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Innere Medizin 26. August 2008

Gesundes Abnehmen

Langfristige Gewichtsreduktion ist möglich, wenn auch in bescheidenem Ausmaß: Im Diätenvergleich nahmen Studienteilnehmer ein halbes Jahr lang kontinuierlich ab; danach pendelte sich ihr Gewicht zwischen Ausgangs- und Minimalgewicht ein. Unter dem Strich blieb also eine Abnahme um ein paar Kilogramm. Aber: Gesamt-, HDL- und LDL-Cholesterin, Nüchternblutzucker und Triglyzeride verbesserten sich danach immer noch weiter.

In der Diätküche jagt ein Trend den nächsten. Zwar mangelt es nicht an Studien darüber, wie gesund und erfolgreich sie sind (oder eben nicht), aber sie haben alle ein Problem damit, ihre Abnehmwilligen bei der Stange zu halten. Viele Untersuchungen gehen nur über einen kurzen Zeitraum und die Überprüfung, ob die Diät auch eingehalten wird, ist schwierig.

Umfassende Betreuung wichtig

Um drei der wichtigsten Diätrichtungen miteinander vergleichen zu können – die fett- und kalorienreduzierte Diät, die kohlenhydratreduzierte Diät und die ebenfalls kalorienreduzierte Mittelmeerdiät (siehe „Getestete Diäten im Detail“) –, suchten Forscher der israelischen Ben-Gurion Universi-ty of the Negev einen Weg, um Abnehmwillige in einem möglichst alltäglichen Umfeld engmaschig zu betreuen. Schließlich ist es für hungrige Probanden oft schwer, ihre Diätvorgaben einzuhalten. So beträgt die Dropout-Rate nach Angaben der Autoren in bisherigen Diätstudien 15 bis 50 Prozent.
Es musste also eine Firma her, die bereit war, die Untersuchung mitzutragen, indem sie ihren Angestellten erlaubte, Ernährungsfragebögen am Arbeitsplatz auszufüllen und dort auch Wiegetermine wahrzunehmen. Außerdem sollte eine Firmenkantine vorhanden sein, die tagsüber standardisierte Mahlzeiten anbot. Gefunden haben die Wissenschaftler schließlich das Nukleare Forschungszentrum Negev. Die dortige Kantine hatte täglich Mahlzeiten anzubieten, die den Vorgaben dreier verschiedener Diätpläne folgten (siehe „Getestete Diäten im Detail“). Die Menüs wurden farblich markiert und ihr Kohlenhydrat- und Fettgehalt gekennzeichnet, ebenso wie der Anteil an gesättigten Fettsäuren. Außerdem stand auf dem Etikett, ob die Angestellten davon so viel essen durften, wie sie wollten, oder ob es sich um eine Speise handelte, die mit Augenmaß zu genießen war. Zudem erhielten die Kantinebetreiber ärztliche und ernährungswissenschaftliche Unterstützung.
Die Probanden wurden auch gruppenweise, mit bis zu 18 Teilnehmern, von Diätberatern betreut. Zu Beginn trafen sich diese Gruppen häufiger, später in sechswöchigen Abständen, immer für jeweils 90 Minuten. Damit wurde gewährleistet, dass die Studienteilnehmer auch an Werktagen ihren Ernährungsplan einhalten konnten. Damit nicht zu Hause der „innere Schweinehund“ zuschlagen konnte, wurden die Lebensgefährtinnen/-gefährten der Probanden geschult. Mit ihrer Hilfe sollte die Diät auch abends und an freien Tagen befolgt werden. Wer sich dennoch schwer tat, die Regeln einzuhalten, wurde von seinem Diätberater telefonisch motiviert, dranzubleiben.
Auf diese Weise ist es den Forschern gelungen, die Teilnehmer zwei Jahre lang großteils bei der Stange zu halten: Nach einem Jahr waren 95 Prozent von ihnen noch dabei und nach zwei Jahren noch 85 Prozent. Damit hat die Studie einen Aussagewert über die eigentlich erhobenen Ergebnisse hinaus: Sie ist ein Beispiel dafür, wie eine umfassende Präventionsmaßnahme langfristig umgesetzt werden kann. Dass diese Unterstützung wichtig ist, zeigt sich nach Aussage der Autoren auch daran, dass diejenigen, die vorzeitig abgesprungen sind, ihr Gewicht nicht gleich gut halten konnten wie ihre Kollegen, die bis zum Ende an der Studie teilgenommen haben.

Bescheidene Gewichtsabnahme

Die Wissenschaftler haben 322 Übergewichtige (BMI > 27) rekrutiert, die zwischen 40 und 65 Jahre alt waren, die meisten davon männlich (86 Prozent). Diabetiker und Patienten mit koronarer Herzerkrankung konnten ungeachtet ihres Alters und BMI teilnehmen. Zwar musste sich die kohlenhydratreduzierte Gruppe an keine Restriktionen bezüglich der Energiemenge halten, dennoch stellte sich heraus, dass sie im Schnitt nicht mehr Kalorien aufnahm als die anderen beiden Gruppen. Daher kann diese Ernährungsform für diejenigen Patienten empfohlen werden, die nicht bereit sind, die Kalorienmenge von Vornherein einzuschränken, nehmen die Autoren der Studie an.
Obwohl die Studienteilnehmer etwa gleich viele Kalorien konsumierten, nahmen sie aber unterschiedlich viel bzw. wenig ab. Mit Fettreduktion kamen sie auf knapp unter drei Kilogramm, mit der Mittelmeerdiät hingegen auf 4,4 Kilogramm (wobei Frauen mit der mediterranen Kost erfolgreicher abnahmen als Männer) und mit der kohlenhydratreduzierten Diät sogar auf 4,7 Kilogramm. Auffallend war, dass alle Gruppen in den ersten sechs Monaten relativ zügig Gewicht verloren und sich danach auf einem etwas höheren Niveau einpendelten (siehe „Gewichtsänderung je nach Diät“).

Blutwerte langfristig verbessert

Es stellte sich heraus, dass sowohl die mediterrane als auch die kohlenhydratreduzierte Ernährung über die Gewichtsabnahme hinaus gesunde Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben. In allen drei Diäten verbesserten sich die Biomarker für Entzündungen und Leberfunktion gleichermaßen. Allerdings wurde bei Diabetikern durch Fettreduktion der Nüchternblutzucker um 12 mg/dl, bei der Mittelmeerdiät um 33 mg/dl gesenkt. Ein Grund dafür mag sein, dass der Konsum von einfach gesättigten Fettsäuren die Insulinresistenz beeinflusst.
In der Gruppe, die ihren Fettkonsum eingeschränkt hatte, ließ sich das Verhältnis zwischen Gesamtcholesterin und HDL-Cholesterin um nur 12 Prozent verbessern. Der teilweise Verzicht auf Kohlenhydrate – die Diät mit dem höchsten Fettanteil! – führte hingegen zu einer Verbesserung um 20 Prozent: das HDL-Cholesterin wurde um 20 Prozent angehoben, der Triglyzeridwert wurde um 14 Prozent gesenkt.

Gleichwertig wirksam

Damit konnten die Forscher zeigen, dass kohlenhydratarme und mediterrane Diäten in punkto Gewichtsreduktion genauso sicher und wirksam sind wie die herkömmliche, von vielen praktischen Ärzten favorisierte fettreduzierte Diät.
„Klarerweise gibt es keine Diät, die für jeden ideal ist“, erklärt Studienautorin Dr. Iris Shai. „Wir glauben, dass diese Studie der klinischen Medizin Argumente dafür liefert, auch einmal eine Kohlenhydratreduktion oder Mittelmeerdiät in Betracht zu ziehen. Diese sicheren und effektiven Alternativen können Patienten, entsprechend ihrer persönlichen Vorlie-ben und medizinischen Ziele, zur Intervention angeboten werden.“
Außerdem verbesserten sich einige Biomarkerspiegel kontinuierlich bis zum Ende des zweiten Jahres weiter, obwohl der niedrigste Gewichtsdurchschnitt nach sechs Monaten bereits erreicht war und die Probanden danach ihr Gewicht auf einem etwas höheren Wert einpendelten.

Kritik an Fettfreigabe

Wie sehr die Tatsache, dass die Studie unter anderem von der Robert C. and Veronica Atkins Research Foundation gefördert worden ist, das Studiendesign beeinflusst hat, lässt sich schwer sagen. Es wird aber an kohlenhydratreduzierten Diäten wiederholt kritisiert, dass ein unlimitierter Fettkonsum weder gesund noch sinnvoll sei. So argumentiert der Atkins-Gegner Dean Ornish in der amerikanischen Zeitschrift Newsweek, der Anstieg des „guten“ HDL-Cholesterins wäre allein darin begründet, dass eben mehr davon erforderlich sei, um die Cholesterinlast, die durch eine fettreiche Ernährung entsteht, wieder zu senken.
Außerdem bemängelt Ornish, der selbst eine fettarme Diät mit höchstens zehn Prozent Fett täglich entwickelt hat, dass die Ernährung gemäß der American Heart Association, die eine Obergrenze von 30 Prozent Fett in der täglichen Ernährung empfiehlt, eigentlich gar keine fettreduzierte Diät sei, weshalb die Schlussfolgerungen auch nicht stimmten bzw. sich eben nicht auf wirklich fettreduzierte Diäten übertragen ließen.

 Getestete Diäten im Detail

 Gewichtsänderung je nach Diät

Iris Shai et al.: Weight Loss with a Low-Carbohydrate, Mediterranean, or Low-Fat Diet. In N Engl J Med 2008; 359:229–241.

Herzberger, Ärzte Woche 35/2008

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