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Arbeitsmedizin 28. November 2007

Das Krokodil im Swimmingpool

Die Wiener Ärztekammer gibt ein Buch über mögliche Gesundheitsrisiken der Mobiltelefonie heraus, die Mobilfunk-Industrie wehrt sich mit Gegenveranstaltungen.

Worüber wird da eigentlich gestritten – können elektromagnetische Felder denn überhaupt Zellen schädigen? Darüber sprach die Ärzte Woche mit Prof. Dr. Michael Kundi vom Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien.

Welche Pathomechanismen stehen zur Diskussion? Was machen die Mikrowellen in den Zellen?
KUNDI: Das ist eine gute Frage. Die Energiemenge solcher elektromagnetischer Felder liegt weit unter der Energie, die notwendig ist, um Moleküle zu ionisieren. Also haben wir es mit anderen Mechanismen als bei der ionisierenden Strahlung zu tun. Trotzdem scheinen die Effekte elektromagnetischer Felder denen ionisierender Strahlen im niedrigen Dosisbereich nicht unähnlich zu sein. Eine der Gemeinsamkeiten besteht darin, dass die Gabe von Radikalfängern die Effekte elektromagnetischer Felder im Zellversuch zunichte macht. Dementsprechend ergibt sich im Umkehrschluss, dass die Effekte durch freie Radikale hervorgerufen werden. Bei Untersuchungen der Universität Washington wurden Radikalfänger verwendet, was zu einer Reduktion der messbaren Feldeffekte (Chromosomenstrangbrüche bei Hirnzellen) führte. Radikalbildung spielt also sicher eine Rolle. Es dürfte sich um einen Mechanismus handeln, bei dem das elektromagnetische Feld in Wechselwirkung mit der Zellmembran tritt, wodurch bestimmte Signalmoleküle aktiviert werden und Sauerstoffradikale entstehen. Die neutralisierende Wirkung der Radikalfänger konnte an Zellkulturen wie auch in vivo an Ratten demonstriert werden.

Den Studien Mobilfunk-kritischer Wissenschaftler werden immer wieder methodische Fehler vorgeworfen – zu Recht?
KUNDI: Das ist ein Reflex der Industrie. Wann immer eine Studie erscheint, die auf mögliche Gefahren der Mobiltelefonie hinweist, finden Sie diese Einwände. Es gibt keine perfekte Studie, und methodische Einwände kann man fast immer vorbringen. Seit etwa 50 Jahren wird in der westlichen Welt in diesem Bereich geforscht. Bis in die letzten Jahre war die Forschung auf die thermische Wirkung des Feldes fokussiert, was durchaus legitim ist. Mit energiereicher Strahlung kann man Gewebe ja nicht nur erwärmen, sondern auch zerstören – siehe Mikrowellenherd.
Seit den sechziger Jahren gab es immer wieder Hinweise auf Effekte weit unterhalb jener Strahlenwerte, bei denen Temperaturerhöhung eine Rolle spielt. Diese nichtthermischen oder athermischen Effekte wurden jedoch kaum berücksichtigt, bis die Mobilfunkforschung dahingehend einen Anstoß gab.
Man muss sich klar machen, dass es noch nie ein massenhaft verbreitetes Produkt gegeben hat, welches so hohe Belastungen beim Benutzer hervorruft. Mit dem Handy-Boom verwenden nun Milliarden Menschen diese Technologie. Das macht es nötig, andere Maßstäbe in der Risikobeurteilung anzulegen.

Welche berechtigte Kritik müsste sich die Mobilfunk-Forschung tatsächlich gefallen lassen?
KUNDI: Bisher war die Forschung in diesem Bereich überwiegend defensiv. In vielen Studien wurden die seltenen Befunde eines Niedrigdosiseffektes a priori als Artefakte betrachtet – man ging von der Nichtexistenz athermischer Effekte aus. Wenn Sie mit dem Vorsatz an eine Studie herangehen, zu zeigen, dass kein Effekt nachweisbar sein wird, dann haben Sie von vornherein schlechte Karten. Solche Untersuchungen sind methodisch immer angreifbar. Jene Studien, die athermische Effekte leugnen, sind meist mit möglichst unempfindlichen Systemen durchgeführt worden. Man benutzte etwa Zellsysteme, von denen man annehmen konnte, dass sie nicht reagieren würden, und man setzte Messverfahren ein, die nicht empfindlich genug waren. Mit den Resultaten hat man dann die Literatur überflutet. Die Evidenz mit nicht effektiven Untersuchungen aufzublähen ist ein beliebter Trick der Industrie, kritische Studien sehen dann aus wie das Krokodil im Swimmingpool.

Welche Zellen sind denn besonders widerstandsfähig gegen elektromagnetische Felder?
KUNDI: Über 70 Prozent der Studien an Zellsystemen (das sind an die hundert Stück) sind mit peripheren Blutlymphozyten durchgeführt worden, Zellen, die auf Belastung mit elektromagnetischen Feldern mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ansprechen. Diese Zellen sind Weltmeister in der Reparatur und enthalten wenig Eisen und weniger Enzyme, deren Aktivierung zu einer Zunahme der Radikale führt. Eine aussagekräftige In-vitro-Studie ist nur nach Identifikation eines entsprechend empfindlichen Zellsystems möglich, wie bei der so heftig diskutierten Reflex-Studie. Die beteiligten Wissenschaftler haben zuerst untersucht, welche Zellen auf die Befeldung überhaupt reagieren. Man kann nicht irgendeine Zelllinie nehmen, die man gerade im Kühlschrank hat, und schauen, wie sie reagiert. Bei den subtilen Effekten, wie sie durch Mikrowellen niedriger Intensität hervorgerufen werden könnten, kann man grundsätzlich nicht annehmen, dass alle Zelltypen gleichermaßen reagieren. Wäre das der Fall, dann hätten wir längst keine Kontroversen mehr, denn dann hätten wir vielfach replizierte klare Ergebnisse.

Das Handy produziert ein elektromagnetisches Feld. Das menschliche Gehirn ebenso. Inwieweit ist Interaktion zwischen diesen Feldern möglich?
KUNDI: Ich bin skeptisch, ob man das Gehirn mit elektromagnetischen Feldern in seiner Funktion gezielt beeinflussen kann. Auf jeden Fall kann man es aber ungezielt beeinflussen. Eine interessante Anekdote dazu: Die Forscher der US-amerikanischen Brooke Airforce Base Laboratories leugnen athermische Effekte konsequent. Und genau diese Organisation veranstaltete eine Tagung zu den Möglichkeiten des militärischen Einsatzes athermischer Effekte. Trotzdem leugnet diese Organisation nach außen weiterhin, dass es athermische Effekte gibt. Wie man etwas militärisch nutzen kann, das es nicht gibt, gehört wohl zu den militärischen Geheimnissen.

Elektromagnetische Felder werden ja auch bezüglich therapeutischer Möglichkeiten beforscht. Ergeben sich daraus Hinweise auf die Interaktion Zelle/Feld?
KUNDI: Diesbezüglich passiert momentan in der Forschung sehr viel. Durch das Interesse der Medizintechnik-Industrie steht die Erforschung therapeutischer und diagnostischer Anwendungen finanziell wesentlich besser da als die Risikoforschung. Und auch die Forschungsergebnisse bezüglich therapeutischer Anwendungen müsste man in einer Gesamtschau zur Evidenz zählen. Denn wenn es eine biologische Beeinflussung im positiven Sinn gibt, kann man davon ausgehen, dass die Möglichkeit einer Beeinflussung auch im negativen Sinn besteht.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 48/2007

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