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Arbeit kann Spaß machen, befriedigend sein und sichert das Einkommen - dann trägt sie zur Gesundheit bei. Durch steigenden Druck und zu hohes Arbeitspensum kann sie aber auch zu übermäßigen psychischen Belastungen führen.
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Dr. Stefan A. Bayer Präsident der österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin

 
Arbeitsmedizin 17. August 2010

Prävention vor Therapie

Die Forderung nach Therapie in Unternehmen geht am Problem vorbei.

Arbeitsmediziner kennen die Krankheitsbilder und Probleme, die am Arbeitsplatz entstehen, aus ihrer täglichen Praxis. Sie sind die Fachleute der Prävention und können vor allem durch betriebliche Gesundheitsförderung, aber auch durch Schulungen und Vorträge zu psychischen Problemen am Arbeitsplatz informieren, Vorgesetzte sensibilisieren und Mitarbeiter – wenn nötig – zu Therapien motivieren.

 

Am Dienstag voriger Woche forderte Ulla Konrad vom Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen auf Grund der Zunahme der psychischen Erkrankungen eine Behandlung auf Krankenschein. Das Dilemma unseres Gesundheitssystems ist um eine Facette reicher: Wir versuchen mehr Therapien zu installieren statt mehr Prävention anzubieten. Das ganze kommt einem so vor wie das derzeitige Thema „ältere Arbeitnehmer“. Wenn man nicht bei den jungen Arbeitnehmern ansetzt, die auch einmal zu den Älteren gehören werden, wird man das ganze Problem des länger Arbeitens, des gesund Länger-im-Berufsleben-Stehens, nie in den Griff bekommen.

Auch Minister Alois Stöger diplomé hat kürzlich im ORF-Interview wörtlich gemeint, dass psychologische Behandlung im Unternehmen ansetzt. Seit wann ist die Behandlung Aufgabe des Unternehmers und nicht der Sozialversicherung? Seit Jahren bemüht sich die Arbeitsmedizin, betriebliche Gesundheitsförderung in den Unternehmen als Prävention zu etablieren, denn wir trennen deutlich präventive Ansätze von kurativen Ansätzen.

Zu viele Frühpensionierungen

Psychische Erkrankungen sind im Vormarsch – keine Frage. Krankenstände und Pensionierungen wegen psychischer Probleme steigen stark an. Alarmierend sind auch die Zahlen gerade bei den Frühpensionierungen. Bei angestellten Frauen sorgen psychische Erkrankungen bereits für über 29 Prozent aller Frühpensionierungen, bei Männern 18,3 Prozent. Schon jede dritte Invaliditätspension wird wegen psychischer Erkrankungen zuerkannt.

Aber auch unter den noch aktiven Arbeitnehmern sind seelische Erkrankungen im Vormarsch. Burn-out und Depressionen unter aktiven Arbeitnehmern werden immer häufiger. Die Krankenstandstage wegen psychischer Probleme nehmen stark zu – zweieinhalb Millionen Fehltage durch psychische Probleme waren es im Vorjahr.

Überwiegend betreffen die psychisch bedingten Krankenstände Angestellte, aber auch bei den Arbeitern steigen die Zahlen. Die jährlichen Krankenstandsfälle wegen psychischer Krankheiten nahmen in Österreich zwischen 1995 und 2008 von 35.000 auf über 66.000 Fälle zu (plus 89 Prozent), die Krankenstandstage stiegen im gleichen Zeitraum um 103 Prozent. Die durchschnittliche Krankenstandsdauer aufgrund psychischer Krankheiten beträgt 33 Tage, ein „normaler Krankenstand“ dauert im Durchschnitt lediglich elf Tage.

Angstlöser als Nothelfer?

Ein weiteres Indiz für die steigende Problematik: Der Medikamentenverbrauch beträgt 5,3 Millionen Packungen Psychopharmaka allein gegen Depressionen und Angstzustände (2008). Auch die Spitäler verzeichnen eine Zunahme an Fällen: 2008 gab es in den Krankenanstalten 140.000 stationäre Aufnahmen wegen psychischer Probleme, das sind fünf Prozent der gesamten stationären Aufnahmen.

Das sind abgesehen vom persönlichen Leid des Einzelnen und Kosten für die Volkswirtschaft auch Kosten für die Unternehmen. Denn nicht nur die Fehlzeiten schlagen sich zu Buche. Innere Kündigung, reduzierte Leistungsfähigkeit, niedrige Innovationsbereitschaft sowie hohe Fehlerquoten und mehr Arbeitsunfälle sind die logische Folge.

Ausdruck der Überforderung

Die Ursachen für den Anstieg an psychischen Erkrankungen sind vielfältig. Neben Faktoren im privaten Umfeld sind Arbeitsverdichtung und enge Zeitvorgaben für Spannungen und Überforderung am Arbeitsplatz verantwortlich. In Zeiten der Krise kommen die Arbeitsplatzunsicherheit sowie ein ständiger Anpassungsdruck an neue Bedingungen dazu. Aber auch Unterforderung und Monotonie kann zu psychischen Problemen führen, ebenso wie das Gefühl des „Nicht-mehr-gebraucht-Werdens“.

Psychische Beanspruchungen, können resultieren aus:

  • der Arbeitsaufgabe (z.B. Zeit- und Termindruck, Entscheidungsanforderungenohne ausreichende Informationsgrundlage)
  • den Umgebungsbedingungen (z.B. Lärm, mangelhafte ergonomische Verhältnisse, Gefahren)
  • der betrieblichen Organisation (z.B. strukturelle Veränderungen, unklare Kompetenzregelungen) und
  • sozialen Verhältnissen (konflikthafte Arbeitsbeziehungen zu Vorgesetzen und Kollegen, schlechtes Betriebsklima).

 

Die Arbeitswelt ist in einem dramatischen Umbruch begriffen. Die Arbeitskraft ist das Teuerste, das der Betrieb hat. Die Unternehmen stellen sich darauf mit dem Abbau von Arbeitsplätzen ein.

Stillschweigen bewahren

Über psychische Probleme zu sprechen, ist weder für Arbeitnehmer noch für ihre Vorgesetzten eine Selbstverständlichkeit. Arbeitgeber sind dabei oft überfordert und verdrängen dieses Thema. Die Führungspersonen befürchten, keine Lösung anbieten zu können, oder betrachten psychische Probleme schlicht als Privatangelegenheit – so lange die Leistung stimmt. Die Arbeitnehmer ihrerseits schämen sich, über ihre Ängste und Verzweiflung zu sprechen, oder bangen um ihren Arbeitsplatz. Vorgesetzte sollen keine Therapeuten sein. Eine Führungskraft tut freilich gut daran, sich für die Mitarbeiter zu interessieren. Im Falle psychischer Probleme bedeutet dies vorerst, solche überhaupt zu erkennen.

Unterstützung wirkt

Wenn Führungskräfte ihre Mitarbeiter bei der Arbeit sozial unterstützen, sinkt das Burnout-Risiko in den Unternehmen erheblich. Beenden oder unterbrechen die Vorgesetzten ihre Unterstützung jedoch, steigen die durch Burnout bedingten Ausfälle in der Belegschaft rasch wieder auf den vorherigen Stand. Dies zeigt erstmals eine Langzeitstudie des Schweizer Instituts „sciencetransfer“ in Zusammenarbeit mit der deutschen Bertelsmann Stiftung. Bereits eine um 20 Prozent intensivere Unterstützung seitens der Führungskräfte führt zu zehn Prozent weniger burnoutbedingten Erkrankungen. Ein derartiger Wert gilt arbeitsmedizinisch als deutliche Verbesserung. Hier spricht man auch von sozialer Kompetenz, die Führungskräfte haben sollten.

Fokus der Ausbildung auf Arbeitspsychologie

Auch wenn interne oder externe Hilfe beigezogen werden kann: Psychische Probleme am Arbeitsplatz sind meist zuerst für die direkten Vorgesetzten sichtbar. Besonders wichtig ist es aber auch zu merken, wann der Vorgesetzte selbst Unterstützung braucht. Die Arbeitsmedizin hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Arbeitsplätze sicherer gemacht.

Doch Gesundheitsbelastung im Beruf und die Herausforderungen an die Experten ändern sich rasch. Darauf hat auch die Ausbildung an der österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin reagiert. Arbeitspsychologie hat heute eine großen Stellenwert in der Ausbildung. Fortbildungen zu diesem Thema werden ebenso regelmäßig angeboten, denn auch die Kenntnis von Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen wird in den nächsten Jahrzehnten weiter an Bedeutung gewinnen.

Ebenso wird in der Ausbildung großer Wert auf das Thema Wiedereingliederung gelegt. Denn was nützt die beste Therapie, wenn der Arbeitnehmer danach wieder in das gleiche Umfeld kommt, das ihn krank gemacht hat. Arbeitsmediziner erlernen dabei die notwendigen methodischen Ansätze im Sinne von Moderation oder Ermittlung von psychischen Belastungsfaktoren.

Arbeitsmediziner: Berater statt Therapeuten
Arbeitsmediziner beschäftigen sich mit psychologischen Faktoren arbeitender Menschen durch Organisationsdiagnostik, Arbeitsanalysen, Umgang mit arbeitsbedingten Belastungen und Erkrankungen, psychologische Arbeitsunfallanalyse, Fehlzeitanalysen, Burnout, Mobbing, Stress, Sucht im betrieblichen Kontext. Ihre Aufgabe ist aber auch vor allem, die Arbeitsorganisation zu durchleuchten und Verbesserungen in Aussicht zu stellen. Der Arbeitsmediziner steht nicht an, im interdisziplinären Umfeld auch Fachleute anderer Disziplinen zur Problemlösung heranzuziehen. Jedoch: Der Unternehmer möchte keinen Therapeuten im Betrieb, sondern einen fachlich versierten Berater. Gerade deswegen sollte der Prävention gegenüber der Therapie der Vorzug gegeben werden.

Von Dr. Stefan A. Bayer, Ärzte Woche 29 /2010

  • Frau Mag. Sandra Rädler, 24.08.2010 um 13:51:

    „Ich bin völlig Ihrer Meinung, dass man präventiv handeln sollte, um so die psychischen Belastungen im Arbeitsalltag zu reduzieren.

    Allerdings stellt sich für mich die Frage, warum hier die Arbeitsmedizin tätig werden sollte und nicht die Arbeitspsychologie. Die ArbeitspsychologInnen sind in diesem Bereich sicher besser ausgebildet als ArbeitsmedizinerInnen und somit die Experten in diesem Bereich. Außerdem können ArbeitspsychologInnen auch im Rahmen der Prävention eingesetzt werden.“

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