zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 26. Juni 2008

Keine Extra-Zuckerl für Diabetiker

Experten finden schon lange keinen Grund mehr, der eine Kennzeichnung von Lebensmitteln als „speziell für Diabetiker geeignet“ rechtfertigen würde. Dennoch gibt es in den Supermärkten nach wie vor zahlreiche Diabetiker-Produkte zu kaufen, noch dazu in der Regel zu stolzen Preisen: eine süße Abzocke.

Wer vor einiger Zeit die Diagnose Diabetes erhielt, dem wurde noch angeraten, die Ernährung drastisch umstellen: Zucker war strengstens verboten und bei jeder Mahlzeit musste penibel errechnet werden, wie viele Broteinheiten genau enthalten waren. Viele Diabetiker waren daher erleichtert, dass im Supermarkt eigens für sie hergestellte Diabetiker-Lebensmittel erhältlich waren, die ihnen etwas Kopfarbeit abgenommen haben.
Das Zuckerverbot gilt heute jedoch als überholt, weil unbegründet. Studien haben gezeigt, dass es in der Regel für Diabetiker ausreichend ist, sich an dieselben Ernährungsempfehlungen zu halten, die auch für den Rest der Bevölkerung ausgegeben werden: „Wie in der Allgemeinbevölkerung sollte die Aufnahme freier Zucker zehn Prozent der Gesamtenergie nicht überschreiten. Eine Beratung zu weiterer Beschränkung der freien Zucker kann für die Personen nützlich sein, die an Gewicht abnehmen müssen“ (Toeller et al.: Evidenz-basierte Ernährungsempfehlungen. Diabetes und Stoffwechsel 2005:14; 75 – 94). Wie auch für den Rest der Bevölkerung, ist es für Diabetiker wichtig, sich regelmäßig zu bewegen, täglich Obst und Gemüse zu sich zu nehmen und sowohl die Gesamtenergie als auch die Fettmenge nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.
Daher entfällt auch das strenge Abzählen der Broteinheiten. Diese erfüllen heute als Schätzwert ihren Zweck – eine enorme Erleichterung im täglichen Leben mit Diabetes.

Ausgewogen reicht

Auch die Österreichische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt: „Grundsätzlich wird Diabetikern keine andere Ernährung als der gesunden Bevölkerung empfohlen. Wenn Familie und Freundeskreis sich ausgewogen ernähren, ist eine Unterscheidung im Ernährungsverhalten nicht notwendig.“ Noch immer sind aber in den Supermärkten die Regale mit Waren gefüllt mit der Aufschrift „für Diabetiker geeignet“.

Volle Regale – für wen?

Die Palette reicht von Schokolade und Marmeladen über Kekse bis hin zu speziellen Weinsorten.
Ein Teil dieser Waren ist zwar zuckerreduziert, was generell, und nicht nur für Diabetiker, zu begrüßen ist, sofern dafür nicht umso mehr Fette enthalten ist, was gerade bei den Keksen und Schokoladen der Fall ist.
Ein anderer Teil dieser Lebensmittel zeichnet sich jedoch nur dadurch aus, dass als Süßstoff Fruktose enthalten ist, eine Zuckerart, die für Diabetiker in gesundheitlicher Hinsicht günstiger sein soll, da zu Beginn der Verstoffwechselung kein Insulin benötigt wird. Allerdings werden stattdessen im Endeffekt die Triglyzerid- und LDL-Cholesterinwerte erhöht.
Unter dem Strich also keine gute Bilanz, weder für Diabetiker noch für die Gesamtbevölkerung. „Fruktose hat gegenüber der Verwendung von üblichem Zucker für Diabetiker keine nennenswerten Vorteile und sollte deshalb nicht mehr empfohlen werden. Immer mehr aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass zu viel Fruktose in der Ernährung ungünstige Auswirkungen auf den Stoffwechsel hat“, lässt das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR in Berlin verlauten. Geht man zurück, ins Jahr 2000, stand damals schon in den Empfehlungen der European Association for the Study of Diabetes (EASD) und der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) zu lesen: „Für die Empfehlung zum Verzehr spezieller Diabetikerprodukte oder Diätprodukte für Diabetiker finden sich keine Begründungen. Fruktose, Zuckeralkohole und andere energiehaltige Zuckeraustauschstoffe, die alle Kalorienlieferanten sind, haben gegenüber der Verwendung von üblichem Zucker (Saccharose) für Menschen mit Diabetes keine nennenswerten Vorteile […]. Viele Lebensmittel, die derzeit als ‚für Diabetiker geeignet‘ deklariert werden, enthalten große Fett- und Energiemengen und sind häufig teurer als reguläre Produkte. Die ständige Werbung für diese Produkte kann die Compliance zur Umsetzung der Ernährungsempfehlungen für Diabetiker, wie sie die Diabetes und Nutrition Study Group der EASD bzw. der Ausschuss Ernährung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft herausgeben, eher behindern als fördern.“
Bei den Herstellern ticken die Uhren anders Unter Lebensmittelherstellern herrschen jedoch anscheinend noch andere „Leitlinien“: Beispielsweise wirbt auch ein österreichischer Hersteller von Neapolitaner Schnitten auf seiner Homepage damit, dass seine Diätprodukte „für die Ernährung bei Diabetes mellitus im Rahmen eines Diätplans geeignet [sind]. Anstelle von herkömmlichem Zucker enthalten sie Fructose und sind somit auch für DiabetikerInnen verträglich.“ Kein Einzelfall: Zahlreiche Produzenten von Naschereien haben parallel zur normalen Produktlinie eine zweite mit Diätprodukten laufen. Auch was Weine und Schaumweine betrifft, so kommt das BfR zum Schluss, dass Diabetiker keinen Vorteil daraus ziehen, dass ein angeblich für sie speziell geeignetes alkoholisches Getränk vornehmlich Fruktose und Glukose enthält.

Gesündere Tropfen?

Ein Gläschen in Ehren ab und zu falle in ernährungsphysiologischer Hinsicht kaum ins Gewicht. In Maßen genossen ist das Ausmaß der aufgenommenen Zuckermenge so gering, dass es sich nicht lohnt, für einen speziellen Diabetikerwein Apothekerpreise zu bezahlen.
Was hingegen empfohlen wird, ist, zu süße Sorten zu vermeiden. Hier reichen die üblichen Angaben wie „extra trocken“, „trocken“, „halbtrocken“, „lieblich“ oder „süß“ vollkommen aus: Wer sich an die extra trockenen und trockenen Sorten hält, ist auf der sicheren Seite.

Nährwert kennzeichnen

So empfiehlt das BfR, wenn schon, dann Angaben über den Gehalt an Gesamtzucker, Glukose, Fruktose und zum Energiegehalt des Alkohols und der enthaltenen Gesamtenergiemenge zu machen. Diese Angaben, so wird argumentiert, wären für alle Verbraucher von allgemeinem Interesse. Durch eine besondere Etikettierung, die die Weine als für Diabetiker geeignet auswiesen, würden sich betroffene Konsumenten hingegen dazu verleiten lassen, zu sorglos mit dem alkoholischen Getränk umzugehen. Dazu kommt, dass ein regelmäßig erhöhter Alkoholkonsum meist mit einer unausgewogenen, zu fetthaltigen Ernährung einhergeht.
Diabetikerprodukte sollten daher nicht als diätetische Lebensmittel auf den Markt kommen. Schließlich kann es keine Kriterien für die Bewertung und Überprüfung geben, weil es ja keine wissenschaftlich haltbaren Werte gibt, an denen diese messbar wären. Vielmehr solle eine einheitliche und erweiterte Nährwertkennzeichnung auf verpackten Lebensmitteln Diabetikern die Auswahl erleichtern. Eine solche Kennzeichnung – wie auf europäischer Ebene diskutiert – käme auch allen anderen Verbrauchern zugute.

Herzberger, Ärzte Woche 26/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben