zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 21. Mai 2008

Diagnose Krebs

Die Diagnose Krebs trifft Menschen meist völlig unerwartet und daher auch völlig unvorbereitet mitten im Leben. Sie erschüttert wie kaum eine andere Erkrankung sowohl Patienten als auch deren Umfeld.

Eine Krebserkrankung bedeutet nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für die nächsten Angehörigen eine große Belastung, die sich gravierend auf die Lebensqualität aller Familienmitglieder auswirkt. Gewohnte Tagesabläufe verändern sich, es kommt gezwungenermaßen zur Umverteilung von Rollen und Aufgaben und die Krankheit schleicht sich wie ein „unsichtbarer Dritter“ in Partnerschaften ein.
Eine Reihe von Verlusterlebnissen prägen diese schwere Zeit. Verlust der Sicherheit in die eige-ne körperliche und seelische Integrität, Verlust des Wohlbefindens durch Operation und Nebenwirkungen der Behandlung und der mögliche Verlust des Arbeitsplatzes, des Partners oder freundschaftlicher Beziehungen.
Krebs und Einsamkeit sind nach wie vor zwei tabuisierte Themen in unserer Gesellschaft, in der es vorwiegend um Schönheit, Heiterkeit, Leistungsfähigkeit und Makellosigkeit geht. Die Einsamkeit kann Patienten entweder in den einzelnen Phasen der Behandlung oder während des gesamten Krankheitsverlaufes begleiten. Sie tritt auch oft bei den Angehörigen auf, da viele von ihnen durch die neue Lebenssituation und die Herausforderungen, die in dieser schweren Zeit auf sie zukommen, enorm verunsichert sind.

Sprachlosigkeit

Einsamkeit entsteht häufig durch Sprachlosigkeit, die zum einen zwischen Patienten und Behandlern und zum anderen zwischen Patienten und Angehörigen beziehungsweise Freunden präsent ist. Dabei ist vor allem das Angstempfinden ein ausschlaggebender Faktor: die Patienten haben Angst, Fragen zu stellen, den Arzt zu belästigen oder die Wahrheit zu erfahren. Aber auch der Behandler selbst ist mit Angstgefühlen konfrontiert, in dem er die Rolle des Überbringers schlechter Nachrichten übernehmen muss. Zudem spielen die eigenen Krankheits- und Todesängste, die nicht reflektiert, sondern oft verleugnet werden, als Auslöser von Ängsten eine wichtige Rolle.
In der Familie wollen Patienten ihre Angehörigen nicht mit ihren „wahren“ Gefühlen und Gedanken zur Last fallen. Auch ist eine gewisse Schonhaltung der Umwelt wahrnehmbar. Bei Kindern und Jugendlichen sind aufgrund starker Verlustängste und das Gefühl der Hilflosigkeit häufig Rückzugstendenzen zu beobachten. Am Arbeitsplatz sind vor allem die Angst vor verminderter Leistungsfähigkeit, Unsicherheit den Kollegen gegenüber vorherrschend. Umgekehrt wissen die Kollegen nicht, wie sie das Thema „Krebs“ ansprechen beziehungsweise wie sie mit dem erkrankten Kollegen umgehen sollen.
Häufige Reaktionen des Umfelds auf eine Krebserkrankung sind Überengagement (z. B. täglich viele Stunden im Krankenhaus am Bett des Betroffenen zu verbringen) oder Rückzug. Ein massives Überengagement führt oft zu einem Burn-out-Syndrom. Rückzug führt zu Schuldgefühlen. Bei-de Verhaltensweisen sind Abwehrreaktionen von tiefer Verzweiflung und Hilflosigkeit.

Depressionen sind häufig Folgeerkrankungen

Zehn Prozent der Gesamtbevölkerung sind an einer Depression erkrankt, 25 Prozent aller Krebspatienten leiden an dieser Erkrankung. Die drei Hauptsymptome einer Depression nach dem ICD-10 sind gedrückte Stimmung, Interesse- und Freudlosigkeit und eine Antriebsstörung. Andere häufige Symptome sind Konzentrationsverlust, Verlust des Selbstwertgefühls, Schuldgefühl, Unruhe/Hemmung, Schlafstörung und Appetitverminderung.
Eine Depression wird häufig unterdiagnostiziert, da in Arztgesprächen sehr oft psychosoziale Faktoren ausgeklammert werden. Darüber hinaus sind auch Widerstände von Behandlern und Patienten ein Grund dafür, emotionale Themen nicht anzusprechen. Im Krankenhaus sind zeitliche und finanzielle Grenzen für ausführli-che Exploration gesetzt. Dabei herrscht zusätzlich ein Mangel an Privatsphäre für persönliche Gespräche. Wenn man zum Beispiel daran denkt, dass in einem Vier-Bett-Zimmer eine Patientin darüber aufgeklärt wird, dass eine Brustamputation bevorsteht und drei andere Patientinnen dabei zuhören, wird es möglicherweise der Betroffenen schwer fallen, ihre wahren Gefühle zu zeigen.
Der Wissensstand über geeignete Therapiemöglichkeiten einer Depression ist oft mangelhaft. Die Erkrankung ist gut behandelbar, wenn sie frühzeitig und richtig erkannt wird. State of the Art in der Behandlung von Depressionen ist eine Kombinationstherapie von einer psychopharmakologischen Behandlung und einer psychologischen/psychotherapeutischen Begleitung.
Es gibt viele Wege, aus der Einsamkeit wieder herauszufinden. Dabei ist es wichtig, den Kreislauf der Sprachlosigkeit und Isolation zu durchbrechen und die Kommunikation wieder aufzunehmen. Gemeinsame, von Offenheit geprägte Gespräche erleichtern innerhalb der Familie das Verständnis füreinander. Wenn solche Gespräche nicht möglich sind und der Leidensdruck groß ist, empfiehlt es sich, eine Beratungsstelle aufzusuchen und professionelle Hilfe anzunehmen.

Erfolgreiche Projekte der Wiener Krebshilfe

Die Wiener Krebshilfe bietet Unterstützung für zwei Gruppen von besonders einsamen und bedürftigen Menschen an. Dies sind einerseits die Kinder von an Krebs erkrankten Eltern und andererseits Patienten, die aufgrund von körperlicher und seelischer Behinderung nicht in der Lage sind, das Haus zu verlassen.
„Mama/Papa hat Krebs“ ist ein sehr erfolgreiches Projekt der Wiener Krebshilfe. Zwei Psychologen arbeiten mit Kindern und Jugendlichen, die aufgrund der Krebserkrankung eines Elternteils in seelische Not geraten sind. Da sich Kinder oft für die Erkrankung der Eltern schuldig fühlen, ist es sehr wichtig, das im Gespräch klar auszusprechen – dies führt häufig zu Erleichterung. Auch für Eltern werden solche Gespräche angeboten.
Im Rahmen von „Psychologische Hilfe daheim“ besuchen und betreuen zwei Psychologen Krebspatienten in ihrem gewohnten Umfeld. Sie sind aufgrund ihrer körperlichen und seelischen schlechten Verfassung nicht mehr in der Lage, das Beratungszentrum aufzusuchen.
Die Beratungsstelle der Wiener Krebshilfe bietet außerdem Einzel- und Familiengespräche für Krebspatienten und deren Angehörige an, die in Krisen geraten, intrafamiliäre Probleme haben, am Arbeitsplatz nicht mehr zurechtkommen und aufgrund der Krebserkrankung in eine Depression verfallen. Außerdem werden Gruppen angeboten, in denen sich Patienten und Angehörige austauschen oder gemeinsam kreativ tätig sein können. Ein spezielles Projekt ist auch das Betreuungsangebot in der Nachsorge. Alle erwähnten Projekte sind kostenlos. Es gibt auch keine Wartezeiten und keine komplizierten Überweisungsmodalitäten.

Mag. Karin Isak ist Klinische Psychologin und Psychoonkologin, Beratungsstellenleiterin der Wiener Krebshilfe.

Wiener Krebshilfe Beratungszentrum
www.krebshilfe-wien.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben