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© ViktorCap / Getty Images / iStock
Sport und Medikamente sind die beste Wahl zur Prävention nach einem Insult.
 
Angiologie 20. Februar 2017

Nach Insult Sport treiben

Gefäßschutz. Bewegung scheint die wirksamste Medizin nach einem stenosebedingten Schlaganfall oder nach einer TIA zu sein: Erneute vaskuläre Verschlüsse treten bei trägen Patienten fünfmal häufiger auf als bei körperlich aktiven. Hoher Blutdruck ist weit weniger relevant.

Werden kardiovaskuläre Risikofaktoren bei Patienten mit gravierenden Stenosen in großen intrakraniellen Gefäßen aggressiv angegangen, kann das den Allermeisten erneute vaskuläre Ereignisse ersparen. Ein Stent in den Hirngefäßen ist dagegen komplett überflüssig. Mehr noch: Die Stentimplantation verdreifacht das Rezidivrisiko. Das geht jedenfalls aus der vor einigen Jahren publizierten Studie SAMMPRIS hervor. Forscher um Dr. Tanya Turan der Universität in Charleston, USA, wollten genauer wissen, welche der einzelnen Interventionen in SAMMPRIS am meisten brachte. Nach ihren Resultaten scheint selbst moderate körperliche Aktivität weit mehr zu nützen als der beste Blutdrucksenker (Neurology 2017; 88: 379).

Aggressive Therapie nach Ereignis

In SAMMPRIS wurden bis zum vorzeitigen Abbruch der Studie 451 Patienten aufgenommen. Alle hatten zuvor eine TIA oder einen leichten, nicht behindernden ischämischen Insult erlitten, wobei als Ursache eine Stenose von 70 bis 99 Prozent in einer intrakraniellen Arterie festgestellt worden war. Alle wurden auf eine aggressive medikamentöse Therapie aus dualer Plättchenhemmung mit ASS plus Clopidogrel, Blutdrucksenkung und Lipidsenkung eingestellt. Der systolische Druck sollte dabei unter 140 mmHg liegen, bei Diabetikern unter 130 mmHg. Für das LDL-Cholesterin war ein Zielwert von weniger als 70 mg/dl vorgesehen.

Ferner wurde eine Lebensstiländerung angestrebt. Die Ärzte legten den Patienten eine gesunde Ernährung, den Raucher-Abstinenz und mehr Bewegung nahe. Regelmäßige Treffen mit einem Gesundheitscoach sollten möglichst viele Teilnehmer zu einem gesundheitsbewussten Verhalten animieren, auch wurde der Erfolg der Maßnahmen fortwährend dokumentiert. Dies machte sich das Team um Turan für ihre Auswertung zunutze.

Rund die Hälfte der Patienten erhielt zusätzlich eine perkutane transluminale Angioplastie samt Stent (PTAS). Diese wurden in der aktuellen Analyse jedoch nicht berücksichtigt, vielmehr beschränkten sich die Ärzte auf die 227 Patienten mit ausschließlich medikamentöser Therapie und Lebensstilintervention.

Zielwerte im Blick

Die Patienten wurden über drei Jahre hinweg untersucht und befragt. Bei der körperlichen Aktivität verlangten die Ärzte lediglich, dass sich die Teilnehmer überhaupt regelmäßig bewegten, also mindestens fünfmal die Woche zehn Minuten radelten oder zügig gingen. Insgesamt erlitten 49 Teilnehmer (22 %) im Laufe von drei Jahren ein erneutes vaskuläres Ereignis, darunter befanden sich 32 Patienten mit einem ischämischen Schlaganfall.

Die Forscher um Turan berechneten nun die Ereignisrate bei Patienten, die den jeweiligen Zielwert über die drei Jahre gemittelt erreicht, und solchen, die ihn verfehlt hatten. So lagen etwa drei Viertel der Patienten mit dem systolischen Blutdruck nicht im Zielbereich. Bei diesen Patienten war die Rate für vaskuläre Ereignisse signifikant um das Doppelte erhöht. Vier von fünf Patienten verfehlten den Zielwert für körperliche Aktivität. Sie erlitten gar 5,4-fach häufiger einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder vaskulär bedingten Tod als Teilnehmer, die sich regelmäßig wenigstens ein bisschen bewegten.Bei allen anderen Risikofaktoren, also etwa Rauchen, BMI, LDL oder HbA1c gab es keine signifikanten Unterschiede: Ob die Patienten den jeweiligen Zielwert erreichten oder nicht, hatte keinen signifikanten Einfluss auf die vaskuläre Ereignisrate.

Noch drastischer war das Ergebnis bezogen auf ischämische Schlaganfälle: Hier stellten die Ärzte um Turan eine fast siebenfach erhöhte Rate bei den körperlich trägen Teilnehmern fest. Anders ausgedrückt: Unter den wenigen körperlich Aktiven gab es praktisch keine Schlaganfälle. Körperliche Aktivität war hier der einzige Faktor, für den sich beim Zielwert ein signifikanter Effekt auf die Schlaganfallrate nachweisen ließ.

Fünfmal 30 Minuten pro Woche

Nun sind die körperlich Aktiven auch häufig diejenigen mit dem niedrigsten Blutdruck, den niedrigsten Cholesterinspiegeln und dem günstigsten BMI. Wird all dies berücksichtigt, so müsste das Risiko für ein vaskuläres Ereignis um 40 Prozent und für einen ischämischen Schlaganfall um 50 Prozent zurückgehen, sobald sich jemand nur regelmäßig etwas körperlich bewegt – unabhängig von allen anderen Risikofaktoren.

Bei mindestens fünfmal 30 Minuten körperlicher Aktivität pro Woche geht das Dreijahresrisiko für ein vaskuläres Ereignis nach den Berechnungen von Turan und Mitarbeitern praktisch gegen Null. Stenosepatienten, die nicht im Traum daran denken, sich zu bewegen, müssen hingegen mit einem 60-prozentigen Risiko rechnen.

„Der Griff zu den Turnschuhen ist wohl ebenso wichtig wie der zu den Tabletten“, schreibt Dr. Seemant Chaturvedi von der Universität in Miami in einem Editorial zur Publikation (Neurology 2017; 88: 342). Der Neurologe weist jedoch auf ein großes Manko der Studie hin: Die Zahl der analysierten Teilnehmer war recht klein, die der Patienten mit erreichten Zielwerten noch kleiner.

Anhand einstelliger Herzinfarkt- und Schlaganfall-Ereignisse in diesen Untergruppen lassen sich nur schwerlich belastbare Unterschiede berechnen. Auch wurde die körperliche Aktivität lediglich per Fragebogen erfasst. Immerhin darf man annehmen, dass die Teilnehmer hier eher ein zu positives Bild von sich gezeichnet haben. Körperliche Aktivität hätte dann wohl noch eine größer Relevanz.

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