zur Navigation zum Inhalt
 
Arbeitsmedizin 7. Februar 2008

Toxisch wirkender Flammschutz

Zahlreiche Flammschutzmittel haben neben der positiven Wirkung des Brandschutzes auch problematische Eigenschaften. So stehen sie etwa im Verdacht, Störungen der Gehirnentwicklung zu verursachen.

Flammschutzmittel spielen in der modernen Welt eine wichtige Rolle. Der Siegeszug der Kunststoffe und der Elektronik wäre ohne diese Chemikalien wohl nicht möglich gewesen. Flammschutzmittel finden sich in zahlreichen Produkten wie in Gehäusen von Elektro- und Elektronikgeräten, in Leiterplatten, dem Isoliermaterial von Kabeln, in Teppichrückenbeschichtungen, Textilien, Polstermöbeln, Fahrzeugen sowie Dämm- und Montageschäumen. Im Hausstaub können zum Teil hohe Konzentrationen an Flammschutzmitteln nachgewiesen werden, wie etwa Untersuchungen des österreichischen Umweltbundesamtes oder des Instituts für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien zeigen.
Eine große Anzahl von verschiedenen organischen und anorganischen Chemikalien werden als Flammschutzmittel verwendet. Eine Reihe von ihnen haben neben der positiven Wirkung des Brandschutzes jedoch auch problematische Eigenschaften. Sie können sich beispielweise in der Umwelt und letztlich auch im Menschen anreichern, manche von ihnen besitzen auch hormonelle Wirksamkeit und gelten als neurotoxisch oder wurden von der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) als „möglicherweise krebserzeugend“ eingestuft. Kommt es im schlimmsten Fall zu einem Brand, können Flammschutzmit-tel ätzende oder hoch giftige Gase bilden. „Zum Beispiel entstehen aus polybromierten Diphenylethern (PBDE) Dioxine und Furane“, berichtet das Umweltbundesamt aus Deutschland.
Im Mittelpunkt des Interesses standen in den letzten Jahren vor allem Trisphosphate und PBDE (auch wenn es noch etliche andere problematische Flammschutzmittel gibt). Trisphosphate sind Ester der Phosphorsäure. Am besten erforscht ist TCEP (Tris[2-chlorethyl]phosphat) – es schädigt vor allem das Nervensystem und verringert die Fruchtbarkeit. Heute werden zumeist andere Trisphosphate eingesetzt. „Über deren toxikologische Eigenschaften – speziell, was langfristige Wirkungen betrifft – weiß man derzeit leider nur wenig“, sagt OA DI Dr. Hans-Peter Hutter, Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien.

PBDE können im Körper angereichert werden

PBDE umfassen zahlreiche Einzelverbindungen und werden in drei Gemischtypen (Penta-BDE, Octa-BDE und Deca-BDE) eingesetzt. Sie sind fettlöslich und in der Umwelt schwer abbaubar. Da-durch reichern sie sich in der Nahrungskette an und gelangen so auch in den menschlichen Körper. Im Tierversuch stören sie unter anderem die Gehirnentwicklung und zeigen hormonelle Wirksamkeit (Beeinflussung des Schilddrüsenhormonsystems).
Polybromierte Diphenylether können in der Muttermilch nachgewiesen werden. Die Konzentrationen sind dabei in Nordamerika viel höher als in Europa. In einer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung in Deutschland wurden Milchproben von 89 Müttern auf PBDE untersucht. „Nach heutigem Erkenntnisstand stellen die gefundenen Konzentrationen für gestillte Säuglinge kein Gesundheitsrisiko dar“, fassten die Experten des Instituts zusammen. Da tierische Lebensmittel eine wichtige Quelle für die Belastungen darstellen, war der Gehalt in den Proben der Nicht-Vegetarierinnen signifikant höher als bei den Vegetarierinnen. Die Aufenthaltszeiten vor dem Bildschirm – Fernseher und Computer enthalten bekanntlich Flammschutzmittel – spielten hingegen keine Rolle.

Verbot von Deca-BDE in der EU noch nicht geklärt

In der EU sind die Stoffe Penta- und Octa-BDE bereits seit mehreren Jahren verboten. Mit der festgelegten Richtlinie zur „Beschränkung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten“ wurde auch die Verwendung von Deca-BDE untersagt. Die Europäische Kommission hob das Verbot jedoch – gegen den Willen des Europäischen Parlaments – auf. Das EU-Parlament und Dänemark reichten daraufhin Klage beim Europäischen Gerichtshof gegen diese Entscheidung ein. Das Urteil des Gerichtshofes wird für das heurige Jahr erwartet.
Auch das deutsche Umweltbundesamt fordert ein Verbot für Deca-BDE, unter anderem „wegen des begründeten Verdachts auf neurotoxische Wirkungen und auf den teilweisen Abbau zu stärker toxischen, bereits verbotenen Substanzen wie Penta- oder Octa-BDE“. Es sei durch zahlreiche Studien und Beispiele aus der Praxis belegt, dass das Flammschutzmittel Deca-BDE in Elektro- und Elektronikgeräten durch weniger bedenkliche, halogenfreie Subtanzen vollständig ersetzt werden kann, betont das Umweltbundesamt.

Dr. Peter Wallner, Ärzte Woche 6/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben