zur Navigation zum Inhalt
 
Arbeitsmedizin 15. Mai 2007

Von der Wunderfaser zum tödlichen Staub (Narrenturm 99)

Wäre das natürlich vorkommende feinfaserige Silikatmineral Asbest nicht gesundheitlich brandgefährlich, könnte man es eine Wunderfaser nennen.

„Asbestos“ nannten bereits die alten Griechen das Silikatmaterial, was so viel wie unauslöschlich oder unvergänglich bedeutet. Ein Material, das brandfest und hitzebeständig hervorragend isoliert, verwoben werden kann und noch dazu unempfindlich ist gegen Säuren und Laugen, hat nicht umsonst die besten Voraussetzungen, universell angewendet zu werden. Weltweit wurde Asbest verwendet zur Isolation in Kraftwerken und im Schiffsbau, bei Fassaden und Dachverkleidungen, als Brandschutz in Gebäuden, in Drahtnetzen und in Filtern, in Kupplungs- und Bremsbelegen, in feuerfesten Geweben, in Elektrogeräten, in Abwasserrohren und Blumenkästen, in Postsäcken und sogar in Gasmasken und Zahnpasten. 1965 erklärte die New Yorker Academy of Science Asbest zum „Mineral des 20. Jahrhunderts“. Seine industrielle Anwendung war in 60 Jahren um das Tausendfache gestiegen.

Unsterbliches Leinen

Asbest, heute der „killer dust“ der Industriegesellschaft, hat eine lange Geschichte. In 4.000 Jahre alten Tongefäßen konnte bereits Asbest nachgewiesen werden. Beigemengt vermutlich, um den Ton bruchsicher und feuerfester zu machen. Die Mykener verwendeten etwa 2000 v. Chr. Öllampen mit einem Docht aus Asbest. Auf wunderbare Weise saugte der Docht das Öl auf, verbrannte dabei aber nicht. Die Römer wiederum besaßen angeblich „unsterbliches Leinen“ aus Asbestfasern, und Marco Polo berichtete von feuerfesten Tüchern in China. In Europa ging das Wissen um Asbest im Mittelalter für lange Zeit verloren. Dafür blühte die Phantasie, man hielt Asbest für die Schuppen von Drachen oder die Federn des Phönix.

Material für die Ewigkeit

Die erste wirklich wichtige Anwendung der Wunderfaser erfolgte erst wieder in den 1820er Jahren. Die Fasern wurden – wie übrigens auch heute noch – zu feuerfester Kleidung für Feuerwehrleute verarbeitet. Der weltweite Siegeszug des Asbests begann aber erst mit einem Österreicher. Im Jahr 1900 erhielt Ludwig Haschek (1856-1914) das Patent für eine Beimengung von Portlandzement zur Asbestpappe. Damit gelang es ihm, die Pappe hart zu machen und zu Platten zu verarbeiten. Er nannte das neue Material Eternit – angelehnt an „aeternus“, ewig, unvergänglich. Von Vöcklabruck aus eroberten die Eternitplatten die Dächer dieser Welt. Heute gibt es kein Asbest mehr in den Dachplatten der Firma. Obwohl seit 1900 der Zusammenhang von Asbestbelastung und Lungenschädigung mehr oder weniger gut bekannt war – in diesem Jahr veröffentlichte der englische Arzt H. Montague Murray den ersten sicheren pathologischen Befund einer Asbestose – und die „Asbestose“ 1936 und der Lungenkrebs als Folge von Asbestbelastung ab 1943 als Berufskrankheit anerkannt waren, feierte man den unzerstörbaren Wunderstoff bis in die 1970er Jahre enthusiastisch und verarbeitete ihn in über 3.000 Produkten. Bei diesen sensationellen Eigenschaften des Materials war das bisschen Lungeschädigung anscheinend vernachlässigbar. Durch den enorm zunehmenden Asbestverbrauch stiegen aber auch die gesundheitlichen Schäden dramatisch an.

Späte Hinweise auf Schäden

Wegen der langen Inkubationszeit zwischen Asbestexposition und den gefährlichen, oft tödlichen Lungenveränderungen – im Durchschnitt etwa 30 bis 40 Jahre – ergaben sich erst relativ spät Hinweise auf das gewaltige Ausmaß der Gesundheitsschäden durch Asbest. Erst seit 1977 wurde mehrfach auf die enorme Gesundheitsgefährdung hingewiesen. Durch die feinfaserige Struktur des Minerals lösen sich bei der Verarbeitung kleinste Fasern ab, die dann mit der Atemluft bis in die Alveolen gelangen und die Asbestose, eine progrediente diffuse interstitielle Lungenfibrose, Lungenkarzinom oder ein Pleuramesotheliom, einen der bösartigsten Tumore überhaupt, auslösen können. Die kanzerogene Wirkung von Asbest ist seit den 1960er und 1970er Jahren in einer Vielzahl von Studien belegt. Seit einigen Jahren sterben in Deutschland – in Österreich wird es kaum anders sein – mehr Menschen durch ihre Asbesterkrankungen als durch Arbeitsunfälle. Durch die lange Latenzzeit erwarten die Arbeitsmediziner einen Höhepunkt der zumeist tödlichen Erkrankungen erst zwischen 2010 und 2020. 1979 erfolgte das erste Verbot für ein Asbestprodukt, für den so genannten Spritzasbest, der weltweit als Hitzeschutz bei Bauten in Stahlskelettbauweise eingesetzt wurde. Nicht nur finanzieller Natur sind die Probleme, die die vielen asbestverseuchten Gebäude heute den Kommunen bei der Sanierung und Entsorgung bereiten. Prominente Beispiele sind etwa die UNO-City in Wien, die gerade saniert wird, und der Palast der Republik in Berlin. Obwohl die Herstellung und Verwendung von Asbest in vielen Ländern – in Österreich seit 1990, in der EU generell seit 2005 – verboten ist, werden derzeit weltweit noch etwa zwei Millionen Tonnen Asbest – vor allem in China, Kanada und den GUS-Staaten – produziert. Die Zeitbombe Asbest tickt fröhlich weiter.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 20/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben