zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 27. Mai 2008

Trampolin: Immer mehr Verletzungen

Trampolin-Springen ist nicht ungefährlich. Die breite Nutzung von preiswerten Geräten führt zu einer Steigerung der Unfallhäufigkeit bei Kindern. Wie in den letzten beiden Jahren verzeichnet die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie an der MedUni Graz auch heuer wieder eine signifikante Steigerung der Trampolin-Verletzungen. 2008 mussten bisher fast viermal so viele Kinder behandelt werden wie noch im Vergleichszeitraum 2006. Sollte diese Tendenz anhalten, ist heuer österreichweit mit rund 4.000 nach einem Trampolin-Unfall verletzten Kindern zu rechnen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Mussten im Jahr 2006 – also noch vor Beginn des Trampolin-Trends – im Zeitraum vom 1. Jänner bis 12. Mai 2006 20 Kinder an der Grazer Kinder- und Jugendchirurgie behandelt werden, waren es im gleichen Zeitraum 2007 bereits 47 Kinder und heuer 72 Kinder. „So positiv jede Form der Bewegung für Kinder ist, so wollen wir Eltern auch darauf aufmerksam machen, dass dieser Trendsport als Unfallursache nicht zu unterschätzen ist“, führt Prof. Dr. Michael Höllwarth, Präsident von „Große schützen Kleine“ und Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie, aus. „In den letzten drei Jahren sind die Trampolinunfallzahlen in Graz von 56 im Jahr 2005 auf 183 nur zwei Jahre später gestiegen.“

Der Unfall

„Große schützen Kleine“ hat in einer vom Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutz unterstützten Studie untersucht, worauf diese Steigerungsraten zurückzuführen sind und welche Verletzungen passieren. In den Jahren 2005 bis 2007 wurden 265 Trampolin-Verletzungen analysiert.
Demnach weist die Unfallhäufigkeit mehrere Spitzen auf: Innerhalb der ersten 15 Minuten passiert bereits ein Viertel der Unfälle, wenn die Kinder unaufgewärmt zu springen beginnen. In der drauffolgenden Viertelstunde machen sich bereits konditionelle Mängel bei den Kindern bemerkbar und weitere 40 Prozent aller Unfälle passieren bis zur 30. Minute. Trampolinspringen ist eine sehr große Herausforderung an die Kondition der Sportler, und der andauernde Federeffekt lässt Ermüdungserscheinungen leichter übersehen. Deshalb passieren weitere 34 Prozent der Unfälle nach der 46. Springminute.
Selten verunfallen die Kinder bei den ersten Sprungversuchen. Da scheinen der Respekt vor dem Gerät und die Vorsicht noch entsprechend zu sein. Die Unfallzahlen teilen sich exakt auf Kinder, die im ersten Jahr springen, und jene, die schon über mehr Sprung-Erfahrung verfügen, auf. Kinder springen viel öfter gemeinsam als alleine – in 68 Prozent der Fälle sind mehrere Kinder auf dem Trampolin und nur in 29 Prozent springen die Kinder alleine.

Die Verletzungen

Das mittlere Alter der Unfallkinder liegt bei 8,15 Jahren, wobei Mädchen (7,8 Jahre) rund ein halbes Jahr jünger sind als die Burschen (8,5 Jahre). Das durchschnittliche Alter der verletzten Kinder liegt im Volksschulalter. Zu diesem Zeitpunkt sind sowohl die motorische wie auch die körperliche Entwicklung noch nicht ausgereift.
Entgegen der üblichen Sportunfall-Statistik, in der Burschen häufiger als Mädchen betroffen sind, zeigt sich bei Trampolinunfällen ein ausgeglichenes Bild: Mädchen und Burschen sind etwa gleich stark betroffen. „Trampolinunfälle nehmen nicht nur stark zu, es steigt auch die Komplexität der Verletzungen“, erklärt Dr. Robert Eberl, in vielen Fällen der aufnehmende Arzt in der Ambulanz.
40 Prozent der behandelten Trampolinverletzungen sind als schwer einzuordnen. Jede zweite Verletzung betrifft die unteren Extremitäten. Arme und Hände sind zu 28 Prozent verletzt, gefolgt von Kopfverletzungen (13 Prozent) und Verletzungen des Rumpfes (zehn Prozent). Im Bereich der oberen Extremitäten finden sich vor allem Ellenbogen- und Unterarmbrüche.
Zwei Drittel der Ellenbogenbrüche und die Hälfte der Unterarmbrüche mussten operiert werden. Bei den Beinen sind vor allem die Bandstrukturen des Knie- und Sprunggelenks gefährdet. Zu den Kopfverletzungen werden Prellungen des Schädels, Gehirnerschütterungen und Nasenbeinbrüche gezählt.
Als Beispiel ist ein 15-jähriger Patient mit Kreuzband-, Innenband und Meniskusriss zu nennen, wobei hier trotz aufwendiger Rekonstruktion und mehrmaliger Operation eine völlige Wiederherstellung nicht garantiert werden kann. Ein neunjähriger Bub zog sich beim Trampolinspringen eine offene Unterarmfraktur zu, die ebenfalls operativ über eine Kombination von äußerer und innerer Stabilisierung behandelt werden musste.
Besonders gefürchtet sind Wirbelsäulenverletzungen, hier vor allem Verletzungen der Halswirbelsäule (sechs Prozent). „Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir die erste Querschnittslähmung aufgrund eines Trampolinunfalls behandeln müssen“, ergänzt Eberl.

Familien-Trampolin im Garten

Die Initiative „Große schützen Kleine“ hat an die Eltern der verletzten Kinder einen Fragebogen ausgesandt, um nähere Unfalldetails zu erfahren. 106 Eltern haben die Fragebögen retourniert. „Dabei hat sich gezeigt, dass der Anstieg der Unfallopfer ausschließlich auf die Gartentrampoline zurückzuführen ist, die seit dem Frühjahr 2006 durch zahlreiche Billigangebote viele Familien zum Kauf verlockt haben“, bringt Studienautor Dr. Peter Spitzer von „Große schützen Kleine“ die Zahlen auf den Punkt.
Als Hauptunfallursachen sind missglückte Landungen (42 Prozent), Kollision mit einem anderen Kind (elf Prozent) bzw. der Federeffekt anderer Kinder (neun Prozent) zu nennen. Ein missglückter Salto-Versuch ist in sieben Prozent die Unfallursache. In fünf Prozent der Fälle kommt es zu einem Sturz vom Trampolin, meist aufgrund eines fehlenden oder nicht geschlossenen Sicherheitsnetzes. Setzt man die Unfallursachen in Beziehung zum Alter, so ist klar erkennbar, dass das Abstürzen beim Verlassen des Gerätes vorwiegend die jüngeren, Unfälle beim Salto vor allem ältere Kinder betrifft.
In zwei Drittel der Fälle wurde das Trampolin im Unfalljahr gekauft, meistens bei einem Lebensmitteldiskonter (45 Prozent) oder im Sporthandel (30 Prozent). Drei Viertel der Trampoline wurden im Set – mit Netz – verkauft. Nur in 16 Prozent der Fälle waren keine Sicherungen wie Netz oder Matten vorhanden. In 70 Prozent der Fälle war das Trampolin privat aufgestellt und wurde auch privat verwendet, in zehn Prozent waren die Gartentrampoline öffentlich aufgestellt, z. B. bei Gasthäusern, Spielplätzen oder Kinderhotels.

 Große schützen Kleine

Quelle: Presseaussendung von „Große schützen Kleine“

In der nächsten Ärzte Woche:
Präventionstipps

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben