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Arbeitsmedizin 3. Juli 2008

Arbeit macht krank (Narrenturm 150)

Die Leiden der einfachen Arbeiter, Zimmerleute, Gerber und Bergmänner gelangten erst recht spät in das Bewusstsein der Ärzte. Bereits im alten Ägypten waren die Staublungenerkrankungen der Steinmetze bekannt, und auch Hippokrates (460–377 v. Chr.) betonte, dass bei der Erhebung der Krankengeschichte genau auf allfälligen beruflichen Einfluss zu achten sei. Arbeit war dazumal aber vor allem Angelegenheit der Sklaven und niedrigen Klassen. Ein Zusammenhang zwischen bestimmten Krankheiten mit Beruf oder Gewerbe war lange Zeit den Ärzten – die ja üblicherweise der gebildeten Klasse angehörten – nur wenig bekannt. Erst durch die wieder entdeckte Naturwissenschaft in der Renaissance interessierten sich auch die gelehrten Doktoren vermehrt für die Zusammenhänge zwischen Arbeit und Krankheit.

 Berufsdermatosen
Moulagen von Gewerbeekzemen und beruflichen Stigmata im Narrenturm.

Foto: Nanut/Regal

Paracelsus (1491–1714) war der Erste, der sich in seinem Buch Von den Bergkrankheiten mit den Erkrankungen zumindest eines Berufsstandes beschäftigte. „Bergkrankheiten“ waren für ihn alle Krankheitsformen, welche die „Ertzleut, Schmelzer, Knappen, Silberbrenner und andere so im Metallischen Fewer arbeiten, Glaser, Goldschmide, Müntzer und Alchimisten“ zeigen. Auch Hautveränderungen durch Salzgemische beschrieb er in diesem Buch und meinte außerdem, „dass von diesen Kranckheiten bey den alten Scribenten nichts gefunden wird“. Auch Georg Agricola (1490–1550) erwähnte unter den „malis et morbis metallicorum“ die „Bergsucht“ genannte Arsen-, Blei- und Quecksilbervergiftung sowie Geschwüre durch Zinkhydroxid, die sich bis auf den Knochen fressen.

Die ersten Arbeitsmediziner

Der Erste, der eine für die damaligen Verhältnisse weitgehend erschöpfende Darstellung von Berufs- und Erwerbskrankheiten zusammenstellte, war der Italiener Bernardino Ramazzini (1633–1714). Er wies auch prophetisch darauf hin, dass es „Pflicht der Ars medica sei, durch spezielle Studien, welche bisher ganz vernachlässigt worden seien, dazu beizutragen, dass für die Gesundheit der Arbeiter Vorsorge getroffen werden müsse und dieselben in den Stand gesetzt werden, ohne Schädigung und Gefahren für ihren Körper ihren Beruf ausüben zu können.“ Sein Buch De morbis artificum diatriba (Abhandlung von den Krankheiten der Künstler und Handwerker) erschien im Jahr 1700. Es war das erste Werk der gewerbehygienischen Literatur. Hier stellte Ramazzini die wichtigsten Krankheiten von 40 Berufsgruppen dar. So erklärte er etwa die Entstehung von „Varikositäten“ durch die mangelnde Fortbewegung des venösen Blutes bei Berufen mit vorwiegend stehender Lebensweise. Dazu zählten damals v.a. Zimmerleute, Maurer, aber auch Bildhauer. Kurios die Erklärung für die Varikositas mit Unterschenkelgeschwüren bei den römischen Orakelpriestern: Ihr Amt erforderte es, bei der Erforschung der Eingeweide der Opfertiere lange zu stehen. Hier beruft er sich auf den römischen Satiriker Juvenal (etwa 60–130 n. Chr.), der in seiner Satire VI schrieb: „Varicosus fiet haruspex“, übersetzt: „Eine Geschwulst am Fusse bekommt der Opferschauer“. Ramazzini gilt heute als Wegbereiter der Gewerbehygiene und Sozialmedizin.

Die Wiener Haut wurde besonders strapaziert

Englische und französische Dermatologen wiesen bereits im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts auf Zusammenhänge von verschiedenen Gewerbearten mit der Entstehung von Hautkrankheiten hin und konnten so neue Beobachtungen den von Ramazzini gesammelten hinzufügen. Mit der (verzögerten) Entwicklung Wiens zur Industriestadt nahmen naturgemäß unter den Arbeitern und Gewerbetreibenden die Berufskrankheiten zu. Schon Ferdinand Hebra und Moritz Kaposi zählten in ihren Lehrbüchern zahlreiche Berufe, aber auch chemische Substanzen auf, die zu Ekzemen führen können. Durch Statistiken, die von den neu gegründeten Krankenkassen erarbeitet wurden, stellte sich am Ende des 19. Jahrhunderts heraus, dass damals die Berufskrankheiten der Haut die Hälfte der gesamten Berufskrankheiten ausmachten. Daher wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Erforschung der beruflichen Hautkrankheiten zu einer der Hauptdomänen der Wiener Dermatologie.
Gustostückerl der gewerbehygienischen Objekte im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum sind natürlich die zahlreichen Moulagen von Gewerbeekzemen, beruflichen Stigmata – wie etwa artbeitscharakteristische Schwielenbildungen oder Verfärbungen an den Händen –, Verätzungen, Verbrennungen und beruflichen Toxikodermien. Die Moulagen stammen fast durchwegs aus der seit etwa 1890 bestehenden Moulagierwerkstätte – später dann „Atelier für Moulagen“ – im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Hier schuf der geniale Arztkünstler Karl Henning (1860–1917) Moulagen, nicht nur von Hautkrankheiten, die wegen ihrer medizinischen Exaktheit und künstlerischen Qualität in alle Welt verkauft wurden und den Ruhm der Wiener Moulagierkunst begründeten. Die naturgetreuen Darstellungen erinnern teilweise an Hautkrankheiten, die heute häufig mit entsprechenden Medikamenten leicht beherrscht werden können. Darüber hinaus stellen sie Hautkrankheiten und Berufe dar, die es gar nicht mehr gibt. Sie erinnern aber auch an das Leid der Patienten, denen die Ärzte damals oft nur unzureichend helfen konnten.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 27/2008

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