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Innere Medizin 30. April 2008

Nur Impfen schützt

Impfungen gehören zu den wichtigsten Präventivmaßnahmen des modernen Gesundheitswesens. Hohe Durchimpfungsraten bieten auch dem Nichtimmunisierten Herdenschutz. Und deshalb muss weiter geimpft werden, auch wenn Vollbild und Folgeschäden von einzelnen Erkrankungen so manchem nur mehr vom Hörensagen bekannt sind.

Impfungen sind unzweifelhaft eines der wichtigsten vorbeugenden Instrumente des Gesundheitswesens. Impfstoffe schützen durch ihre vorbeugende Immunisierung vor unterschiedlichsten Infektionskrankheiten, hemmen die Ausbreitung von Erkrankungen und verhindern das Auftreten von Epidemien. So konnten etwa die Pocken durch internationale Impfprogramme weltweit ausgerottet werden, und auch andere Infektionskrankheiten, beispielsweise Tetanus oder Kinderlähmung, sind in der westlichen Welt nahezu verschwunden.

Schutz des Individuums

Die Impfung schützt den Impfling vor lebensbedrohlichen Erkrankungen: Klassisches Beispiel ist das in der Sechsfachimpfung enthaltene Vakzin gegen Haemophilus influenzae B (HIb). Seit der Aufnahme in das Impfprogramm sind in Österreich schwere Erkrankungen durch diesen Erreger, an denen früher jährlich mehrere Kinder an Gehirnhautentzündung gestorben sind, praktisch nicht mehr existent.
Zum rechtzeitigen Aufbau des eigenen Immunschutzes sollten Säuglinge zum frühest möglichen Zeitpunkt (Beginn drittes Lebensmonat) geimpft werden, da sie einerseits durch Infektionskrankheiten besonders bedroht sind, und andererseits die schützenden Abwehrstoffe der Mutter (Nestschutz) nachlassen.

Schutz der Umgebung

Die Impfung schützt auch diejenigen, die mit dem Impfling in Kontakt kommen. Beispiel Masern-Mumps-Röteln-Impfung: Durch die Impfung auch aller Buben wird unter anderem verhindert, dass ein an Röteln erkranktes Kind eine Schwangere ansteckt, wodurch wiederum eine durch Röteln verursachte schwere Erkrankung des Ungeborenen ausgeschlossen wird.

Herdenschutz

Impfungen hemmen die Ausbreitung von Erkrankungen. Nur durch weiterhin hohe Durchimpfungsraten können Infektionsketten durchbrochen werden, Krankheitserreger elimiert und schließlich weltweit ausgerottet werden. Daher ist auch in Österreich eine Impfung gegen Erkrankungen wie beispielsweise Kinderlähmung noch immer notwendig.

Volkswirtschaftlicher Effekt von Impfungen

Heuer wurde den Bediensteten des Landeskrankenhauses Graz erstmals zur Gratisimpfung gegen Virusgrippe auch eine Autobahnvignette zur Verfügung gestellt. Die kalkulierten volkswirtschaftlichen finanziellen Schäden durch grippebedingte Ausfälle der Mitarbeiter übertreffen offensichtlich die Kosten einer derartigen Impfaktion (ganz abgesehen von den dadurch verhinderten Gesundheitskomplikationen!). Impfen heißt Risiko reduzieren.
Kosten-Nutzenrechnung: Bei jeder Impfung wird abgewogen: Wie groß ist das mögliche Risiko einer Impfung und welcher gesundheitliche Schaden kann anderseits durch die Impfung verhindert werden? Einer der am besten untersuchten Szenarien diesbezüglich stellt die Masern-Mumps-Röteln-Impfung dar. Zwei von 1.000 Maserninfizierten erkranken an einer besonders heimtückischen (langwierig und tödlich verlaufenden) Erkrankung des Gehirns.
Ein für Österreich positives Spezifikum ist die erfreulich hohe Durchimpfungsrate bei FSME von 88 Prozent. Die Effektivität der Impfung beträgt 99 Prozent. Es konnten so im Zeitraum von 2000 bis 2006 in Österreich etwa 2.800 Erkrankungsfälle und etwa 20 Todesfälle vermieden werden.

Wann impfen?

Es gibt nur wenige Situationen, die gegen eine Impfung sprechen. Eine ist, wenn das Kind gerade an einer akuten hochfieberhaften Infektionskrankheit leidet, oder es zu schwerwiegenden allergischen Reaktionen auf die Impf-Inhaltsstoffe kommt oder sich die Kondition eines erkrankten Kindes durch eine Impfreaktion weiter verschlechtern könnte (z. B. Lebendimpfung bei angeborener Immunschwäche des Kindes, Impfung bei progressiver neurologischer Erkrankung). Detaillierte Informationen zum Thema Impfen sind auch der Homepage der Österreichischen Gesellschaft für Kinder und Jugendheilkunde www.docs4you.at (Vorsorgemedizin/Impfungen) zu entnehmen.
Obwohl der Nutzen der vorbeugenden Immunisierung durch Impfungen als erwiesen gilt, ist Impfen durch eine Gegnerschaft, die Erkrankungen und Empfindlichkeitsstörungen mit Vaktionationen in Verbindung bringt, nach wie vor mit einer als irrational zu bezeichnenden Angst besetzt.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schreibt das Recht aller Kinder auf die beste Gesundheitsversorgung fest. Dazu zählt auch der Schutz vor Erkrankungen, die durch Impfungen vermeidbar sind. Das heißt, jedes Kind hat ein Recht darauf, durch entsprechende Impfungen vor Krankheiten geschützt zu werden. Impfen bedeutet Risiko reduzieren, ein Abraten von Impfungen (ohne vorliegende Kontraindikationen) stellt daher einen klaren Verstoß gegen eine beweisgestützte (evidenzbasierte) Medizin dar.


Die sieben häufigsten Irrtümer der Impfgegner

1. Impfgegner behaupten, Krankheiten seien etwas Natürliches und allein positive Gedanken schützten vor schweren Erkrankungen. Das ist unwahr. Infektionskrankheiten (z. B. Meningokokken) können bei Nichtgeimpften innerhalb weniger Stunden aus voller Gesundheit zum Tode führen und sind sicher nicht durch positives Denken vermeidbar.
2. Impfgegner behaupten, Impfen wirke nicht. Das ist unwahr. Durch internationale Impfprogramme konnten schwere Erkrankungen wie z. B. Pocken weltweit ausgerottet werden.
3. Impfgegner behaupten, Infektionskrankheiten gingen heutzutage aufgrund von besseren Lebensumständen immer mehr zurück. Das ist unwahr. So erkrankten z. B. im Zeitraum 1980 bis 2000 allein in der Steiermark 109 Kinder an FSME, weil sie nicht oder ungenügend geimpft waren – trotz heute verbesserter Lebensumstände.
4. Impfgegner behaupten, dass es nicht notwendig sei, weiter gegen Krankheiten, die kaum mehr auftreten (etwa Diphtherie oder Kinderlähmung), zu impfen. Das ist unwahr. Wenn die Durchimpfungsrate gegen eine auf der Welt noch nicht ausgerottete Erkrankung zu weit absinkt, ist durch Einschleppen der Krankheitserreger aus ungeschützten Regionen eine neuerliche Verbreitung der Infektion sicher.
5. Impfgegner behaupten, dass die Nebenwirkungen der Impfung mindestens so häufig seien wie die Komplikationen der zu verhütenden Erkrankungen. Das ist unwahr. Anerkannte Impfschäden sind um ein Vielfaches seltener als Todesopfer und Komplikationen durch die zu verhütende Krankheit.
6. Impfgegner behaupten, für viele Impfungen sei in wissenschaftlichen Arbeiten belegt, dass sie zu schweren Nebenwirkungen führen. Das ist unwahr. Alle diese Behauptungen wurden entweder nicht bestätigt oder widerlegt. Nebenwirkungen sind so selten, dass sie nur einen winzigen Bruchteil im Vergleich zu den verhüteten Komplikationen darstellen.
7. Impfgegner behaupten, Impfungen verhinderten die Entwicklung des Immunsystems und seien verantwortlich für die Zunahme von Allergien und Autoimmunerkrankungen. Das ist unwahr. Kinder haben in den ersten sechs Jahren bis zu 40 Infektionserkrankungen (6-8 Infekte pro Jahr). Die durch Impfen verhinderten Erkrankungen wie Masern sind somit nur ein Bruchteil aller Infektionen des Kindes. Groß angelegte Studien (z. B. De Stefano USA 2002) zeigen, dass die Häufigkeit, mit der Kinder an Asthma bronchiale erkranken, bei geimpften und ungeimpften Kindern gleich ist. Hingegen belegen Studien, dass die im Vergleich zu vergangenen Zeiten hygienischeren Lebensbedingungen heute das Entstehen von Allergien begünstigen.

Schmitzberger, Ärzte Woche 18/2008

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