, viel abgewinnen kann. Im Gespräch mit der Ärzte Woche betonte er, dass bei manifestem fortgeschrittenen Typ-2-Diabetes der postprandiale Blutzucker mit erhöhtem Nüchtern-Blutzucker einhergehe und man beides senken müsse, um das kardiovaskuläre Risiko zu reduzieren.

Neue Klassifizierung?

Nachdem der HbA1c-Wert bisher vorwiegend für die Therapie-Überwachung herangezogen wurde, weil man meinte, dass dieser Langzeit-Blutzuckerwert für die Diagnose zu wenig sensitiv sei, soll es nach den Plänen der American Diabetes Association (ADA) eine neue Klassifizierung nach dem HbA1c-Wert geben. Werte unter 6 Prozent würden als normal, bis 6,5 Prozent als high-risc und Werte über 6  Prozent als manifeste Diabeteserkrankung klassifiziert werden. Mit dieser Klassifizierung verdoppelte sich die Zahl der Diabetesrisiko-Patienten, so Schernthaner. Uneinigkeit herrscht auch hinsichtlich des Grenzwerts: So sind manche Experten überzeugt, dass es keinen scharfen Grenzwert gebe und das Risiko bereits ab 6 Prozent steige.

Und schließlich gibt es, wie Prof. Dr. Andrea Siebenhofer-Kroitzsch, Stoffwechselexpertin an der MedUni Graz durch Daten belegte, auch Gender-Unterschiede: bei Frauen bedeutet ein Langzeit-Zuckerwert von 6 Prozent ein höheres Risiko als der gleiche Wert bei Männern. Das dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass Frauen an sich schon aufgrund ihrer „Körperkomposition“ mehr viszerales Fett ansammeln als Männer. Und die Fettmenge im Bauchraum ist – das blieb beim Kongress absolut unbestritten – ein ganz entscheidender Risikofaktor für die Manifestation eines Typ-2-Diabetes.

Von Eveline Schütz, Ärzte Woche 42 /2009

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