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Arbeiten bis ins Alter: Eine ganzheitliche arbeitsmedizinische Betreuung soll Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Arbeitnehmern langfristig erhalten.
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Dr. Stefan A. Bayer

Präsident der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin

 
Arbeitsmedizin 8. Februar 2011

Position der Arbeitsmedizin in Unternehmen

Eine aktuelle Umfrage nimmt das Umfeld der medizinischen Betreuung in heimischen Betrieben unter die Lupe.

Um die Bedürfnisse von Arbeitnehmern und Arbeitgebern nach ganzheitlicher Gesundheitsvorsorge im Betrieb zu eruieren, beauftragte die Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin das Marktforschungsinstitut SPECTRA mit der Erhebung der „Position der Arbeitsmedizin in Unternehmen“ und präsentierte die Ergebnisse am 25. Jänner in einer Pressekonferenz. Das Ergebnis: Alle am Arbeitsprozess Beteiligten fordern eine ganzheitliche arbeitsmedizinische Betreuung.

 

Bereits im Jahr 2015 wird jeder dritte Erwerbstätige über 50 Jahre alt sein. Die Gruppe der Arbeitnehmer 50+ ist dann etwa doppelt so groß wie die Gruppe der Erwerbstätigen zwischen 20 und 29 Jahren. Die Folgen: Unternehmen werden Probleme haben, junge Fachkräfte zu rekrutieren, die älteren Beschäftigen werden der dominierende Anteil der Belegschaft sein und die Belastungen des Sozial- und Gesundheitswesens werden steigen. Jede dritte Invaliditätspension erfolgt heute aufgrund einer psychischen Erkrankung. Das sind 10.000 Menschen pro Jahr und die kosten den Steuerzahler 120 Millionen Euro. Laut einer Studie des ÖGB sind 1,5 Millionen Österreicher Burn-out-gefährdet, ohne Maßnahmen werden weiterhin Tausende die Invaliditätspension aus psychischen Gründen beantragen.

Ganzheitliche Arbeitsmedizin

Schon in den vergangenen 30 Jahren hat die „klassische“ Arbeitsmedizin dazu beigetragen, Menschen vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die Berufsarbeit zu bewahren. Arbeitsmedizin befasste sich vorrangig mit dem Einfluss von Lärm, Chemikalien oder des Hebens und Tragens von Lasten auf die körperliche Gesundheit des einzelnen arbeitenden Menschen.

Um den Anforderungen der sich entwickelnden Wirtschaft und den neuen Belastungen gerecht zu werden, steht heute der ganzheitliche Ansatz im Mittelpunkt der Arbeits- und Wirtschaftsmedizin. So schließt sie neben physischen Einflüssen auch psychosoziale Einflussfaktoren mit ein. Diese resultieren aus Führungsstrukturen, Organisation und Unternehmenskultur. Arbeits- und Wirtschaftsmedizin ist daher nicht nur Arbeitnehmerschutz im rechtlichen Sinn, sondern geht weit darüber hinaus. Sie soll ermöglichen, dass Menschen über ihr Arbeitsleben hinaus gesund und leistungsfähig bleiben. Sie ist die einzig wirksame Säule der Prävention, die über einen so langen Zeitraum wie den der Beschäftigung greift, und ist somit – mehr noch als ein sozialpolitisches – ein gesundheitspolitisches Thema.

Für die Erhebung „Position der Arbeitsmedizin in Unternehmen“ wurden je 300 Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie 140 Arbeitsmediziner befragt. Wie beurteilen Arbeitgeber und -nehmer die Leistungen der Arbeitsmedizin? Welche Aufgaben soll die Arbeitsmedizin erfüllen? Und wie stehen die Befragten zum neuen Konzept einer „ganzheitlichen arbeitsmedizinischen Betreuung“?

Hoch geschätzte Arbeitsmedizin

Die Ergebnisse der Studie: 48 Prozent der Arbeitgeber schätzen die Leistungen der Arbeitsmedizin für ihr Unternehmen als „wichtig“ bzw. „sehr wichtig“ ein. Je höher die Mitarbeiterzahl, desto höher die Wertschätzung. Bei den Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern sprechen sich 89 Prozent dafür aus, während es bei den Kleinstbetrieben mit weniger als fünf Arbeitnehmern nur 36 Prozent sind. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Dauer und Häufigkeit des Einsatzes der Arbeitsmediziner orientieren sich in Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern an der Anzahl der Arbeitnehmer, der arbeitsmedizinische Einsatz bei geringerer Mitarbeiterzahl erfolgt jedoch nur einmal jährlich oder noch seltener in Form einer Begehung. Nicht die Qualität der Betreuung führt also dazu, dass die Leistungen der Arbeits- und Wirtschaftsmedizin den Betroffenen weniger bewusst sind, sondern ausschließlich die beschränkten Ressourcen.

Arbeitnehmer schätzen die Leistungen der Arbeitsmedizin für ihr Unternehmen noch wichtiger ein als die Arbeitgeber: 68 Prozent der Arbeitnehmer beurteilen die Arbeitsmedizin als „wichtig“ bzw. „sehr wichtig“.

Knapp jeder vierte Betrieb lässt seine Mitarbeiter nicht arbeitsmedizinisch betreuen, obwohl es im Rahmen des AUVA-Sicher-Modells sogar kostenlos möglich wäre. Trotzdem schätzen nicht arbeitsmedizinisch betreute Arbeitnehmer den Wert der Arbeitsmedizin zu 60 Prozent als „hoch“ bzw. „sehr hoch“ ein.

Die Frage „Wie zufrieden sind Sie mit der arbeitsmedizinischen Betreuung, die Ihr Unternehmen erhält?“ beantworten 71 Prozent der Arbeitgeber mit „zufrieden“ bzw. „sehr zufrieden“. Analog dazu wurden die Arbeitnehmer nach ihren Erfahrungen mit dem Arbeitsmediziner befragt: 80 Prozent der Arbeitnehmer bezeichnen diese als „positiv“ bzw. „sehr positiv“.

Von den Arbeitsmedizinern selbst berichten 73 Prozent, dass sie „zufrieden“ bzw. „sehr zufrieden“ mit den Erfolgen ihrer arbeitsmedizinischen Tätigkeit in den Unternehmen sind.

Resümee: Das Bewusstsein um die Notwendigkeit und die positiven Auswirkungen der Arbeitsmedizin für das Unternehmen ist umso ausgeprägter, je intensiver die arbeitsmedizinische Versorgung erfolgt.

Welche Aufgaben soll die Arbeitsmedizin erfüllen?

Eine zentrale Frage der Erhebung war, welche Aufgaben die Arbeits- und Wirtschaftsmedizin für die Unternehmen erfüllen soll. Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Arbeitsmediziner sehen die gleichen Aufgabenstellungen an vorderster Stelle der arbeitsmedizinischen Betreuung, und zwar:

  • Aufzeigen körperlicher Belastungen,
  • Aufnahme von Arbeitsunfällen,
  • Mithilfe bei Planung und Gestaltung der Arbeitsplätze,
  • Aufzeigen psychischer Belastungen,
  • Aufzeigen von Belastungen, die zum Burn-out führen,
  • Hilfe bei Alkohol- und Drogenproblemen.

Bemerkenswert ist, dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber aus Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern dafür eintreten, dass Fragen von psychischen Belastungen bzw. Gründen, die in weiterer Folge zu Burn-out führen, in die Kompetenz des Arbeits- und Wirtschaftsmediziners gehören. Das heißt, es besteht der ausdrückliche Wunsch, dass der Arbeits- und Wirtschaftsmediziner sich präventiv mit psychosozialen Belastungen im Unternehmen befasst.

Forderungen

Der Arbeits- und Wirtschaftsmediziner sollte erster Ansprechpartner in allen Fragen zur Prävention körperlicher und psychosozialer Belastungen und Schnittstelle zu anderen Experten (Fachärzte, Psychotherapeuten etc.) sein. Die Hälfte aller heimischen Erwerbstätigen arbeitet in Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitern. Diese erhalten eine arbeitsmedizinische Basisversorgung durch das „AUVA-Sicher“-Modell: Einmal jährlich erfolgt eine Begehung durch den Arbeitsmediziner in Betrieben zwischen zehn und 49 Mitarbeitern (in Betrieben unter zehn Mitarbeitern nur jedes zweite Jahr). Vergleicht man diese Werte mit der Betreuung in größeren Betrieben, so entspricht dies pro Arbeitnehmer lediglich einem Drittel jener Einsatzzeiten, die Arbeitnehmern in größeren Betrieben zur Verfügung stehen.

Die Möglichkeit, „anlassbezogen und auf Betreuungsschein“ einen niedergelassenen Arbeits- und Wirtschaftsmediziner beizuziehen bzw. aufzusuchen, würde vor allem für die – derzeit nicht betreuten – 220.000 Einzelpersonenunternehmen (EPUs) die Möglichkeit für Präventionsmaßnahmen eröffnen und zur Erhaltung der Arbeitsfähigkeit beitragen. Auch Unternehmer (400.000 in Österreich) sind neben hohem Arbeitsdruck mitunter auch psychischen Belastungen ausgesetzt.

Außerdem fordert die Akademie für Arbeitsmedizin eine intensivere arbeitsmedizinische Ausbildung während des Medizinstudiums (derzeit 4.000 Unterrichtsstunden, davon neun Stunden Arbeitsmedizin). So sollten vor allem Ärzte für Allgemeinmedizin bereits in ihrer Ausbildung arbeitsmedizinische Grundkenntnisse erlangen.

 

Seit 2004 bietet die Akademie für Arbeitsmedizin, Klosterneuburg, als einzige europäische Ausbildungsstätte den Universitätslehrgang „Arbeits- Wirtschaftsmedizin“ als Zusatzausbildung für Arbeitsmediziner an. Das Curriculum wurde auf die Forderung nach Gesundheits- und Leistungserhaltung bzw. Gesundheits- und Leistungsförderung und somit ganzheitlicher arbeitsmedizinischer Betreuung im Betrieb abgestimmt.

Von Dr. Stefan A. Bayer, Ärzte Woche 6 /2011

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