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Foto: Privat
Prof. Dr. Kautzky-Willer Diabetologin an der Klin. Abt. f. Endokrinologie und Stoffwechsel der Univ.-Klinik f. Innere Med. III, Wien
 
Diabetologie 9. September 2009

Diabetes-Prävention: Eine Frage des Geschlechts

Frauen tragen im Vergleich zu Männern ein höheres Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken.

Diabetes mellitus ist ein wesentlicher Risikofaktor und erhöht das kardiovaskuläre Risiko für Frauen deutlich stärker als für Männer. Die Gründe für diese Differenz liegen sowohl in physiologischen als auch sozioökonomischen Faktoren. Seit wenigen Jahren versucht die Gender-Medizin, diesen Faktoren auf den Grund zu gehen und Konsequenzen für Prävention, Therapie und Rehabilitation zu entwickeln.

 

In den letzten Jahren rücken geschlechtsspezifische Aspekte zunehmend in den Fokus der medizinischen Forschung. So wurde 1996 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Arbeitsgruppe gegründet, die das Bewusstsein für Gender-Themen in der Medizin stärken und geschlechtsspezifische Forschung fördern soll. Dabei muss zwischen dem biologischen Geschlecht (Sex) und dem sozialen Geschlecht (Gender) unterschieden werden. Während sich Ersteres auf biologische, genetisch determinierte Unterschiede bezieht, ist Gender durch kulturelle und gesellschaftliche Normen und Rollenbilder bestimmt. Sowohl Sex als auch Gender können die Physiologie und Pathophysiologie des Individuums nachhaltig beeinflussen, weshalb eine geschlechtsspezifische Betrachtungsweise bei einer Vielzahl von Erkrankungen nötig ist.

In einigen medizinischen Fächern, insbesondere in Hinblick auf kardiovaskuläre Erkrankungen oder Osteoporose, ist die Bedeutung des Geschlechts durchaus anerkannt. Aufholbedarf besteht laut Prof. Dr. Kautzky-Willer, Diabetologin an der Klin. Abt. f. Endokrinologie und Stoffwechsel der Univ.-Klinik f. Innere Med. III, Wien, jedoch im Bereich endokrine Störungen und den damit assoziierten Erkrankungen. „Ein breiteres Gender-sensitives Wissen böte die Grundlage für spezielle evidenzbasierte Interventionen zur Prävention, Therapie, Rehabilitation sowie für die Verbesserungen des Gesundheitsangebotes, die sich an den jeweiligen Bedürfnissen von Frauen und Männern orientieren“, so Kautzky-Willer.

Risikofaktor Übergewicht

Weltweit sind bereits rund 250 Millionen Menschen an Diabetes mellitus erkrankt, wobei die Prävalenz in den kommenden Jahrzehnten dramatisch ansteigen wird. Im Vergleich zu Männern ist die Prävalenz des Diabetes sowie dessen Vorstufe der gestörten Glukose-Toleranz bei Frauen geringfügig erhöht, während Männer häufiger erhöhte Nüchtern-Glukose-Werte aufweisen. Die höhere Prävalenz von Störungen des Glukosestoffwechsels bei Frauen scheint dabei auf die höhere Diabetes- und Prädiabetes-Rate im höheren Alter zurückzuführen zu sein.

Einer der Gründe für steigende Prävalenz der Glukose-Intoleranz ist das weltweite Zunehmen von Adipositas, die für rund 80 Prozent der Typ-2-Diabetes-Fälle verantwortlich gemacht wird. Laut WHO-Schätzungen sind in Europa 23 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen adipös (BMI > 30kg/m2) und 80 Prozent beider Geschlechter übergewichtig (BMI 25-30 kg/m2). Unabhängig vom BMI spielt die Fettverteilung eine wesentliche Rolle für die Diabetesentstehung. So gilt die Ansammlung viszeraler Fettzellen als wichtige Ursache für Insulinresistenz, Hyperinsulinämie, Dyslipidämie sowie proinflammatorische und prothrombotische Veränderungen, die Komponenten des Metabolischen Syndroms darstellen. „Obwohl Männer aufgrund der Androgene eher zur Akkumulation von viszeralem Fett neigen, scheinen Frauen mit Metabolischem Syndrom insgesamt mehr und ungünstigere kardiovaskuläre Risikofaktoren aufzuweisen“, so Kautzky-Willer.

Gestationsdiabetes und Polyzystisches Ovar

Klassische Risikofakoren für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes für Frauen sind ein früherer Gestationsdiabetes oder schwere Komplikationen in einer früheren Schwangerschaft sowie eine Kind mit einem Geburtsgewicht über 4,5 kg. So wurde in der DPP-Studie (Diabetes Prevention Program) gezeigt, dass Frauen nach Gestationsdiabetes im Vergleich zu Frauen ohne Gestationsdiabetes und ansonsten vergleichbarem Risiko bezüglich Gewicht und Glukosetoleranzstatus innerhalb von drei Jahren ein doppelt so hohes Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, aufweisen. Um Frauen mit Gestationsdiabetes zu erkennen und frühzeitig zu behandeln, empfiehlt Kautzky-Willer ,in der Schwangerschaft einen Oralen Glukosetoleranztest (OGTT) durchzuführen. Da Kinder von Diabetes-Patientinnen ebenfalls ein deutlich erhöhtes Diabetes-Risiko aufweisen, sollte bei Frauen mit hohem Risiko bereits vor einer geplanten Schwangerschaft ein OGTT durchgeführt und gegebenenfalls eine Insulintherapie eingeleitet werden.

Ein hohes Diabetes-Risiko tragen auch Frauen mit einem Polycystischen Ovarsyndrom (PCOS), das unter anderem durch erhöhte Androgenspiegel und ausgeprägte Insulinresistenz gekennzeichnet ist. Ist das PCOS mit einer Adipositas vergesellschaftet, so beträgt das Risiko, bereits im Alter von 30 Jahren an Typ-2-Diabetes zu erkranken, zwischen 30 und 50 Prozent.

Unterschiedliche Wirksamkeit

Obwohl in den meisten Präventionsstudie ein hoher Prozentsatz an Frauen inkludiert war, wurden nur wenige nach geschlechtsspezifischen Differenzen ausgewertet. In der 2008 in Diabetes Care publizierten DPP-Studie wurden geschlechtliche Unterschiede hinsichtlich des Diabetes-Risikos sowie der Effekte von Lebensstilmodifikationen identifiziert.

Dabei zeigte sich, dass im Laufe der Studie zwischen den Geschlechtern kein Unterschied in der Häufigkeit der Diabetes-Entwicklung auftrat, obwohl Männer bei Studieneingang im Vergleich zu Frauen mehr Risikofaktoren wie höheres Alter, BMI, Kalorienaufnahme, Nüchtern-Glukose, Blutdruck sowie weniger körperliche Aktivität und geringeres HDL-Cholesterin aufwiesen. Dies könnte – zumindest zum Teil – darauf zurückzuführen sein, dass intensive Lebensstiländerungen, insbesondere eine Gewichtsreduktion von mehr als drei Prozent, zu einer höheren Risikoreduktion bei Männern als bei Frauen führte. Dass es Frauen häufig schwerer als Männern fällt, Gewicht abzunehmen, hat eine Neuroimaging-Studie gezeigt. Demnach können Frauen bei Hunger und einem verlockenden Nahrungsangebot die Hungergefühle deutlich schlechter unterdrücken.

Körperliche Aktivität und Gewichtsreduktion sind in der Lage, das Diabetes-Risiko signifikant zu reduzieren. Untersuchungen haben gezeigt, dass Frauen generell physisch weniger aktiv als Männer sind, was eine Ursache für vermehrtes Übergewicht und Insulinresistenz sein könnte. Studien haben gezeigt, dass Übergewicht und Adipositas bei Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund sowie niedrigem sozioökonomischem Status besonders ausgeprägt sind.

Darüber hinaus kann das Geschlecht auch die Wirksamkeit der Antidiabetika beeinflussen. So haben Studien gezeigt, dass in der Prävention der Progression vom Prä-Diabetes zum ausgeprägten Typ 2-Diabetes Metformin bei jungen adipösen Männern effektiver ist und Arcabose bei älteren, nicht adipösen Frauen. Allerdings war keine dieser Studien primär auf das Herausarbeiten von Geschlechterdifferenzen angelegt, sodass weitere Studien zur Effektivität von therapeutischen Interventionen in Abhängigkeit vom Geschlecht nötig sind.

Weniger aggressive Therapie

Diabetes mellitus ist ein starker Risikofaktor für mikro- und makrovaskuläre Komplikationen, wobei die Morbidität und Mortalität aufgrund kardiovaskulärer Erkrankungen bei Frauen höher als bei Männern ist. Die schlechtere Prognose von Frauen ist einerseits auf den Verlust der kardioprotektiven Wirkung des Östrogens bei postmeopausalen Frauen und andererseits auf weniger aggressive therapeutische Maßnahmen zurückzuführen. So werden laut einer US-amerikanischen Untersuchung Fettstoffwechselstörungen bei Frauen seltener therapiert, die Rate von percutanen Interventionen (PCI) bei koronarer Herzkrankheit ist niedriger als bei Männern, und nach einem Herzinfarkt bekämen Frauen seltener prognoseverbessernde Medikamente wie Betablocker, ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorantagonisten.

Auch die retrospektive Auswertung von 500 Patientendaten an der klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Medizinischen Universität Wien hat Hinweise darauf ergeben, dass Blutdruck und Cholesterinspiegel bei Frauen tendenziell schlechter eingestellt werden. Frauen mit Diabetes haben demnach höheres LDL-Cholesterin sowie höhere systolische und diastolische Blutdruckwerte als Männer mit Diabetes. Bei HbA1c zeigte sich kein relevanter Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Von Mag. Harald Leitner, Ärzte Woche 37 /2009

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