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Innere Medizin 14. Oktober 2008

Elektronischer Experte

Ein Computerprogramm, das ursprünglich für die Astronomie entwickelt worden ist, kann dabei helfen, Mammografien zu beurteilen. Die Trefferquote ist hoch, aber trotzdem – oder gerade deswegen – kann auf den Menschen nicht verzichtet werden.

Mammografien sind rasch durchgeführt. Mit der Durchleuchtung der Brust allein ist es allerdings nicht getan: Die Bilder müssen auch richtig interpretiert werden. Dabei sollen kanzeröse Stellen früh erkannt, aber falsch-positive Ergebnisse möglichst vermieden werden. Dabei spielt die Erfahrung des Mediziners eine große Rolle. Es ist bekannt, dass Radiologen, die in größeren Zentren und Universitätskliniken arbeiteten, im Schnitt bei der Diagnose richtiger lagen als weniger routinierte Kollegen (J Natl Cancer Inst. 2007 Dec 19;99[24]:1854-63). Weiter verbessern lässt sich die Trefferquote dadurch, dass zwei Experten die Röntgenbilder analysieren: Vier Augen sehen mehr sehen als zwei. Das gilt vor allem beim Aufspüren kleiner Karzinome.
Inzwischen ist es möglich, Bilder von Softwareprogrammen auf bestimmte Merkmale hin untersuchen zu lassen. Schon lange sind entsprechende Programme in Sternwarten im Einsatz. Dort werden sie verwendet, um spezielle Konstellationen aufzuspüren, die dem Himmelsbeobachter sonst entgehen würden. Die Fragestellung ist derjenigen des Radiologen allerdings nicht unähnlich.
Für medizinische Zwecke wurden deshalb ähnliche Programme entwickelt; nicht nur für die Auswertung von Mammografien in Bezug auf Brustkrebs, sondern auch für Computertomografien des Brustraums. Die Röntgenbilder werden digitalisiert, und anschließend werden auf dem Computerbildschirm Auffälligkeiten automatisch markiert dargestellt. Der Arzt muss sich dann bei der Beurteilung des Originalbilds nur noch auf diese hervorgehobenen Stellen konzentrieren.
Nun hat ein multidisziplinäres Forscherteam der University of Aberdeen untersucht, wie treffsicher solche Programme in der Praxis sind, und ob der Mensch als letzte Kontrollinstanz noch notwendig ist oder ob computergestützte Befunde von einem Radiologen wenigstens so richtig sind, wie die von zwei unabhängigen Ärzten. Für die CADET-II-Studie (Computer-Aided Detection Evaluation Trial) wurden an drei Zentren in Großbritannien – in Manchester, Nottingham und Conventry – über 30.000 Frauen rekrutiert. Der Hauptarm der Studie, Mammographien von etwa 28.000 Frauen, wurden von zwei Ärzten untersucht, und zusätzlich, unabhängig davon, auch noch einmal von einzelnen Radiologen, die mit der Software arbeiteten. Es zeigte sich, dass die einzelnen Mediziner, die das Computerprogramm verwendeten, gleich viele Krebserkrankungen fanden wie die Zweierteams (198 respektive 199 von 227 Karzinomen).
Noch längst kann aber auf den menschlichen Experten nicht verzichtet werden, denn bei Weitem nicht alles, was der Computer „entdeckt“, ist krankhaft. Daher muss ein Fachmann entscheiden, bei welchen dieser Stellen es sich tatsächlich um Karzinome handelt und bei welchen nicht. Würde man alle Frauen zur Folgeuntersuchung bestellen, bei deren Röntgenbild vom Programm eine Auffälligkeit entdeckt worden ist, dann würden sich 60 Prozent der gescreenten Frauen wieder im Wartezimmer einfinden, im Vergleich zu den heutigen fünf Prozent (in Großbritannien), wie Studienleiterin Prof. Dr. Fiona Gilbert zu denken gibt.
Die Ergebnisse sind im New England Journal of Medizin veröffentlicht (2008;359:1675-84).

Herzberger, Ärzte Woche 42/2008

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