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Foto: ©iStockphoto.com/Eraxion
Frauen haben nach allgemeiner Meinung weniger durch Atherosklerose verursachte Erkrankungen als Männer. Diese teilweise falsche Annahme kann dazu führen, dass Pathologien besonders bei Frauen unterdiagnostiziert werden. Ein veränderter Lebensstil schädigt
 
Angiologie 3. Dezember 2010

Verlust des natürlichen Schutzes

Gefäßerkrankungen nehmen dramatisch zu. Neue Ursachen bei Frauen sind Zigarettenkonsum in Kombination mit der Einnahme der Pille oder einer Hormonersatztherapie.

Mehr als 1,5 Millionen Österreicherinnen und Österreicher leiden an Gefäßerkrankungen, die von Krampfadern im leichtesten Fall bis zu Thrombosen, Herzinfarkt und Schlaganfall im schwerwiegendsten Fall reichen. Diese Zahl wird sich in den nächsten Jahren verdoppeln. Dabei ist ein Trend schon jetzt erkennbar – der Konsum von Zigaretten in Kombination mit Einnahme der Pille schädigt bereits die Gefäße sehr junger Frauen, die in der Folge immer häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall, verursacht durch Blutgerinnsel, erleiden.

 

Sind derzeit noch viel häufiger Männer von Erkrankungen der Arterien betroffen, werden es zukünftig vermehrt auch Frauen sein. Bisher waren es vorwiegend Frauen ab sechzig Jahren. Jüngere Frauen sind durch den Effekt der weiblichen Hormone geschützter und auch durch eine meist gesündere Lebensweise. Diese Vorteile könnten in den nächsten Jahren aber möglicherweise durch eine geänderte soziale Rolle der Frau seit den letzten drei bis vier Jahrzehnten verschwinden.

Immer mehr junge Frauen greifen zur Zigarette

„In den letzten Jahren ist eine zunehmende Akzeptanz des Rauchens bei Frauen zu beobachten. Mittlerweile greifen mehr Mädchen und junge Frauen zur Zigarette als junge Männer. Zusätzlich ist der Vorteil des natürlichen Hormonschutzes durch die Einnahme der Pille und durch die spätere Hormonersatztherapie bei älteren Frauen verloren gegangen“, so Doz. Dr. Afshin Assadian, Vorstand der Gefäßchirurgie des Wilhelminenspitals im Rahmen der 10. Wiener Gefäßgespräche, eines internationalen Kongresses in Wien.

„Unmittelbarer Effekt ist, dass schon junge Frauen einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleiden – zumeist Raucherinnen mit Hormontherapie. Ausgelöst werden die Schlaganfälle und Herzinfarkte generell durch Blutgerinnsel“, erklärte Afshin Assadian weiter.

Thrombosegefahr bei Raucherinnen stärker

Auch bei Thrombosen des venösen Systems sind rauchende, Hormone einnehmende Frauen Spitzenreiter. Diese Erkrankung kann im schlimmsten Fall durch Lungenembolien zum Tod führen. Bei leichteren Fällen kann es zu dauerhaften Ödemen und Verfärbung des betroffenen Beines kommen, was die Lebensqualität der Frauen massiv reduziert.

Die Langzeiteffekte durch die veränderte Lebensweise und Hormonausstattung von Frauen werden sich in den nächsten Jahren in Form einer höheren Anzahl an Herzinfarkten, Schlaganfällen und Aneurysmaerkrankungen bemerkbar machen.

Frauen sterben häufiger am Schlaganfall als Männer

Neueste Daten aus dem österreichischen Schlaganfallregister zeigen, dass Frauen – ähnlich wie bei Herzinfarkten – bei Auftreten von Symptomen eines Schlaganfalles später den Arzt aufsuchen als Männer. Die Ursachen sind einerseits in der ausgeprägteren sozialen Verantwortung der Frau zu suchen, die sie oft viel später zum Arzt gehen lässt als notwendig wäre, andererseits sind die Beschwerden häufig „atypisch“, also den üblichen, bei Männern zu beobachtenden Symptomen nicht entsprechend. „Frauen denken zuallererst an die Versorgung ihrer Familie, bevor sie an sich selbst denken. So kommt es durch die später, nicht selten zu spät eingeleitete Behandlung zu schweren Behinderungen und Todesfällen, die aber vermeidbar wären“, so Prof. Dr. Susanne Horner, Neurologin aus Graz.

Auch wird bei Frauen eine invasive Diagnostik und Therapie in Form von bildgebenden Verfahren wie CT, Magnetresonanz und Ultraschall sowie Katheteruntersuchungen und Operation seltener angewandt. Dies liegt jedoch nicht an einer Benachteiligung weiblicher Patienten, sondern am höheren Durchschnittsalter und dem fortgeschritteneren Erkrankungsstadium zum Zeitpunkt des Krankenhausbesuches. Dies bedeutet auch, dass dadurch in vielen Fällen die Frauen den Vorteil von Stroke Units nicht mehr nutzen können.

Carotis als Ursache von Schlaganfällen

Eine wichtige Schlaganfallprävention ist die Diagnose und Behandlung von Carotisstenosen, die zu mehr als 15 Prozent Ursache von Schlaganfällen sind. „Die Operation der Carotis ist, wie durch viele Studien bewiesen, die beste Behandlung zur Vermeidung eines weiteren Schlaganfalles“, so Assadian. An großen Zentren wie an der Gefäßchirurgie des Wilhelminenspitals Wien wird die Operation schonend in „lokaler Betäubung“ durchgeführt. „Dabei wird die Einengung ausgeschält und das Gefäß wieder durchgängig gemacht. Alternativ kann auch eine Dehnung mit Stent durchgeführt werden“, so Assadian.

Höheres Risiko für Frauen mit Aortenaneurysmen

Von Aortenaneurysmen, vorwiegend der Bauch- und Brustschlagader, sind Frauen anders betroffen als Männer. Ab einem Durchmesser von mehr als fünf Zentimetern im weitesten Bereich des Gefäßes ist die Notwendigkeit zur Behandlung gegeben, da das Rupturrisiko und somit die Gefahr inneren Verblutens (in achtzig Prozent endet eine Ruptur letal) das operative Risiko bei Weitem übersteigt. Dieser Wert gilt jedoch nur für Männer als unterer Grenzwert. Frauen haben bei einem ähnlichen Durchmesser der Schlagader ein vierfach erhöhtes Risiko, am Aneurysma zu versterben.

„Einfache Ultraschalluntersuchungen können eine Ausweitung der Bauchschlagader aufzeigen. Wenn eine Ultraschalluntersuchung einen Durchmesser von über vier Zentimetern ergibt, ist das Aufsuchen einer Gefäßchirurgie sinnvoll, da eine geplante Behandlung den Tod durch inneres Verbluten verhindern kann“, rät Assadian. Aneurysmascreening bei Patientinnen und Patienten über 65 Jahren, die in ihrem Leben geraucht haben, helfen unnötige Todesopfer zu vermeiden.

Durch neue, katheterbasierte schonende Maßnahmen können immer mehr Patientinnen und Patienten mit Stents versorgt werden. Gleichzeitig ist die Erfolgsrate der offenen Operation durch moderne Anästhesieverfahren höher und besser geworden. „Bei der Operation wird das kranke Gefäß durch eine Kunststoffprothese ersetzt. Der Vorteil der Operation gegenüber dem Stent ist die deutlich längere Haltbarkeit. Weiters müssen keine regelmäßigen CT-Kontrollen durchgeführt werden.

 

Gefäßerkrankungen oft Ursache für Frauenleiden

 

Gefäßerkrankungen können auch Schmerzen verursachen. Ein weitverbreitetes Leiden unter Frauen ist beispielsweise das Myom. Dieses kann unbehandelt zu Schmerzen und Unfruchtbarkeit führen. „Früher wurden Frauen einfach hysterektomiert oder eine Totaloperation durchgeführt. Heute gelingt es in vielen Fällen, durch einen endovasculären (katheterbasierten) Eingriff die Blutversorgung des Myoms gezielt zu unterbinden und dadurch eine Rückbildung der Gewebewucherung herbeizuführen.

Ein Paradebeispiel für Schmerzen im Genitalbereich ist das Pelvic Congestion Syndrom, das mit massiven Schmerzen z.B. auch beim Geschlechtsverkehr einhergehen kann. „Wir wissen heute, dass die eigentliche Ursache eine Klappeninsuffizienz der Vena Ovarica ist. Nach Verödung des betroffenen Gefäßes sind die Patientinnen geheilt. Zur Diagnose dieser Erkrankung bedarf es jedoch eines Gynäkologen mit Gefäßkompetenz, der über ein interdisziplinäres Netzwerk mit einer guten Gefäßchirurgie und einer interventionellen Radiologie im Hintergrund verfügt“, betonte Assadian.

Krampfadern – besonders häufige Erkrankung bei Frauen

Harmlosere und in der Bevölkerung weit verbreitete Gefäßerkrankungen stellen Krampfadern dar, worunter weit über 1 Million Österreicher leiden. Diese zählen zu den venösen Erkrankungen, wovon Frauen dreimal häufiger betroffen sind als Männer. Bei Nichtbehandlung führen diese zu den typisch offenen Beinen. Eine massive Reduktion der Lebensqualität ist die Folge. Therapeutisch stehen Stripping, endovenöse Verfahren (Laser und Radiofrequenzobliteration) sowie sklerosierende Maßnahmen zur Verfügung.

 

Quelle: 10. Wiener Gefäßgespräche, 5. – 6. November 2010, Wien

 

 

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