zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 27. Mai 2008

Die Reiseapotheke

Exotische Reiseziele sind populär wie nie zuvor und werden von den großen Fluglinien direkt angeflogen. So sind Fernreisen auch mit schmälerem Budget machbar. Neue Möglichkeiten schaffen aber auch neue Herausforderungen, die es einzuplanen gilt.

Eine Reiseapotheke kann kein genormter Artikel wie ein KFZ-Verbandskasten sein, sondern ein individuell abgestimmtes Produkt einer Beratungsleistung, das die konkreten Ansprüche und Absichten des Kunden berücksichtigt.

Persönliche Faktoren

Wichtig ist auch der Reisestil des Kunden: Badeurlauber benötigen andere Arzneimittel als Rucksacktouristen oder Sporturlauber.
Klarerweise spielt das Reiseziel eine große Rolle: Für Reisende auf dem Weg in ein wenig entwickeltes Land ist eine Beratung durch ein Reisemedizinisches Zentrum empfehlenswert.
Auch die Jahreszeiten und vor allem der auf der Nord- und Südhalbkugel unterschiedliche Pollenflug sollten bei Allergikern berücksichtigt werden.

Reisediarrhoe

Fast jeder Reisende hat schon seine Erfahrungen mit der Reisediarrhoe gemacht. Ursachen sind meist Enterotoxin-bildende Escherichia coli. Problematisch ist der Verlust an Wasser und Elektrolyten. Daher liegt der Ansatz der Therapie in der Rehydratation mit oraler Rehydrierungslösung (ORS), auch als simple-sugar-salt-solution (SSS) bezeichnet. Sie setzt sich laut WHO aus 111 mmol/l Glucose, 90 mmol/l Na+, 20 mmol/l K+, 30 mmol/l Hydrogencarbonat (HCO3-) und 80 mmol/l Cl- zusammen, wobei der hohe Natriumanteil entscheidend für die Choleratherapie ist, wohingegen bei der Therapie der „banalen“ Reisediarrhoe auch ein geringerer Natriumgehalt zielführend ist. Der hohe Glucoseanteil dient dazu, Energie für den aktiven Transport der Elektrolyte aus dem Darm in das Gefäßsystem bereitzustellen, Bicarbonat soll eine durch die Diarrhoe verursachte metabolische Azidose ausgleichen. Eine Schwäche dieser Zusammensetzung: Bicarbonat ist verantwortlich für den wenig erhebenden Geschmack der Lösung.
Diese Überlegungen hat die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände einbezogen, wenn sie im Neuen Rezepturformularium drei mögliche Zusammensetzungen der ORS mit unterschiedlichem Natriumgehalt angibt, in denen Bicarbonat des Geschmacks wegen durch Zitrat ersetzt ist (Tabelle S. 16).
Für Erwachsene lässt sich die orale Rehydrierungslösung im Notfall auch vor Ort nachbauen: Man benötigt hierzu 8 nicht gehäufte Teelöffel Zucker, ¾ Teelöffel Kochsalz, ½ Liter Orangensaft und ½ Liter Mineralwasser. Davon sollte der Patient sich etwa 40 ml/kg Körpergewicht in 24 Stunden zuführen. Das ergibt für einen Menschen von 70 kg also etwa drei Liter pro Tag. Dabei ist unbedingt auf sauberes Trinkwasser zu achten, damit mit der Rehydrierung nicht auch gleich wieder neue Infektionserreger zugeführt werden!
Eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit der Reisediarrhoe besteht im Einsatz eines Peristaltik-hemmers. Gängig ist Loperamid, etwa in Form von Brausetabletten, z. B. Normakut®. Dieses symptomatische Therapeutikum sollte nicht länger als 48 Stunden und nicht bei akut fiebrigem Durchfall eingesetzt werden, da unter solchen Voraussetzungen Fälle von nekrotisierender Colitis aufgetreten sind. Sinnvoll kann die Kombination von Peristaltikhemmern mit einer antibiotischen Therapie sein: Erprobte Schemata sind Kombinationen von 1.000 mg Ciprofloxacin oder 500 mg Azithromycin mit 4 mg Loperamid.
Ebenfalls Erfolg versprechend ist die Therapie mit Rifaximin, in Österreich als Colidimin® zugelassen: Dieses Antibiotikum wird aus dem Darm nicht resorbiert und entfaltet seine bakterizide Wirkung damit auch ausschließlich im Darm. Systemische Nebenwirkungen sind kaum zu erwarten, auch der Einsatz bei Kindern ab zwei Jahren ist möglich.
In der Fachinformation findet sich der Hinweis auf einen möglicherweise verminderten Schutz oraler Kontrazeptiva, besonders der „Mini“- und „Mikropillen“, darauf sollte bei der Beratung hingewiesen werden.
Der Vorteil von Rifaximin ist allerdings auch mit einem Nachteil verbunden: Hat man mit einem systemischen Breitbandantibiotikum zugleich auch andere Indikationen abgedeckt, so ist man mit Rifaximin wirklich nur auf bakterielle Diarrhoe vorbereitet.
Grundsätzlich ist der Platz von Antibiotika in der Reiseapotheke zwiespältig zu sehen. Antibiotika sind aus gutem Grund rezeptpflichtig: Eine unkritische Anwendung wird die Resistenzproblematik weiter verschärfen und auch das mögliche Auftreten unerwünschter Arzneimittelwirkungen limitiert die Selbsttherapie. Andererseits kann das Mitführen eines geeigneten Antibiotikums in Gegenden mit schwacher medizinischer Infrastruktur unverzichtbar sein.
Die Verschreibung eines Antibiotikums „auf Vorrat“ sollte also mit einer gründlichen Aufklärung des Patienten verbunden sein.
Was die Reisediarrhoe betrifft, kann auf die Mitnahme von Kohletabletten und Adstringenzien verzichtet werden: Deren Wirksamkeit lässt sich evidenzbasiert nicht belegen und liegt auf dem Niveau von Placebo.

Kernelemente einer Reiseapotheke

Was sich schlussendlich in einer Reiseapotheke findet, hängt also von individuellen Parametern ab. Davon abgesehen, gibt es einiges, was aber keinen Fall fehlen sollte:

  • Pflaster, Mullbinde, Wundauflage
  • Elastische Binde, Dreieckstuch
  • Fieberthermometer
  • Pinzette, Schere
  • Sonnenschutz, After Sun
  • Repellent
  • Hygieneartikel, z.B. Damenbinde
  • Kondome
  • Impfpass
  • ev. Permethrin für Kleidung
  • ev. Gehörschutz
  • Bei Reisen in Entwicklungsländer sterile Produkte für parenteralen Zugang nur mit Deklaration in der Landessprache
  • Im Fall der Damenbinden sei darauf hingewiesen, dass Zwischenblutungen auf Reisen nie ganz auszuschließen sind. Die Mitnahme des Impfpasses ist nicht nur in Bezug auf Pflichtimpfungen wichtig, sondern ermöglicht dem Mediziner bei einer Erkrankung im Reiseland die Erstellung des Impfstatus und erleichtert die Diagnose.
    Neben den allgemeinen Elementen der Reiseapotheke sind auch einige Arzneimittel als Kernelemente zu betrachten:
  • Antidiarrhoica: Pulver für Rehydratationslösung, Loperamid, ev. Antibiotikum
  • Wunddesinfektion (Spray, Gel)
  • Schmerzmittel (z.B. Paracetamol, ASS, Ibuprofen)
  • Antihistaminikum oral und lokal
  • HNO: Hustenstiller, Hustenlöser, Nasenspray (Klimaanlagen)
  • Antiemetikum
  • Augentropfen
  • Fieberblasencreme
  • ev. antibiotische Ohrentropfen
  • ev. Wasserdesinfektion
  • Antihistaminika sind nicht nur für Allergiker einzuplanen, auch nach einem Insektenstich können sie gute Dienste leisten.
    Beim Einsatz von Acetylsalicylsäure zur Fiebersenkung ist daran zu denken, dass diese die Gerinnung verzögert und deshalb bei einem hämorrhagischen Fieber kontraindiziert ist.
    Antibiotische Ohrentropfen stellen etwas höhere Anforderungen an die medizinischen Fähigkeiten des Reisenden: Da sie nur bei Otitis Externa sinnvoll sind, muss der Reisende darüber aufgeklärt werden, wie er eine Otitis Externa von einer Otitis Media unterscheiden kann (z. B. deuten Druckschmerz am Tragus und spontaner Schmerz beim Kauen auf eine Otitis Externa hin, Blubbergeräusche im Ohr weisen eher in Richtung Otitis Media). Werden antibiotische Ohrentropfen quasi „auf Vorrat“ verschrieben, ist also eine gründliche Beratung notwendig.

    Auf die Kleinen achten

    Zwei Aspekte sollten auf jeden Fall Berücksichtigung finden: Zum einen sind bei einer Reise mit Kindern unbedingt für die Anwendung bei Kindern zugelassene Arzneimittel einzuplanen, wobei grundsätzlich auch der Reisestil an das Alter der Kinder anzupassen ist.
    Zum anderen ist die Zahl der Therapieeinheiten auf die Dauer der Reise und die Zahl der Reisenden abzustimmen. Während einer längeren Reise kann man auch mehrmals an Reisediarrhoe erkranken und im Familienverband ist eine wechselseitige Ansteckung durchaus wahrscheinlich. Es reicht also nicht aus, eine Person einmal behandeln zu können!

     Glucose-Elektrolyt-Mischung

    Spezielle Elemente einer Reiseapotheke

    Neben diesen Kernelementen sind dann individuelle Elemente einzuplanen, die spezielle Bedürfnisse des Reisenden widerspiegeln. Dies umfasst unter anderem die Dauermedikation des Patienten. Besonders Asthma-Aerosole, Allergie-Notfallsets und orale Kontrazeptiva werden oft vergessen. Weiters sind Arzneimittel gegen jene Beschwerden zu berücksichtigen, zu denen ein Patient auf Reisen „neigt“, als Beispiele seien Antazida und Laxantien genannt.
    Zum Dritten zählen auch Arzneimittel zu dieser Gruppe, die mit speziellen Urlaubsaktivitäten verbundene Probleme therapieren helfen sollen. Dies kann zum Beispiel ein analgetisches „Sportgel“ für Kletterer oder verdünnte Essigsäure beziehungsweise 10-prozentige Ammoniaklösung für Taucher nach Quallenkontakt (Studien zur Wirksamkeit sind auf diesem Gebiet leider dünn gesät!) sein.

    Malaria und Malaria-Schnelltests

    Bei der Reise in ein Malaria-Endemiegebiet ist unbedingt eine Chemoprophylaxe durchzuführen, Stand-by-Notfallstherapie ist dann anzuraten, wenn die Empfehlungen der WHO dies für das betreffende Gebiet erlauben. Am besten lassen sich Reisende in Reisemedizinischen Zentren beraten.
    Zweifelhaft ist der Wert von Malaria-Schnelltests: Es besteht das Risiko falsch negativer Ergebnisse bei einer sehr niedrigen oder sehr hohen Parasitenlast im Blut, was im zweiten Fall eine akut lebensbedrohliche Situation hervorrufen kann. Weiters zeigte eine Studie, dass die Mehrheit der Patienten nicht in der Lage war, den Selbsttest korrekt durchzuführen und die richtige Diagnose zu stellen. Der Standard der Malaria-Diagnostik ist die Mikroskopie, und diese gehört in die Hände von Fachleuten. Ein hochfiebriger Patient ist einfach kein guter Diagnostiker!

    Transport von Arzneimitteln

    Abschließend gilt es noch den Transport von Arzneimitteln anzusprechen: Beim Transport per PKW oder Eisenbahn sind kaum Probleme zu erwarten, sofern extreme Temperaturen vermieden wird. Etwas anders ist die Situation bei einer Flugreise: Transportiert man die Apotheke im Großgepäck, so ist man bei Verlust seines Gepäckstückes auch gleich die Reiseapotheke losgeworden. Auch sind die Bedingungen im Frachtraum nicht ideal für Arzneimittel. Es empfiehlt sich also der Transport im Handgepäck.
    Allerdings gelten für den Transport von Flüssigkeiten im Handgepäck Vorschriften, die national und abhängig von der Fluglinie uneinheitlich sind: So darf Insulin in der Regel bis 148 ml im Handgepäck transportiert werden, sonstige Flüssigkeiten (auch Kontaktlinsenpflege) sind bis zu 120 ml erlaubt. Häufig wird ein ärztliches Attest von den Sicherheitsorganen verlangt. Beschränkungen hinsichtlich des Maximalvolumens für Gebinde gelten übrigens für Arzneimittel nicht. Für Substitutionspatienten, die auf Reisen gehen, existiert für den Schengen-Raum ein eigenes Formular, das bei der jeweiligen Landessanitätsdirektion erhältlich ist.

    Bedarfsdeckung vor Ort

    Abschließend ist noch zu sagen, dass die lokale Bedarfsdeckung im Urlaubsland kein Ersatz für eine Reiseapotheke ist. Sprachschwierigkeiten, das Aufspüren einer Apotheke in einem fremden Land und – abhängig von der Region – mangelhafte Arzneimittelsicherheit sind vermeidbare Unannehmlichkeiten. Arzneimittelfälschungen, wie sie im Fall von Malariatherapeutika in Afrika verbreitet sind, bedeuten ein erhebliches Gefahrenpotenzial.
    Eine gut abgestimmte Reiseapotheke und eine gründliche reisemedizinische Beratung können viel zu einem hohen Erholungs- und Erlebniswert beitragen.

    Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

    Medizin heute

    Aktuelle Printausgaben