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In der Arbeitsmedizin besteht die „Diagnostik“ aus der Analyse von Arbeitsbedingungen, die „Therapie“ im Veranlassen von notwendigen Veränderungen.
 
Arbeitsmedizin 15. August 2013

Arbeit darf nicht krank machen

Arbeitsmedizin in Österreich.

Die Arbeitsmedizin ist das Fachgebiet der Medizin, das sich in Forschung, Lehre und Praxis mit der Untersuchung, Bewertung, Begutachtung und Beeinflussung der Wechselbeziehungen zwischen Anforderungen, Bedingungen und Organisation der Arbeit sowie dem Menschen, seiner Gesundheit, seiner Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit und seinen Krankheiten befasst.

Der Fokus der arbeitsmedizinischen Tätigkeit ist der Mensch mit seinem Arbeitsumfeld. Das Ziel der Arbeitsmedizin ist, dazu beizutragen, dass Arbeit nicht krank macht bzw. bereits bestehende Gesundheitsdefizite durch Arbeitsbelastungen nicht vergrößert werden. Dies erfolgt einerseits durch die Tätigkeit direkt im Unternehmen, andererseits durch Forschung.

Wer darf in Betrieben als Arbeitsmediziner tätig sein?

Voraussetzung für die arbeitsmedizinische Tätigkeit in Unternehmen sind das Ius practicandi und der ÖÄK-Diplomkurs Arbeitsmedizin oder die Facharztausbildung im Sonderfach Arbeitsmedizin.

Facharztausbildungsstellen gibt es in Arbeitsmedizinischen Zentren und am Arbeitsmedizinischen Institut der MedUni Wien. Die MedUni Wien ist derzeit die einzige in Österreich mit einem Lehrstuhl für Arbeitsmedizin (zum Vergleich hat Deutschland 28 Lehrstühle für Arbeitsmedizin). Die Ausbildung zum ÖÄK Diplom Arbeitsmedizin dauert drei Monate und wird von drei Akademien für Arbeitsmedizin angeboten.

Was machen Arbeitsmediziner im Betrieb?

Als Arzt haben wir in erster Linie gelernt, wie wir Krankheiten diagnostizieren und heilen können. Menschen kommen mit ihren Beschwerden zu uns und erwarten, dass der Arzt sie wieder gesund macht. Im Betrieb bezieht sich Diagnostik auf die Analyse von Arbeitsbedingungen – sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht – und ihrer Auswirkungen auf den Menschen. Arbeitsmediziner gehen deshalb aktiv zu den Menschen an ihren Arbeitsplätzen.

Die „Therapie“ besteht im Veranlassen von Veränderungen oder Problemlösungen, also in der Beratung der Vorgesetzten für Veränderungen von Arbeitsbedingungen und in der Beratung der Arbeitnehmer hinsichtlich gesünderer/sicherer Arbeitsweise. Arbeitsmediziner müssen deshalb sehr offen gegenüber auch nichtärztlichen Themen sein, was zu Beginn in diesem Fach oft schwierig ist. Je größer die Erfahrung wird und je mehr Vertrauen man sich im Unternehmen erarbeitet hat, umso erfolgreicher kann man zu Verbesserungen in der Arbeitswelt beitragen. Die grundlegenden Tätigkeiten und Aufgaben der Arbeitsmediziner sind im Arbeitnehmerschutzgesetz beschrieben.

Wer bezahlt die arbeitsmedizinische Betreuung in Unternehmen?

Betriebe größer als 50 Arbeitnehmer sind in Österreich verpflichtet, Arbeitsmediziner zu beschäftigen. Das Zeitausmaß ist abhängig von der Anzahl der Mitarbeiter. Arbeitsmediziner können über einen Direktvertrag mit dem Unternehmen oder über ein arbeitsmedizinisches Zentrum beschäftigt sein. Trotz dieser finanziellen Abhängigkeit müssen Arbeitsmediziner im Unternehmen unabhängig arbeiten können. Die ärztliche Schweigepflicht ist selbstverständlich immer einzuhalten. Kleinere Betriebe werden kostenlos von AUVA Sicher im Zuge von Begehungen einmal pro Jahr betreut.

Berufskrankheiten und arbeitsbedingte Erkrankungen

Ein wichtiger Bereich der Arbeitsmedizin ist die Verhinderung von Berufskrankheiten und arbeitsbedingten Erkrankungen. Bei Verdacht auf eine Berufskrankheit besteht Meldepflicht für jeden Arzt. Zur Prävention bzw. Früherkennung von Berufskrankheiten oder arbeitsbedingten Erkrankungen und Beschwerden führen Arbeitsmediziner spezielle Untersuchungen durch, die für die Arbeitnehmer entweder verpflichtend sein können (z. B. Untersuchung bei Exposition mit Xylol oder Schweißrauch), oder freiwillig wie Untersuchung bei regelmäßiger Nachtarbeit.

Was sind derzeit die „heißen“ Themen in der Arbeitsmedizin?

Menschen, die an einer längeren oder chronischen Krankheit leiden, haben oft große Schwierigkeiten, an ihren gewohnten Arbeitsplatz zurückzukehren. Bei der beruflichen Wiedereingliederung sind eine enge Zusammenarbeit der Betroffenen mit den Vorgesetzten, den Arbeitsmedizinern und den behandelnden Ärzten notwendig. Arbeitsmediziner sind dabei die vermittelnden Fachpersonen, die die Leistungseinschränkung aufgrund der Krankheit aus medizinischer Sicht verstehen, aber auch die Belastungen durch die Art der Arbeit aufgrund der Kenntnis des Arbeitsplatzes sehr gut einschätzen können. So kann es gemeinsam gelingen, notwendige Veränderung technisch oder organisatorisch im Betrieb oder beim Verhalten des Mitarbeiters zu erreichen.

Wir beschäftigen uns intensiv auch mit der Erfassung von psychischen Belastungen und Fehlbelastungen und mit der Entwicklung von Präventivmaßnahmen. Neue Technologien verursachen neue Belastungen, wie z. B. Nanopartikel oder Informationsüberlastungen. Die frühzeitige Erkennung von potenziellen Gesundheitsgefahren ist Aufgabe von arbeitsmedizinischer Wissenschaft und Forschung.

Die österreichische Arbeitsmedizin braucht:

  • mehr als nur einen Lehrstuhl für Arbeitsmedizin für mehr Forschung
  • arbeitsmedizinische Vorlesungen integriert im Medizinstudium aller MedUnis
  • mehr hauptberufliche Arbeitsmediziner, mehr Fachärzte
  • Offenheit von Unternehmen für die Arbeitsmedizin als Präventivmedizin

Die Österreichische Gesellschaft für Arbeitsmedizin hat ca. 600 Mitglieder. Eine wichtige Aufgabe ist die ärztliche Weiterbildung: Die ÖGA organisiert Fortbildungsveranstaltungen wie das Wiener Forum Arbeitsmedizin (3./4. 10. 2013), Lunge-Umwelt-Arbeitsmedizin (28. 2./1. 3. 2014, Linz), Jahrestagung 2014 in St. Pölten (25. 9.–27. 9. 2014).

Nähere Informationen:

www.gamed.at

Autorin:

Dr. Christine Klien ist Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin

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